Frau ohne Eigenschaften

Markus Somm über Theresa May und ihren Brexit ins Nirgendwo.

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Selten ist ein britischer Politiker in der eigenen Presse, zumal der konservativen, so beschimpft worden wie Theresa May, die stets etwas brav wirkende Tochter eines Pastors, die derzeit noch als Premierministerin von Grossbritannien fungiert. Von Lügen war die Rede, von Unfähigkeit und Verrat. «Wer befreit uns von dieser schrecklichen Premier­ministerin?», fasste der «Telegraph», das Leitblatt des Establishments, das Ausmass der Verachtung zusammen, das ihr entgegenschlug, eine Verachtung, die so weit ging, dass man sie dafür nicht einmal mit Hass auszeichnen mochte: «Frau May ist eine zu fade Person», schrieb die Kommentatorin des «Telegraph», «als dass sie Hass verdiente. Es wäre, als würde man einen Mopp oder eine Seemöwe hassen.» Stattdessen wurde ihr empfohlen: «Go now».

Was hat May verbrochen? Seit diese Woche bekannt geworden war, worauf sich May mit der EU verständigt hatte, um den Brexit zu vollziehen, herrschen in Grossbritannien Aufruhr und Sturm. Insbesondere die Konservativen, ihre Partei, stehen vor der Explosion. Eine Palastrevolution ist im Gang, dem Abkommen dürfte das Parlament kaum je zustimmen, selbst ­Labour, die linke Opposition, gibt sich skeptisch. Ob May als Regierungschefin überlebt, ist zwar offen, doch fast niemand glaubt daran. Zu sehr hat May ihre eigenen Leute, nein, das ganze Land, enttäuscht.

Tatsächlich hat sich May als eine miserable Politikerin erwiesen. Nachdem sie zu Anfang der Verhandlungen mit der EU recht robust aufgetreten war, was die Euroskeptiker beruhigte, gab sie bald Stück für Stück nach, bis sie jetzt ein Papier vorlegte, wonach Grossbritannien zwar der Form nach die EU verlassen, faktisch aber in der Zollunion und weitgehend auch im Binnenmarkt verbleiben würde – das Land müsste demnach viele Regeln der EU übernehmen, ohne je mitreden zu können. Kurz, Grossbritannien, die einstige Weltmacht, verfügte über weniger Einfluss auf die Zustände im eigenen Land als etwa Luxemburg oder Lettland. Was aber vielleicht am schwersten wiegt: Sollten die Briten diese Zollunion je verlassen wollen, müsste die EU das gutheissen. Hat man darum für den Austritt aus der EU gestimmt, um nachher gar nie mehr austreten zu können? Theresa May, so drückte sich ihr strohblonder Rivale Boris Johnson aus, habe das Land als einen Vasallenstaat der EU ausgeliefert. Er hätte sie auch als Landesverräterin bezeichnen können – wenige wären anderer Ansicht gewesen.

Was will die EU? Dass die Briten ihr auf ewig feindselig gegenüberstehen?

Dass die EU die Briten derart zu demütigen weiss, hat wenig damit zu tun, dass sich diese EU in einer starken Position befände. Im Gegenteil, weil sie so zerstritten ist, kann sie nirgendwo nachgeben, ohne intern in Schwierigkeiten zu geraten. Kompromisse zu schliessen braucht Kraft, und Kompromisse vermögen nur mächtige Politiker durchzusetzen. An solchen mangelt es der EU. Ob Merkel, Juncker oder Macron, fast alle sind sie mit dem eigenen Niedergang vollauf beschäftigt, sodass ihnen keine Zeit bleibt, sich um jenen von May zu kümmern. Vor ­allem fehlt es an Klugheit. Was will die EU? Dass die Briten ihr auf ewig feindselig gegenüberstehen?

Manchmal erhält man den Eindruck, die Verlierer des Zweiten Weltkriegs, und dazu gehört, neben Deutschland, eben auch Frankreich, wollten sich an ihren Befreiern, den Briten, rächen. Nichts zeigt das deutlicher als die Art und Weise, wie die EU die Briten in Sachen Nordirland erpresst, – man muss es so drastisch sagen. Unter dem Vorwand, sich um die Iren zu sorgen, verlangt die EU, dass die innerirische Grenze durchlässig bleibt, was nur möglich ist, wenn Nordirland faktisch als Teil der EU gilt. Das würde Grossbritannien zwingen, eine Zollgrenze im eigenen Hoheitsgebiet, in der Irischen See, zu errichten. ­Welches souveräne Land lässt sich darauf ein? ­Akzeptierten die Franzosen eine Grenze zwischen Marseille und Korsika?

Die Frau ohne Eigenschaften. Theresa May machte Karriere, weil sie niemanden vor den Kopf stiess und niemanden begeisterte. Prinzipien kennt sie kaum. In schweren Zeiten reicht das nicht. Ihre Zeit ist abgelaufen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.11.2018, 22:36 Uhr

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