«Gefühle helfen uns, Probleme zu lösen»

Empfindungen am Arbeitsplatz haben zu Unrecht einen schlechten Ruf, sagt die Unternehmensberaterin und Autorin Vivian Dittmar.

«Wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht zusammenpassen, kommen negative Gefühle auf. Das mögen wir nicht», sagt Autorin Dittmar. Foto: Corbis/Getty

«Wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht zusammenpassen, kommen negative Gefühle auf. Das mögen wir nicht», sagt Autorin Dittmar. Foto: Corbis/Getty

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Sie plädieren dafür, Gefühle bei der Arbeit zuzulassen. Was bringt es mir, wenn ich im Büro weine?
Ich plädiere nicht unbedingt dafür, im Büro zu weinen – auch wenn das natürlich passieren kann. Mir geht es darum, deutlich zu machen, dass Empfindungen immer da sind und dass auch die sogenannten ­negativen Gefühle eine wichtige Funktion erfüllen. Die Wut hilft uns zum Beispiel, für etwas zu kämpfen, das uns wichtig ist. Entscheidend ist, zu lernen, mit dem richtigen Gefühl zu reagieren.

Wie geht das?
Mit Verstand. Je mehr Informationen wir über Gefühle haben, desto besser können wir sie steuern. So werden sie konstruktiv.

Der Verstand gibt uns also vor, wie wir fühlen sollen?
Ja, bei den Gefühlen, die eine soziale Funktion haben, wie Wut, Trauer, Angst, Scham und Freude, ist es tatsächlich so.

Aber der rumbrüllende Chef wirkt nicht so, als ob er sich das reiflich überlegt hätte.
Genau. Ich unterscheide zwischen Emotionen und Gefühlen. Der brüllende Chef wird von Emotionen übermannt, und die lassen sich nicht steuern. Es handelt sich dabei um unverarbeitete Gefühle, die in Ausnahmesituationen immer wieder an die Oberfläche kommen und eindeutig unangemessen sind. Klassische Symptome sind feuchte Hände, ein erhöhter Puls oder eine belegte Stimme. Ein reines Gefühl hingegen ist angemessen.

Haben Sie dazu ein Beispiel?
Nehmen wir an, dass ich etwas bestellt habe, aber das falsche Produkt erhalte. Dann hilft mir die Wut, aktiv zu werden, um das richtige Produkt zu bekommen. Bei Scham würde ich mich mit mir selbst beschäftigen, statt etwas zu unternehmen. Traurig zu sein, bringt in dieser Situation ebenfalls nichts. Wenn hingegen ein Mitarbeitergespräch oder ein Projekt nicht gut gelaufen ist, ist Trauer das richtige Gefühl, denn sie hilft einem, etwas zu akzeptieren, das man nicht ändern kann.

Sie unterscheiden vier negative Gefühle, aber nur ein positives.
Um das zu verstehen, muss man wissen, wofür Gefühle da sind: Sie helfen uns, Probleme zu lösen. Freude ist das Gefühl, das auftritt, wenn Wunsch und Wirklichkeit zusammenpassen. Das mögen wir. Die anderen Gefühle kommen auf, wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht zusammenpassen. Das mögen wir nicht, deshalb erachten wir diese Gefühle als negativ.

«Ich bin überzeugt, dass Firmen Erfolg über den monetären Bereich hinaus definieren müssen.»

Sie sehen die emotionale Kompetenz in Unternehmen quasi als Schlüssel zu einer besseren Welt. Wie soll das gehen?
Mir begegnen oft Menschen, die den grossen Wunsch nach sinnstiftender Arbeit haben und einen echten Beitrag für die Welt leisten möchten. Gleichzeitig haben sie sich damit abgefunden, dass Arbeit scheinbar keinen Spass macht und Gewinn nur auf Kosten anderer zu erwirtschaften ist. Dieser Widerspruch führt zu sehr viel Leid. Ich bin überzeugt, dass Firmen Erfolg über den monetären Bereich hinaus definieren müssen. Je mehr sie auf das Gemeinwohl achten, desto erfolgreicher sind sie – das wurde in zahlreichen Studien bestätigt. Der Weg dorthin führt über das Spüren. Es geht darum, die Mitarbeitenden und Führungskräfte damit in Kontakt zu bringen.

Das klingt jetzt aber etwas esoterisch.
Gefühle haben nichts mit Esoterik zu tun. Lange Zeit haben Wissenschaftler zwar tatsächlich einen grossen Bogen um das Thema gemacht, weil es diffus war. Inzwischen können Gefühle im Gehirn gemessen werden, und immer mehr Forscher befassen sich damit.

Hand aufs Herz: Unternehmen wollen doch einfach Mitarbeiter, die effizient arbeiten. Was sie dabei fühlen, ist zweitrangig.
Ja, das ist das gängige Bild. Dabei wird immer deutlicher, dass die emotionale Inkompetenz, die in vielen Unternehmen vorherrscht, überhaupt nicht effizient ist.

Warum?
Weil viele Konflikte sehr unfruchtbar verlaufen. Oft wird endlos pseudorational diskutiert, obwohl es um etwas Irrationales geht. Ich habe auch oft erlebt, dass Leute auf ihrem Fachgebiet sehr gut sind, letztlich aber an ihren Emotionen scheitern. Jeder, der in einem Unternehmen arbeitet, war schon an Besprechungen dabei, in denen sich zwei Mitarbeiter in die Haare gerieten und alle wussten, dass es beim Streit nicht um das eigentliche Thema ging. Doch das darf nicht angesprochen werden. Solche Situationen führen zu einer grossen Hilflosigkeit.

Wie soll man sich verhalten, wenn einem Arbeitskollegen die Emotionen durchgehen?
In diesem Moment sollte man gar nicht erst versuchen, mit dieser Person rational zu diskutieren. Das bringt nichts. Man muss auch darauf achten, nicht selbst in einen Ausnahmezustand zu geraten. Der dritte Schritt ist, dem Kollegen zu helfen, aus seinem emotionalen Ausnahmezustand herauszukommen. Deeskalierend kann wirken, wenn man ihm zu verstehen gibt, dass man seine Not mitbekommen hat. Normalerweise verurteilen wir andere schnell, sagen ihnen, sie sollten sich nicht so anstellen, und wenden uns innerlich ab. Das ist das Gegenteil dessen, was eine Person in diesem Zustand braucht.

Vivian Dittmar: «Gefühle@work», Verlag edition est, 155 Seiten, München 2017 (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 21:29 Uhr

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