«Gewisse Kinder werden zu Tyrannen»

Allan Guggenbühl über die Rundum-Betreuung überfürsorglicher Eltern, Kinder in der Verwöhnfalle und seine «Verbannung» in den Keller.

«Diese primitiven Übergriffe auf Polizisten und Sanitäter sind vielleicht ein hilfloser Versuch, sich als Mann zu erleben»: Allan Guggenbühl, 66. Bild: Sebastian Magnani

«Diese primitiven Übergriffe auf Polizisten und Sanitäter sind vielleicht ein hilfloser Versuch, sich als Mann zu erleben»: Allan Guggenbühl, 66. Bild: Sebastian Magnani

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Allan Guggenbühl sitzt im Rechberg, einem Restaurant in der Altstadt von Zürich, und trägt das klassische Psychologen-Outfit: rote Hose, kleine Brille, keine Krawatte. Im Oktober erscheint Guggenbühls neues Buch «Für mein Kind nur das Beste». Darin zeichnet der Jugenderklärer der Nation nach, wie Eltern ihre Kinder mit einer Art Goodwill-Diktatur in die Unmündigkeit führen.

Herr Guggenbühl, in Ihrer Praxis sitzen Mütter, die sich nicht trauen aufzumucken, wenn ihr Sohn etwas will, aus Angst, dass er einen Tobsuchtsanfall bekommt. Sind Eltern heute am Gängelband von Fünfjährigen?
Sie haben im öffentlichen Raum oft Mühe, ihren Kindern Grenzen zu setzen, aus Angst, dass ihre Intervention als Übergriff wahrgenommen wird. Eine Mutter erzählte mir, dass ihre Tochter dramatisch losschreie, wenn sie die Kleine im Einkaufszentrum oder im Laden massregle. Das Kind weiss, dass es damit die Aufmerksamkeit der ganzen Umgebung hat. Die Reaktion ist ja dann oft, dass die Leute denken: Das arme Kind ist sicher Opfer einer verständnislosen Mutter! Darum gibt es Eltern, die sich nicht mehr trauen zu intervenieren.

In Ihrem Buch schildern Sie eine Szene im Tram. Ein dreijähriges Mädchen legt sich flach auf eine Sitzreihe, nachdem esmit seinen Stiefeln den Sitz beschmutzt hat. Der Vater kniet vor ihm und flüstert: Willst du wirklich beide Sitze für dich?
Er fragte sogar: Willst du eine Massage? Die Szene war völlig absurd.

Wie hat das Mädchen reagiert?
Es hat den Vater komplett ignoriert.

Liest man Ihr Buch richtig, wenn man daraus schliesst, dass Eltern ihre Kinder heute zu Tyrannen erziehen?
Wir haben ein zwiespältiges Verhältnis zu Kindern. Einerseits schätzen und umwerben wir sie innig. Andererseits entziehen wir ihnen die Kindheit, indem wir ihnen zu wenig Raum geben, um mit Gleichaltrigen Erfahrungen zu sammeln, ohne dass ständig Erwachsene anwesend sind. Die Auswirkungen sind unterschiedlich. Gewisse Kinder werden durch zu viel Kontrolle zu Tyrannen. Andere reagieren eher unsicher oder unselbstständig. Wesentliche Freiräume werden den Kindern nicht zugestanden, die in der Kindheit wichtig wären.

Hat sich die Hierarchie in den Familien so verschoben, dass die Kinder am Drücker sind?
Es ist komplizierter. Wir Erwachsenen operieren oft mit impliziten Erwartungen, was Kinder emotional überfordert. Statt direkt zu sagen, was wir vom Kind wollen, stellen wir beispielsweise Optionen zur Wahl, die eigentlich gar nicht ernst gemeint sind. Die kleidet man dann in Formulierungen wie «Willst du nicht vielleicht . . .». Wenn das Kind diese Erwartungen missachtet, folgen sofort Massnahmen.

«Wir können Kinder nicht formatieren.»

Trotzdem kann man den Eindruck gewinnen, dass hier eine Generation von Narzissten herangezogen wird. Jeder dürfte die Situation kennen: Man ist bei Freunden zum Essen eingeladen, eine Unterhaltung unter den Erwachsenen ist unmöglich, weil der Nachwuchs nonstop das Tischgespräch dominiert.
Das ist auch für die Kinder nicht gut. Diese Idee, dass sie überall dominieren müssen, scheint paradoxe Anreize zu setzen. Kinder sind oft intelligenter. Auch sie finden solche Situationen, in denen sich Erwachsene kollektiv auf sie einstimmen, irgendwie seltsam. Man kann den Kindern ruhig sagen: «Geht woanders spielen oder seid ruhig, wir wollen jetzt reden.» Damit kommen sie in der Regel sehr gut klar. Es ist für Kinder durchaus entlastend, wenn in gewissen Situationen die Grenzen zwischen dem Raum der Erwachsenen und demjenigen der Kinder klar sind.

Was bei Helikopter-Eltern, die wie Hubschrauber um ihren Nachwuchs kreisen, nicht der Fall ist?
Oft geht es um Sicherheit. Eltern wollen verhindern, dass ihren Kindern etwas passiert. Das ist nachvollziehbar. Das Problem ist, dass dadurch auch verhindert wird, dass sie Risikokompetenz entwickeln. Kinder brauchen Zeit für sich, um experimentieren zu können, und zwar mit Gleichaltrigen. Doch sie haben kaum mehr Gelegenheit, sich selber zu organisieren. Viele Kinderanlässe mutieren zu Elternevents.

Zum Beispiel?
Ein Klassiker ist der Räbeliechtliumzug. Das war ursprünglich ein Anlass, wo Kinder mit den Lehrpersonen lärmend durch die Strassen zogen. Heute beteiligen sich an den Umzügen mehr Erwachsene als Kinder. Sie schauen ihren Kindern verzückt zu und filmen sie mit dem Smartphone. Wenn irgendetwas passiert, ein Kind schreit oder schubst, wird sofort reagiert. Obwohl es sich um ein Kinderfest handelt, dominieren die Erwachsenen.

Sie kritisieren, dass diese Dauerbehütung in die «Verwöhnfalle» führe. Erklären Sie uns das?
Das Verwöhnen ist nicht nur in wohlhabenden Kreisen eine Gefahr. Und es geht auch nicht nur darum, dass Eltern dem Sohn oder der Tochter jeden materiellen Wunsch erfüllen. Verwöhnende Eltern bringen ihrem Kind keinen Widerstand entgegen, nehmen alle Sorgen ab und verlangen zu wenig. Diese Kinder drohen mit der Überzeugung heranzuwachsen, dass ihnen alles im Leben gratis zusteht. Verwöhnung oder Überbehütung beeinträchtigen die Selbstständigkeit der Kinder. Sie erleben sich als Dauerempfänger von Leistungen und Aufmerksamkeiten. Sie können später einiges kompensieren, aber sie haben es schwerer, sich in einer grossen sozialen Umgebung zu bewegen. Wenn die Eltern ihren Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, besteht die Gefahr, dass die Kinder dieses Muster verinnerlichen und selbstverständlich erwarten, dass man sich um ihre Probleme und Wünsche kümmert, sei es der Lebenspartner oder der Wohlfahrtsstaat.

Warum tun Eltern das? Geht es darum, geliebt zu werden?
Ich denke, es geht eher darum, dass sie Mühe haben, mit Widerständen umzugehen.

Kommt Erziehung ohne Strafe aus?
Der Mensch hält sich in einer Gemeinschaft nur dann an Regeln, wenn Verstösse auch sanktioniert werden. Das gilt für Erwachsene wie für Kinder. Eine straffreie Erziehung gibt es nicht. Es würden sich wohl nicht viele Erwachsene an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, wenn es keine Sanktionen gäbe.

Trotz Regalen voller Erziehungsratgeber ist die Verunsicherung gross. Auch wegen der Gefahren, ­die im Internet lauern. Ist es ein Indiz für Verrohung, wenn sich der Bub einen Porno anschaut?
Das Alter spielt eine Rolle. Die meisten Kinder werden nicht traumatisiert, wenn sie einen Porno schauen. Sie finden es abstossend. Wir Erwachsenen finden, dass etwas ganz Schlimmes passiert. Kinder sind zum Glück widerstandsfähiger, als man meint.

Anderes Beispiel: Ein Junge hat Spass daran, seinen Schulkollegen die Hosen herunterzuziehen. Ein Fall für den Psychiater?
Nein, häufig pathologisieren wir zu schnell. Kinder benehmen sich oft frech, machen Sachen kaputt. Das ist normal und gehört zur Entwicklung. Wir befürchten jedoch rasch ein Defizit, das man gleich beheben muss, damit aus dem Kind nicht eine problematische erwachsene Person wird.

Es ist doch erstaunlich: Eltern geben sich mit der Erziehung so viel Mühe wie nie zuvor, trotzdem gibt es enorm viele Probleme. Nehmen wir die Gewaltexzesse der letzten Woche. Daran waren minderjährige Hooligans beteiligt. Was läuft hier schief?
Viele Jugendliche sind auf der Suche nach ihrer Männlichkeit. Extremsituationen sind für sie eine Möglichkeit, sich zu beweisen. In unserer Gesellschaft gelten solche und andere Macho-Eigenschaften als problematisch und werden bekämpft. Diese primitiven Übergriffe auf Polizisten und Sanitäter sind vielleicht ein hilfloser Versuch, sich als Mann zu erleben.

Welche Faktoren müssen zusammenkommen, damit aus einem Kind ein Gewalttäter wird?
Veranlagung und Bereitschaft, dazu kommt die Konstruktion einer gewissen Legitimation. Man gibt sich einen Grund für die Gewalt. Zum Beispiel: «Er hat meine Familienehre beleidigt, ergo darf ich auf ihn los.» Und natürlich braucht es auch die Gelegenheit.

Kann gute Erziehung Jugendgewalt verhindern?
Das tut sie bereits. Wenn wir uns nicht anstrengen würden, gäbe es viel mehr Gewalt.

Einer Ihrer Söhne stand vor Gericht, weil er in eine Schlägerei verwickelt war. Was . . .
. . . dazu äussere ich mich nicht.

Wie entspannt war eigentlich Ihre eigene Kindheit? Ihr Vater war Psychoanalytiker.
Ich bin in einer sehr liberalen Umgebung aufgewachsen. Die Schule hat mir aber Mühe gemacht.

Wenn Sie Ihre Kindheit mit derjenigen von heute vergleichen, was hat sich da verändert?
Wenn wir bei meinen Grosseltern waren, wurden wir Kinder in den Keller verbannt. Dort durften wir spielen und lärmen, während sich die Eltern mit den Verwandten im Wohn- oder Esszimmer unterhielten. Solche räumlichen Abgrenzungen sind heute unüblich. Verbotene Zonen einzurichten, gilt als kinderfeindlich.

Heisst das, die Kinder haben zu viel Macht?
Sie sind in den Familien zu einem riesigen Thema geworden, zu einem Hauptereignis, das plötzlich alles umstellt. Das muss nicht nur schlecht sein. Aber Kinder müssen merken, dass sich nicht alles um sie dreht.

Warum sind Eltern heute so stark auf ihre Kinder fixiert?
Kinder haben einen viel höheren Stellenwert, sie kommen nicht mehr nebenher zur Welt. Das hat auch damit zu tun, dass wir weniger Kinder haben. Wir müssen uns bewusst sein, dass Kinder nicht für uns leben können. Sie haben ein Recht auf ein eigenes Leben, eigene Ziele und Interessen. Wir können Kinder nicht formatieren. Wir können sie unterstützen – aber meistens machen sie aus ihrem Leben nicht unbedingt, was wir uns ausdenken. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.09.2018, 09:11 Uhr

Experte für Konflikte

Allan Guggenbühl wurde 1952 in Zürich geboren. Sein Vater war Psychiater, seine Mutter Bildhauerin. Er wuchs in Omaha in den USA und in Zürich auf. Nach einer Ausbildung zum Primar- und Reallehrer liess sich Guggenbühl in Mexiko zum klassischen Gitarristen ausbilden. Anschliessend studierte er an der Universität Zürich Psychologie. Er ist Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich und als Psychotherapeut mit eigener Praxis in Zürich tätig. Guggenbühl ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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