Forscher fordern viel tiefere Grenzwerte für Pestizide

ETH-Wissenschaftler finden mit einer neuen Messmethode giftige Substanzen in Bächen. Das hat tief greifende Konsequenzen für die Zulassungspraxis.

Neue Messmethoden zeigen todbringende Giftkonzentrationen: Analyse von Wasserproben. Foto: Keystone

Neue Messmethoden zeigen todbringende Giftkonzentrationen: Analyse von Wasserproben. Foto: Keystone

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Die Bauernlobby kämpft ­gerade mit voller Kraft gegen rigorose Forderungen der Pestizidgegner. Diese wollen mit zwei Initiativen chemische Spritzmittel aus der Landwirtschaft verbannen. Ausgerechnet jetzt kommt von einer zweiten Seite zusätzlicher Druck auf die Bauern: ETH-Forscher haben eine revolutionäre Methode zur Messung von Pestiziden im Wasser entwickelt – und entdeckten hochtoxische Substanzen in Schweizer Gewässern. Das bringt die Zulassungsbehörden unter Zugzwang. Jetzt drohen Verbote für Pflanzenschutzmittel auf breiter Linie.

Bei den entdeckten Substanzen geht es um für Wassertiere hochgiftige Spritzmittel, um sogenannte Pyrethroide und Organophosphate. Bereits wenige Billiardstelgramm in einem Liter Wasser sind für Kleinlebewesen in Bächen und Flüssen tödlich. Bis jetzt standen diese Substanzen aus einem simplen Grund nicht im Fokus der ­Gewässerschutzbehörden: Es gilt für sie derselbe hoch angesetzte Grenzwert wie für alle anderen Pestizide. Und ausserdem konnte man die Substanzen in so tiefer Konzentration bislang gar nicht nachwiesen.

Doch was die Wissenschaftler des zum ETH-Bereich gehörenden Wasserforschungsinstituts Eawag entdeckten, rückt die Bewilligungspraxis dieser Umweltgifte in ein anderes Licht: Die Forscher haben mit der neuen Messmethode Wasser aus sechs Bächen analysiert. Das überraschende Resultat: Nur ein einziger Bach war sauber. In allen anderen haben die Wissenschaftler insgesamt neun dieser besonders problematischen Insektizide gemessen. Dabei lagen die Konzentrationen stets über den für diese Lebewesen tödlichen Werten.

Der einheitliche Grenzwert soll abgeschafft werden

Eawag-Forscherin Marion Junghans sagt: «Die gemessenen Insektizide stellen besonders für Bachflohkrebse und Insektenlarven eine Gefahr dar.» Sie spielen laut der Forscherin «im Nahrungsnetz von Bächen eine wichtige Rolle» und können «Auswirkungen auf das ganze Ökosystem haben, zum Beispiel auf Fische, denen die Krebse als Nahrung dienen, aber auch auf Vögel, die sich von geschlüpften Insekten ernähren», so Junghans. Ihre Schlussfolgerung: «Für viele Insektizide wäre es sinnvoll, den bereits vor 20 Jahren eingeführten allgemeinen Pestizidgrenzwert durch spezifische, deutlich tiefere Werte zu ersetzen.» Zum Teil wären es laut der Wissenschaftlerin «mehr als tausendfach tiefere Grenzwerte».

Die Befunde des ETH-Instituts kommen zu einem für Bauern höchst ungelegenen Zeitpunkt: Denn die Bundesbehörden überarbeiten gerade die Gewässerschutzverordnung. Der bis jetzt für alle Pflanzenschutzmittel gültige Einheitsgrenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser soll abgeschafft werden. Das eidgenössische Departement für Umwelt und Verkehr (Uvek) hat im Entwurf der neuen Verordnung für einige Pestizide viel tiefere Grenzwerte vorgeschlagen – unter anderem auch für einige der von den Forschern nachgewiesenen Substanzen.

Ob der Bundesrat die Grenzwerte wie vom Uvek vorgeschlagen in Kraft setzt, ist offen. Die Regierung hat den Entscheid nun schon mehr als ein Jahr hinausgezögert. Bislang ist durchgesickert, dass einige Bundesstellen den Vorschlag des Uvek entschärfen wollen und bei etlichen Mitteln eher höhere als tiefere Grenzwerte durchsetzen möchten. Doch jetzt, da erwiesen ist, dass die hochtoxischen Stoffe in für Wassertiere tödlicher Menge vorkommen, steigt der Druck, die Grenzwerte für weitere Substanzen nach unten anzupassen.

Pestizidgegner sehen sich bestätigt

Werden die Grenzwerte aller von den Forschern nachgewiesenen Substanzen in den kommenden Monaten tatsächlich gesenkt, wird dies handfeste Konsequenzen haben, wie das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) bestätigt: «Wenn es bei einem Pflanzenschutzmittel in Gewässern regelmässig zu Überschreitungen des Grenzwertes kommt, wird die Zulassungsbewilligung des Pflanzenschutzmittels überprüft. Das kann zu einem Verbot des Mittels führen», sagt BLW-Sprecher Olivier Félix. Zwei der Stoffe hat das BLW vor wenigen Wochen – aus anderen Gründen –bereits von der Liste der erlaubten Pestizide gestrichen. Der Berner Umweltdirektor Christoph Neuhaus ruft das BLW zu konsequentem Handeln auf: «Kritische Stoffe gehören verboten, wenn sie die Grenzwerte überschreiten. Alles andere ist Augenwischerei.»

Die Pestizidgegner sehen sich durch die Forschungsresultate bestätigt: «Wir sagen seit langem, dass die Gefahren viel grösser sind, als die Behörden und die Spritzmittelvertreter uns glauben machen», sagt Franziska Herren, Urheberin der Trinkwasserinitiative. Dass mit der neuen Grenzwertverordnung alles besser wird, glaubt sie nicht. Denn der Entwurf sehe bei vielen Pestiziden keine Senkung, sondern eine Erhöhung der Grenzwerte vor. Zum Beispiel beim umstrittenen Glyphosat.



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Erstellt: 10.11.2019, 20:25 Uhr

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