Frauen im Röckli

Ehrendamen gehörten früher zum Sport wie Isostar. Mittlerweile gelten sie an vielen Orten als peinlich.

Männer sind Helden, Frauen spenden Applaus: An der Tour de France gehören Hostessen in High Heels und Minis, die dem Etappensieger huldigen, immer noch dazu. Foto: Getty Images

Männer sind Helden, Frauen spenden Applaus: An der Tour de France gehören Hostessen in High Heels und Minis, die dem Etappensieger huldigen, immer noch dazu. Foto: Getty Images

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Die Änderung hatte kaum jemand bemerkt: Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des traditionsreichsten Tennisturniers der Welt wurden dieses Jahr die Spielerinnen in Wimbledon nicht mehr entsprechend ihrem Zivilstand genannt – also Miss oder Mrs –, sondern wie ihre männlichen Kollegen nur mit dem ­Nachnamen. Man müsse, erklärte der All England Lawn Tennis and Croquet Club die neue Regelung, «mit der Zeit gehen».

Was so viel heisst wie: 2019 anerkennt man selbst an einem so geschichtsträchtigen und Traditionen hoch haltenden Ort wie Wimbledon, dass die Sache mit der Gleichberechtigung kein modischer Firlefanz ist, sondern eine Notwendigkeit. Auch dann, wenn es um vermeintliche Nebensächlichkeiten wie die Namensnennung geht. Es dauerte lange genug, bis sich diese Ansicht im Sport durchsetzte; in dieser sehr männlich dominierten Welt tat man lange so, wie wenn die sehr laut und teils heftig geführte Gender-Debatte einen rein gar nichts angehen würde.

Aber es tut sich was. Nicht nur in Wimbledon. Bei den Cheerleadern der grossen US-Basket- und Footballmannschaften tanzen seit längerem Männer mit. Und selbst in der virilen Formel 1 sah man ein, dass die Grid Girls, die da leicht bekleidet in den Boxengassen rumstaksten, nur noch peinlich wirken. Oder eben: nicht mehr zeitgemäss.

Mit Quinton Peron, ­Cheerleader bei den Los Angeles Rams, tanzten an der Superbowl 2019 erstmals Männer mit. (Foto: Getty Images)

Natürlich wird dagegengehalten. An der aktuell rollenden Tour de France etwa ist kein Platz für neumodisches Zeug, da ist die Welt noch in Ordnung: Männer sind Helden, Frauen spenden Applaus. Nach wie vor huldigen dem Etappensieger zwei junge Demoiselles in High Heels und in figurbetonten Kleidern, das Haar offen, das Make-up dick, sie flankieren ihn, küssen ihn auf die schweissigen Backen und zeigen Bein und strecken die Brust raus und lächeln und lächeln und lächeln.

Diese ausschliesslich für das weibliche Geschlecht vorgesehene Tätigkeit heisst an der Tour de France «Hôtesse du Tour», also «Tour-Hostess». Ansonsten heissen die Frauen im Röckli an Sportveranstaltungen «Podium Girls» und im Deutschen «Ehrendamen». Wobei unklar ist, worauf sich die Ehre bezieht: Ist es eine Ehre für die Frauen, den Mann schmücken zu dürfen? Oder wird dem Mann die Ehre zuteil, von Frauen geschmückt zu werden? Zu welchem Schluss man auch neigt, nach Gleichberechtigung klingt beides nicht.

Sondern nach dem, worum es geht: Frauen als Dekoration, als schmückendes Beiwerk, das dem Mann, der Grossartiges vollbracht hat, zu noch mehr Glanz verhilft. Genauso wie damals in den Fünfzigerjahren, als der Gatte nach einem strengen Tag draussen in der Welt nach Hause kam, um dort von der strahlenden Gattin erwartet zu werden, die ihm umgehend die Pantoffeln bereitstellte und dann das Abendessen servierte. Wobei es die Gümmeler 2019 sogar noch besser haben: Ihnen huldigen nicht nur eine, sondern gleich zwei Frauen in sexy Vollmontur.

Die Vuelta a España verzichtete auf Podium Girls

Die Hierarchie ist also klar, der weibliche Daseinszweck auch, und so kniff 2013 an der Siegerehrung der Flandern-Rundfahrt der zweitplatzierte Peter Sagan dem Podium Girl, das gerade Gewinner Fabian Cancellara küsste, in den beminirockten Hintern – keineswegs heimlich, sondern feixend vor versammelter Weltpresse.

Sagan musste sich dafür entschuldigen, ein kurzes aufgesetztes Bedauern reichte, damit war die Sache erledigt. Mehr war nicht nötig, denn vor sechs Jahren wurden jene, die sich an den Podium Girls störten, ja auch noch verlacht: als humorlose Feministinnen, die den Männern selbst den letzten Spass missgönnten.

Dann kam #MeToo. Und griff auf, was bereits in der Luft lag: dass die Frauen genug hatten von den Harvey Weinsteins dieser Welt, genug davon, belästigt und bedrängt und herabgewürdigt zu werden, genug vom mangelnden Respekt. Sogar jenen, die es nicht mit dem Feminismus hatten, schwante: Allzu gut steht es auch im angeblich fortschrittlichen Westen nicht um die Gleichstellung.

An der Tour de Suisse 2019 amtierten mit den Ex-Missen Dominique Rinderknecht und Linda Fäh immer noch Ehrendamen. (Foto: Keystone)

Mit einem Mal war die Kritik an den Podium Girls nicht mehr Feministinnen-Zeugs, und auch nicht mehr lächerlich. Weil man verstand, welch unmissverständliche Sprache Siegerehrungen sprechen, dass sich die Bilder ­davon ins kollektive Gedächtnis einbrennen und damit die Botschaft, die da heisst: Der Mann flankiert und bewundert von zwei Frauen – so soll das sein, das finden wir gut, so gehört sich das. Wie erklärt man da – in einer bildmächtigen Welt wie der unseren – einem kleinen Mädchen die Gleichberechtigung?

In dieser Hinsicht war die ­Vuelta unter den Sportveranstaltungen Avantgarde. Bei der spanischen Radrundfahrt war man der Zeit derart voraus, dass man bereits im Juli 2017 – also drei Monate vor #MeToo – erklärte, fortan auf die Podium Girls zu verzichten und stattdessen «elegant gekleidete Frauen und Männer» die Siegerehrungen vornehmen zu lassen. Es folgten die Volta a Catalunya, die Tour of California und die Tour Down Under.

Der Giro d’Italia hält bis heute an der weiblichen Deko fest, aber das erstaunt nicht in einem Land, das die «Veline» hervorbrachte, eine Art Fernseh-Animierdamen, die mit Blondhaar, Mini und Décolleté den vornehmlich älteren Moderatoren als fleischgewordenes Dummchen-Klischee assistieren.

Grid Girls wie am Formel-1-Grand-Prix von Italien 2017 gibt es heute nicht mehr. (Foto: EPA)

Und bei der Tour de Suisse (TdS)? Da windet man sich. Die Gestaltung der Siegerehrungen sei Sache der Sponsoren, erklärt TdS-Sprecher Ueli Anken. Das klingt ein wenig mutlos, so, wie wenn da jemand keine Position beziehen wollte, um auch ja niemanden zu verärgern. Aber Anken sieht das anders: «Die Vuelta mag offiziell auf die Podium Girls verzichten, aber dafür haben wir mit Célina Rovescala eine Frau in der Rennleitung.»

Frage also an die Vaudoise, die nicht nur Sponsorin ist, sondern als «Presenting Sponsor» täglich das Gelbe Trikot überreichen darf: Wieso verpflichtet die Versicherung dafür immer noch zwei ehemalige Missen, Linda Fäh und Dominique Rinderknecht, die dann den Tagessieger auch noch auf dem Podest schmücken? Man habe die Siegerehrung angepasst, erklärt die Vaudoise- Kommunikationsbeauftragte Aurélie Potocki: «Der traditionelle Kuss an den Etappensiegen wurde aufgegeben.» Konkret: Gratuliert wird neuerdings per Handschlag. Und das tat dieses Jahr neben dem Ex-Missen-Duo auch das Männer-Duo Fabian Cancellara und Vaudoise-CEO Philippe Hebeisen. Denn, so Potocki: «Die Vaudoise ist ein pragmatisches Unternehmen und wenn sich eine Tendenz klar abzeichnet und bewährt, zögern wir nicht, resolut mitzuziehen.»

Selbst die machoide Formel 1 verzichtet auf Grid Girls

«Resolut mitziehen» heisst wohl vor allem: Man beeilte sich, nicht als reaktionär dazustehen. Was vermutlich auch im Interesse von Dominique Rinderknecht lag, die sich als eine Hälfte des prominentesten Lesbenpaars der Schweiz gern lautstark für Gleichstellung einsetzt, bloss: Wie lässt sich dieses Engagement mit dem Job als Ehrendame vereinbaren? Rinderknecht sieht darin keinen Widerspruch und schreibt auf Anfrage: «Bei meinem Job an der Tour de Suisse fühle ich mich in keinster Weise reduziert oder zu Dekorationsware degradiert.» Sie erfülle vor Ort ganz verschiedene Aufgaben, und die würden einiges mehr beinhalten als einfach schön auszusehen. Sie sei stolz auf ihre fünfjährige Kooperation mit einem «progressiven Auftraggeber».

Ausgerechnet in dem als besonders machoid geltenden Motorrennsport ist man dann aber tatsächlich progressiv. Ein halbes Jahr nach dem Entscheid der Vuelta und nach der ersten heftigen Welle von #MeToo erklärte Formel-1-Managing-Director Sean Bratches den künftigen Verzicht auf die Grid Girls kurz und bündig so: «Wir sind der Meinung, dass dieser Brauch nicht mit unseren Werten vereinbar ist und klar der heutigen, modernen Gesellschaft widerspricht.»

Die Fans staunten, die Fahrer ebenso. Romain Grosjean fand das als einer der wenigen eine gute Sache, während seine Kollegen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel der Neuerung gar nichts abgewinnen konnten – die «schönen» Frauen gehörten doch zur Formel 1 dazu, beschwerten sie sich. Es sei nicht einzusehen, was daran verkehrt sein soll, es würde sie ja schliesslich niemand dazu zwingen.

George W. Bush war Cheerleader

Sie hatten nicht verstanden, was Formel-1-Chef Sean Bratches verstanden hatte: dass sich auch männlich dominierte Sportarten den gesellschaftlichen Veränderungen nicht entziehen können. Dass der Zeitgeist zwangsläufig auch sie erfasst – beziehungsweise umgekehrt: Dass peinlich wirkt, wer ihn ignoriert und sich auf «Traditionen» beruft. Denn Traditionen können an Akzeptanz verlieren und mit einem Mal nicht charmant altmodisch, sondern uncharmant zurückgeblieben wirken – wie ein Onkel, der an Hochzeiten immer noch derbe Witze über Hinterlader und Neger macht, weil er nicht mitbekommen hat, dass längst niemand mehr darüber lacht.

Das mit den Traditionen ist ohnehin so eine Sache. Als an der diesjährigen Superbowl die Los Angeles Rams gegen die New England Patriots angetreten waren, tanzten erstmals in der Geschichte des grössten Sportereignisses der Welt zwei Männer als Cheerleaders mit – bei den Los Angeles Rams. Wer sich über Quinton Peron und Napoleon Jinnies echauffierte, bewies wenig Ahnung: Das war keine Neuerung oder gar Gender-Zwängerei, sondern die Rückeroberung eines angestammten Terrains. Bis zum Zweiten Weltkrieg war es den Männern vorbehalten gewesen, ihren Sportteams mit Choreografie und Sprechchören einzuheizen: Die ehemaligen US-Präsidenten Eisenhower, Roosevelt, Reagan und George W. Bush waren allesamt Cheerleader gewesen.

Wer hätte das gedacht: Dass mit der Zeit zu gehen auch heissen kann, eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen.



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Erstellt: 20.07.2019, 18:00 Uhr

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