«Für die Menschheit gibt es nur zwei Risiken»

Todbringende Insekten, superintelligente Computer und elegante Kosmologien: Autor Frank Schätzing malt in seinem neusten Wissenschaftsthriller düstere Szenarien einer nahen Zukunft.

«Ins Jahr 3000 würde ich schon mal gern reingucken»: Frank Schätzing. Fotos: Paul Schmitz

«Ins Jahr 3000 würde ich schon mal gern reingucken»: Frank Schätzing. Fotos: Paul Schmitz

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Herr Schätzing, würden Sie sich selbst gern in einer anderen Version Ihres Lebens begegnen?
Nur wenn ich ganz genau wüsste, was das für ein Frank ist. Das könnte ja auch ein Vollidiot sein. Dann wäre es mir eher peinlich.

Und wenn Sie dort in die ­Zukunft schauen könnten?
Seine eigene Zukunft zu kennen, wäre fürchterlich. Sie könnten kein freies Leben mehr führen. Das Schöne im Leben ist die Ungewissheit. Ihretwegen gehen wir überhaupt Risiken und Wagnisse ein. Nein, es wäre nicht gut, die Zukunft zu kennen. Zumindest nicht die eigene. Aber ins Jahr 3000 würde ich schon mal gern reingucken.

Gibt es dann noch Menschen?
Definitiv. Es kann durchaus einschneidende Zäsuren geben, die uns auf einen Bruchteil unseres Selbst reduzieren. Aber meines Erachtens gibt es nur zwei Risiken für die Menschheit als Ganzes: Meteoriten und künstliche Intelligenz.

Sie waren in einem Labor der Biotechnologie. Was sahen Sie?
Vor allem, dass ich diesen Job nicht würde machen wollen. Da sehen Sie junge Doktorandinnen glückselig lächelnd mit der Hand in einem Moskitokäfig dastehen, während die Tierchen auf ihrem Handrücken sitzen und saugen. Dafür muss man geboren sein. Ansonsten ist es eine faszinierende Welt. Es wird einem nochmals klarer, dass wir auf einem Planeten der Einzeller und der Insekten leben. Das sind die artenreichsten Spezies. Sie sind seit der Entstehung des Lebens da und wahnsinnig resistent. Sicherlich bei weitem resistenter als wir.

Woran wird dort geforscht?
Jedenfalls nicht an der Weltherrschaft. Diese Institute leiden oft unter Darstellungen des Katastrophenjournalismus, sie würden Monster heranzüchten. Ich habe festgestellt: Alles, was sie tun, dient der Verbesserung unseres Lebens.

Zum Beispiel?
Die Mittelmeerfruchtfliege vernichtet in Entwicklungsländern komplette Ernten. In Laboren für Biotechnologie werden unfruchtbare Männchen dieser Spezies gezüchtet und in die befallenen Länder gebracht. Wenn sie sich dort paaren, machen sie auch die Weibchen unfruchtbar. So schafft man es, eine Invasion dieses Schädlings im Keim zu ersticken.

Arbeiten sie auch an Insekten mit aufmontierten Mikrofonen?
Das gibt es schon seit geraumer Zeit. Es ist beinahe Standard. Der berühmte Begriff der Verwanzung leitet sich ab aus Bemühungen des amerikanischen Geheimdienstes und des Militärs in den 1950er-Jahren, echte Bettwanzen mit ­Mikrofonen zu bestücken und in Wohnungen auszusetzen. Kein Mensch käme auf die Idee, dass die Wanze, die da sitzt, ihn abhört.

Künstliche Intelligenz kommt ins Spiel, um die Datenflut auszuwerten. Was wir Menschen den Maschinen voraushaben, ist, dass wir nach eigenem ­Ermessen entscheiden.
Einen herkömmlichen Computer muss man sich wie einen gigantischen Taschenrechner vorstellen. Er generiert nur Ergebnisse aus dem, was Sie ihm der Reihe nach mühsam einprogrammiert haben. Um wirkliche künstliche Intelligenz zu erschaffen, ist man dazu übergegangen, Computer mit sogenannten künstlichen neuronalen Netzen auszurüsten.

Die unserem Gehirn ähneln?
Es sind im Prinzip hirnähnliche ­Simulationen im Netz. Man gibt dem Computer eine Grundprogrammierung, eine Art allgemeines Wissen über die Welt, etwa so wie Kinder in der Schule lernen. Dann programmiert man ihn so, dass er von selbst beginnt, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen. Er lernt also assoziativ und entwickelt so etwas wie Intuition. Das funktioniert. Es führt dazu, dass ein Computer beginnt, seine eigene Interpretation der Welt zu entwickeln. Damit gewinnt er einen Ermessensspielraum und ­nähert sich dem Denken und Handeln des Menschen an.

Wie beim Computerprogramm «Alpha Go» von Google.
Das ist eine spezialisierte künstliche Intelligenz, die nur eine Sache kann, das aber in exorbitanter Weise. Sie wurde für das wahrscheinlich komplexeste Brettspiel der Welt programmiert. «Go» können Sie nur durch Intuition, Assoziation und Interpretation spielen, salopp gesagt, mit Bauchgefühl. Vor zwei Jahren hat «Alpha Go» den amtierenden «Go»-Weltmeister viermal in Folge geschlagen.

Rufen wir da Geister, die wir nicht mehr loswerden, wie Goethes Zauberlehrling?
Wir haben diese Entwicklung losgetreten. Jetzt wird sie sich vollziehen. Aber ab einem gewissen Punkt wird eine Maschine so intelligent, dass die Menschen nicht nur nicht mehr in der Lage sind, sie zu verbessern. Sie werden sie auch nicht mehr verstehen. Zudem lernen Maschinen exponentiell.


«Um echte künstliche Intelligenz zu erschaffen, ist man dazu übergegangen, Computer mit künstlichen neuronalen Netzen auszurüsten.»
Frank Schätzung

Dann sind wir geliefert.
Keine Panik. Wir haben jetzt die Chance, die Entwicklung in gute und richtige Bahnen zu leiten. In dieser Anfangsphase sind wir noch Herren der Programmierung. Jetzt muss es gelingen, künstliche Intelligenzen so zu programmieren, dass uns diese Entwicklung später nicht auf die Füsse fällt.

Was heisst richtig und gut?
Wenn Sie der künstlichen Intelligenz sagen: Erschaffe für alle Menschen eine perfekte Welt, und vergessen, ihr zu sagen, wann sie aufhören soll, perfekt zu sein, wird sie versuchen, immer perfekter zu werden.

Und dann?
Wenn das Gute alternativlos und das Schlechte inakzeptabel ist und Menschen sich gegen ihre eigenen ethischen Grundsätze verhalten, wird die Maschine zum Schluss kommen, das einzig notorisch ­Unperfekte seien Menschen. Das heisst, um eine perfekte Welt für Menschen zu schaffen, muss sie als Erstes die Menschen loswerden. Wir müssen künstlichen Intelligenzen Richtlinien geben, damit sie Gutes tun, aber für uns kontrollierbar bleiben.

Wird die künstliche Intelligenz für uns kontrollierbar bleiben?
Im Moment geht es darum, welche Nation als erste eine umfassende künstliche Superintelligenz auf die Beine stellt. Aber in den letzten Jahren hat sich in den USA um Max Tegmark, Elon Musk und ehemals Stephen Hawking eine Bewegung von Wissenschaftlern und Philosophen formiert, die Besinnung fordern. Sie wollen diese Entwicklung nicht stoppen, verlangen aber, dass unsere Sicherheit nicht dem internationalen Wettlauf geopfert wird. Gewinnt diese Bewegung an Einfluss, dann habe ich gute Hoffnung, dass es für uns eher in die positive Richtung läuft.

Sie haben im Silicon Valley recherchiert. Welcher Eindruck bleibt Ihnen?
Das Silicon Valley ist eine Besinnungsstätte für Besinnungslose. Junkies im Taumel ihrer Ideen, und die Droge heisst Machbarkeit. Einerseits ist das grossartig, weil dort wirklich tolle Entwicklungen in Gang gesetzt werden, die in Europa an Scharen von Bedenkenträgern scheitern würden. Zugleich ist man oft erschreckend gedankenlos. Erst mal machen, dann schauen, ob es eventuell unliebsame Nebenwirkungen hat. Das ist die gespenstische Kehrseite des Ganzen.

Sie haben mit dem Techmogul Peter Thiel geredet, der im Beraterstab von Donald Trump sitzt und nach Unsterblichkeit für Menschen strebt. Wie ist er?
Man macht sich schon seine Gedanken, wenn man zu jemandem fährt, der sagt, ein grosser Menschheitsfehler sei es gewesen, Frauen und Schwulen das Wahlrecht zu geben. Der uns aber auch zu Angela Merkel gratuliert und findet, sie sei eine grossartige Frau. Ich habe Peter Thiel als ausgesprochen netten, zugewandten, aber auch widersprüchlichen Menschen kennen gelernt. Eine Art geschäftstüchtigen Indiana Jones. Einen Mythenjäger, der das Menschliche zugunsten des Übermenschen überwinden will.

Google stand Pate für die Firma Nordvisk im Buch, nicht wahr?
Natürlich. Mehr als jedes andere Unternehmen – wobei ich behaupte, dass mein Firmensitz bei weitem schöner ist als der Hauptsitz von Google.

Schön sind vor allem Ihre Naturbeschreibungen.
Die Sierra Nevada ist wirklich traumhaft. Ich hatte das tiefe und dringende Bedürfnis, das aufzuschreiben.

Schöner als das Silicon Valley?
Was unsere Uremotionen als Menschen angeht, die ja aus der Natur kommen, berührt einen die Sierra Nevada ganz klar mehr als das Silicon Valley, das im Übrigen ziemlich hässlich ist. Die emotionale Komponente stellt sich dort erst ein, wenn man darüber nachdenkt, was diese unglaublichen technischen Umwälzungen, die sich dort vollziehen, bedeuten. Irgendwann landen Sie bei der Besiedlung des Weltraums. Das ist auch eine Form von Romantik. Aber sie ist wesentlich stärker visionsgesteuert. Eine Landschaft wie Sierra County geht Ihnen dagegen unmittelbar in Bauch und Herz.

Erstellt: 22.04.2018, 16:45 Uhr

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Frank Schätzing

«Die Tyrannei des Schmetterlings», Kiepenheuer & Witsch, 736 S., ca. 30 Franken, erscheint am 24. 4.

Der Thrill der Zukunft

Sein erster Wissenschaftsthriller «Der Schwarm» (2004) war ein Megaerfolg mit 4,5 Millionen verkauften Exemplaren. Seither steht der Deutsche Frank Schätzing (60) für die intelligente Verknüpfung von Wissenschaft, brisanten Zukunftsthemen und guter Unterhaltung. In «Die Tyrannei des Schmetterlings» geht es um Insekten als Biowaffen und eine der Kontrolle entwachsene künstliche Superintelligenz.

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