Frauen «zu wenig berücksichtigt und zu schlecht behandelt»

Bei einem Infarkt erhalten Patientinnen eine weniger gute medizinische Versorgung als Männer – das liegt auch an den Symptomen.

Das Herz abhören: Die Uni Zürich untersucht, warum das Organ bei Frauen anders altert als bei Männern. Foto: Getty Images

Das Herz abhören: Die Uni Zürich untersucht, warum das Organ bei Frauen anders altert als bei Männern. Foto: Getty Images

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Das Herz gilt als besonders empfindliches Organ der Männer. Nach weit verbreiteter Ansicht sind sie es schliesslich, denen der permanente Stress, die Überarbeitung im Beruf, allzu reichhaltiges Essen und zu wenig Bewegung besonders zusetzen, sodass die Pumpe zu früh schlappmacht. Dieses Klischee ist ebenso verbreitet wie falsch, und es bedroht jeden Tag die Gesundheit von Frauen und bringt ihr Leben in Gefahr. Gerade hat wieder eine grosse Studie im «European Heart Journal» gezeigt, dass Frauen deutlich schlechtere Chancen haben als Männer, wenn sie ausserhalb der Klinik einen Herzstillstand erleiden.

Ein niederländisches Ärzteteam um den Kardiologen Hanno Tan von der Universität Amsterdam hat über einen Zeitraum von sechs Jahren mehr als 5700 Notfälle analysiert, die sich ausserhalb des Krankenhauses ereigneten. Für Frauen standen die Chancen bei einem Herzstillstand gleich in mehrfacher Hinsicht schlecht, das fing schon bei der Hilfsbereitschaft der Ersthelfer an. Laien versuchten bei Frauen seltener als bei Männern, sie mittels Herzdruckmas­sage am Leben zu erhalten – das Verhältnis lag bei 68 zu 73 Prozent –, auch wenn die Passanten die Notlage ­direkt mitbekamen. Bei Frauen denkt man einfach weniger an ein Herzproblem als bei Männern.

Symptome bei Frauen nicht so leicht zu erkennen

Ärzte und Sanitäter scheinen da keine Ausnahme zu sein, denn in der weiteren Folge der Rettungskette haben Frauen auch keine besseren Aussichten. So war die Überlebensrate von Frauen vom Zeitpunkt des Herzstillstandes an bis zur Einweisung ins Krankenhaus in der niederländischen Untersuchung ebenfalls schlechter. Wenn sie überhaupt lebend in die Klinik gelangten, konnten nur 37 Prozent der Frauen das Spital gesund verlassen, bei den Männern waren es 55 Prozent.

Vom Beginn des Notfalls ausserhalb der Klinik an gerechnet, war die Chance für eine Frau mit Herzstillstand, von Ersthelfern optimal versorgt, in der Klinik gut behandelt und anschliessend gesund wieder nach Hause zu kommen, mit 12,5 Prozent um fast die Hälfte geringer als bei Männern mit Herzstillstand.

«Vermutlich ist den meisten Menschen nicht bewusst, dass ein Herzstillstand bei Frauen genauso häufig vorkommen kann wie bei Männern. Zudem erkennen die Frauen manchmal selbst nicht, wie dringlich ihre Beschwerden sind», sagt Tan. «Die Symptome eines beginnenden Herzstillstandes sind bei ihnen nicht so leicht zu erkennen, sie können sich als Erschöpfung, Ohnmacht, Übelkeit oder Hals- und Kieferschmerzen äussern, während Männer eher über typische Beschwerden wie Brustschmerzen klagen.»

«Jede Minute zählt»

Die Unterschiede in den Beschwerden und der Behandlung von Herzleiden standen am Beginn der Gendermedizin. Gerade die Kardiologie gilt als Paradebeispiel dafür, dass Frauen in der Medizin schlechter behandelt werden – und das trifft leider nicht nur auf den Herzstillstand zu.

Für Frauen ist es auch weniger wahrscheinlich, dass ein Herzinfarkt bei ihnen erkannt wird, dass sie eine Herzkatheteruntersuchung bekommen und dass ihre Kranzgefässe mit einem Ballonkatheter geweitet werden. «Da ein Herzstillstand zumeist ausserhalb der Klinik passiert, wäre schon viel erreicht, wenn wir das Bewusstsein wecken, dass dies bei Frauen ebenso vorkommt», sagt Tan. Und: «Weil es nur ein enges Zeitfenster gibt, in dem das Leben der Patienten gerettet werden kann, zählt jede Minute.»

Für die Frauen hat sich nicht viel getan

Manchmal käme es nur darauf an, einen Notruf abzusetzen. Teilweise seien die Unterschiede in der Versorgung allerdings auch gesellschaftlich begründet, etwa weil mehr ­ältere Frauen allein leben und deshalb später oder gar keine Hilfe ­bekommen. Tan ist jedoch davon überzeugt, dass sich die Verzögerungen und Defizite in Diagnose und Therapie innerhalb der Ärzteschaft leicht beheben liessen.

Diese Hoffnung wirkt im Jahre 2019 optimistisch, vielleicht sogar realitätsfern. Schliesslich macht die Gendermedizin schon seit mehr als 20 Jahren immer wieder darauf aufmerksam, wie viel Nachhol­bedarf gerade in der Kardiologie besteht, um Frauen so gut zu behandeln wie Männer. Bereits 2006 hatten Ärztinnen auf dem «Ersten Weltkongress für genderspezifische Medizin» beklagt, dass Frauen in der Kardiologie «zu wenig berücksichtigt, zu wenig erforscht und zu schlecht behandelt» werden. Seitdem ist mindestens eine weitere Generation neuer Ärzte ausgebildet worden und hat in der Medizin Verantwortung übernommen – ohne dass sich für die Frauen in der Praxis viel zum Besseren verändert hätte.

Nach der Menopause pumpt das Herz oft viel stärker

Am Universitätsspital Zürich gibt es jedoch seit einigen Jahren einen Bereich, genannt Kardiovaskuläre Gender Medizin, in dem es genau um diese Fragen geht. Unter der Leitung der Kardiologin Cathe­rine Gebhard erforscht ein Team unter anderem, warum Frauenherzen anders altern als Männerherzen. So konnte Gebhards Team bereits zeigen, dass es einen klaren Unterschied gibt, wie Frauen- und Männerherzen altern. Bei Männern bleibt die systolische Pumpfunktion, wenn das Herz das Blut in den Körper pumpt, mit dem Alter mehr oder weniger gleich oder nimmt leicht ab. Bei Frauen hingegen nimmt sie nach der Menopause häufig stark zu.

Noch weiss man nicht, ob diese Zunahme mit ein Grund ist für die erhöhte Sterblichkeit der Frauen nach einem Herzinfarkt oder bei Herzinsuffizienz. Gebhards Team überprüft nun verschiedene geschlechtsspezifische Veränderungen, die den Herzen der Frauen womöglich stärker zusetzen. Eine Möglichkeit wäre die hormonelle Umstellung mit der Menopause und auch Unterschiede bei der Ausschüttung von Stresshormonen durch das vegetative Nervensystem.

Erstellt: 16.06.2019, 19:33 Uhr

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