«Der Himmel ist explodiert, und Sterne regnen auf mich herab»

1975 nahm der französische Philosoph Michel Foucault erstmals LSD. Diese Erfahrung soll alles verändert haben.

«Eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens»: Michel Foucault (l.) und Michael Stoneman im Sommer 1975 im Death Valley. Foto: Simeon Wade with Permission of David Wade

«Eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens»: Michel Foucault (l.) und Michael Stoneman im Sommer 1975 im Death Valley. Foto: Simeon Wade with Permission of David Wade

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Geschichte klingt etwas irr, aber nun gibt es Dokumente, die nahelegen, dass sie stimmt: Im Mai 1975 fuhr der französische Philosoph Michel Foucault mit zwei jungen Männern ins Death Valley, wo er vor imposanter Kulisse einen LSD-Trip erlebte, der sein Denken verändert haben soll. Ja, Foucault soll geweint und verkündet haben, er kenne nun die Wahrheit.

LSD ist eines der stärksten Halluzinogene. Seit der Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1943 bei seiner Laborarbeit für Sandoz die Verbindung synthetisierte und auf dem Nachhauseweg mit dem Velo den ersten dokumentierten LSD-Trip erlebte, haben wohl Millionen Menschen die Erfahrungen mit der Droge gemacht. Aber Michel Foucault ist nicht irgendwer, er ist der meistzitierte Autor in den Geistes- UND den Naturwissenschaften. Da fällt eine Veränderung im Denken durchaus ins Gewicht.

Aber ist es tatsächlich dank LSD zu einer Verschiebung in seinem Denken gekommen? Fakt ist, dass sich Foucault offen gegenüber Drogen zeigte: Opium erzeuge eine «schwerelose Unbeweglichkeit», heisst es in einem Text von 1970. Und in einem Interview kommt die Rede auf jene, die LSD nehmen, um sich «für zwölf Stunden in einen Zustand der ‹Nichtvernunft› zu versetzen». Auf dem Trip würden die LSD-Konsumenten eine Erfahrung des Wahnsinns machen. «Jenseits des Gegensatzes zwischen Normalität und Pathologie», auf den sonst alles in unserer Gesellschaft reduziert wird.

Foucault soll nach seinem LSD-Trip im Death Valley geweint und verkündet haben, er kenne nun die Wahrheit. (Foto: Simeon Wade with Permission of David Wade)

Die Tatsache, dass der LSD-Trip stattgefunden hatte, belegte bisher nur die Erinnerung eines Freundes, demzufolge Foucault «nostalgisch» an eine «unvergessliche» Wüstennacht zurückdenke, die er mit «sorgfältig» dosiertem LSD, grossartiger Musik und netten Menschen verbracht habe. Die Biografen mahnten angesichts dieser dünnen Quellenlage zur Skepsis. Nicht zuletzt, weil es Passagen gibt, in denen Foucault sich indifferent bis kritisch gegenüber den Drogen verhält: Nur «Kartenlegerinnen» würden in der Droge einen Zugang zu einer Welt sehen, die «wahrer als die Wirklichkeit» ist.

Der zitierte Text mündet in eine taumelnde Passage, in der Foucault mit eingestreuten «Vielleicht» Zweifel anbringt: «Wenn das Denken der Dummheit ins Gesicht sehen muss», dann gelte für die Droge, «dass sie die Dummheit mit Farben versieht». Ja, vielleicht habe die Droge gar die Kraft, die Dummheit zu zerstreuen, sie «durch ein kontinuierliches Leuchten» zu ersetzen. «Vielleicht.»

Vielleicht? Vielleicht verflogen Foucaults Zweifel an der Droge fünf Jahre später, als er im Death Valley erstmals LSD nahm. Zumindest bei einigen Foucault-Forschern war der Ehrgeiz geweckt: Ein Foto aus dem «Time Magazine» zeigt Foucault zwischen seinen damaligen Trip-Begleitern, dem bärtigen Pianisten Michael Stoneman und dessen Freund Simeon Wade, der 1975 als Assistent an einer Fachhochschule arbeitete. Wade war es, der Foucault auf den Trip eingeladen und darüber einen 120-seitigen Bericht geschrieben, zudem ein Fanzine mit dem Titel «Chez Foucault» herausgegeben hatte. Das wusste man. «Hat das jemand mal im Original gesehen?», fragte ein Foucault-Forscher auf seinem Blog. «Ich war nicht in der Lage, Wades Kontaktdaten zu ermitteln. Jede Information ist willkommen.»

«Der Himmel ist explodiert, und Sterne regnen auf mich herab»

Vor fünf Jahren gelang einer Forscherin der Kontakt: Wade zeigte sich zugänglich und grub aus seinem Archiv einige Fotos aus, die belegen, dass er mit Foucault im Death Valley war. Und er händigte das Manuskript seines Berichts über den Trip aus, das nun als Buch erschienen ist. Darin enthalten sind auch einige Auszüge aus Foucaults Briefen, in denen er schreibt, der Trip ins Death Valley sei für ihn «eine grossartige Erfahrung» gewesen, «eine der wichtigsten meines Lebens». Er habe das Gefühl, «dass ich auswandern und ein Kalifornier werden muss», heisst es in einem anderen Brief. Mit seinem Buch «über sexuelle Repression» habe er nochmals «neu beginnen» müssen – wegen des LSD-Trips, heisst es im Oktober 1975.

Es sind diese Briefe, die Wades Bericht Autorität geben, es also wahrscheinlich erscheinen lassen, dass sich alles so abgespielt hat, wie er es in «Foucault in California» beschreibt, auch wenn einiges verklatscht ist und ins allzu Private drängt. Etwa jene Passagen, in denen beschrieben wird, wie Wade und Stoneman – beide begeistert von Foucaults Werk und dessen offen gelebter Homosexualität – den Philosophen zu sich nach Hause einluden, wo sie alles so schön für seine Augen drapiert hatten. «O là là! Très beau: merveilleuse!», soll Foucault bei der Hausbesichtigung gesagt haben. Übernachtet habe er auf ihrem Wasserbett, sie sollen miteinander gekifft und sich über die S/M-Szene in San Francisco unterhalten haben.

«Ich werde der Alchemist sein und das Experiment dokumentieren». Das war der Plan von Simeon Wade, hier links neben Foucault. (Foto: Simeon Wade with Permission of David Wade)

Glaubhafter erscheint die Behauptung, Wade habe schon früh den Entschluss gefasst, Foucault im Death Valley über seine Grenze hinaus zu führen, weil er annahm, die Reise würde ihn erleuchten – dank seiner Hilfe: «Ich werde der Alchemist sein und das Experiment dokumentieren», schreibt Wade. «Die Formel ist die folgende: Michel Foucault + der Stein der Weisen + das Death Valley + Michael Stoneman.» Und so kam es, wie es kommen sollte: Zu dritt brachen Stoneman, Wade und Foucault mit einem Volvo ins Death Valley auf. Sie nahmen den «Stein der Weisen» ein – und hörten dazu Charles Ives’ «Three Places in New England», Karlheinz Stockhausens «Gesang der Jünglinge» und Richard Strauss’ «Vier letzte Lieder». Für Ersthörer wird diese Auswahl nicht gerade die naheliegendste für einen LSD-Trip sein. Aber nicht für Foucault, der eine intensive Beziehung zur zeitgenössischen Musik hatte, spätestens seit er mit seinem früheren Freund, dem Komponisten Jean Barraqué, in den 1950er-Jahren Nietzsche-Gedichte für dessen Werk arrangiert hatte.

Das LSD verfehlte seine Wirkung nicht: Wade legte sich auf seinem Rücken, schaute in den Himmel «und fühlte, dass ich halluzinierte». Der Sternenhimmel «dröhnte, summte und blinkte», auch bei Foucault, der sich zunächst dagegen gesträubt haben soll, die ganze LSD-Dosis einzunehmen: «Der Himmel ist explodiert, und die Sterne regnen auf mich herab», soll Foucault gesagt haben. «Ich weiss, dass dies nicht stimmt, aber es ist die Wahrheit.»

«Ich weiss, dass dies nicht stimmt, aber es ist die Wahrheit.» Foucaults Death-Valley-Trip soll zu einer Wende in seinem Denken geführt haben. (Foto: Simeon Wade with Permission of David Wade)

Foucault habe seinen Bericht gelesen und die Publikation erlaubt, heisst es bei Wade. Ob das stimmt, lässt sich nicht sagen. In Foucaults Werk gibt es aber tatsächlich eine Wende in den Jahren nach dem LSD-Trip: Anders als früher nahm er nicht mehr an, dass Freiheit nur eine Maske der Machtmechanismen ist. Dafür gewinnt der Begriff der Selbstsorge an Bedeutung, denn für den späten Foucault scheint es möglich, einen positiven Bezug zum Selbst zu entwickeln, der nicht von Techniken der Macht bestimmt ist. Oder wie Wade schreibt: «Foucaults letzte Botschaft an uns ist der höchste Wert der ‹Ästhetik des Daseins›. Er lehrt uns, uns den ruinösen Regeln der disziplinierten Gesellschaft zu entziehen und unser Leben zu Kunstwerken zu machen.»

Wahrscheinlich ist es eine Glaubensfrage, ob man sich den sozialen Verhältnissen entziehen kann. Oder ob die Aufforderung zur Selbstsorge – mithilfe von Achtsamkeit, Yoga und dergleichen – nicht eine raffinierte Machttechnik ist, die uns zu noch leistungsfähigeren Arbeitern macht. Offen bleibt wohl auch die Frage, ob man die ethische Wende in Foucaults Denken auf seinen LSD-Trip zurückführen kann. Er soll aber noch auf seinem Sterbebett gebeten haben, Simeon Wade möge ihm LSD nach Paris bringen, damit er sein Leben mit einem Trip beenden könne. Dazu kam es nicht mehr: Foucault starb 1984 an Aids. Simeon Wade verstarb am 3. Oktober 2017 – vier Tage, nachdem ein Interview erschien, in dem er erstmals öffentlich von seinem LSD-Trip ins Death Valley berichtete. Ganz so, als sei dies seine letzte Mission gewesen.

Simeon Wade: «Foucault in California», Heyday, 144 Seiten



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 01.06.2019, 18:20 Uhr

Philosoph der Macht

Michel Foucault, geboren 1926, erhielt 1970 einen Lehrstuhl am Collège de France, der eigens für ihn eingerichtet wurde. In seiner Hauptphase geht er von der Annahme aus, dass alles von Macht durchdrungen ist, unser Wissen ebenso wie unsere Körper. Diese Perspektive erlaubt ihm in Büchern wie «Überwachen und Strafe» eine Kritik von Disziplinierungs- und Ausschlussmechanismen. Eine gute Einführung zu Foucaults Werk gibt es vom Historiker Philipp Sarasin (Junius, 232 Seiten, ca. 22 Fr.).

Artikel zum Thema

Ein Autor bedient sich am Buffet

Christoph Marthaler plagiierte Christa Rigozzi, eine Klage hätte gute Chancen. Da stellen sich ein paar schwierige Fragen. Mehr...

«Die Leute haben Angst – und sie können sich nicht wehren» 

Interview Geoffroy de Lagasnerie sagt, Emmanuel Macron habe ein «System des Terrors» installiert. Der Philosoph fordert einen radikalen Blick auf den Staat und das Rechtssystem. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...