Gisel schaute bei Vincenz’ Privat-Deals jahrelang weg

Der Fall sei «erledigt», hiess es noch im Dezember 2016. Erst als von aussen massiver Druck kam, handelten Manager der Kreditkartenfirma Aduno. Raiffeisen zögerte noch länger.

Pierin Vincenz (l.) und Patrik Gisel. Fotos: Mario Heller, Lucin Hunziker/Ex-Press

Pierin Vincenz (l.) und Patrik Gisel. Fotos: Mario Heller, Lucin Hunziker/Ex-Press

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Mehr Fallhöhe geht nicht. Pierin Vincenz, Starbanker und Raiffeisen-Legende, sitzt seit Freitag in Untersuchungshaft. Er bestreitet die Vorwürfe vehement. Nichtsdestotrotz versuchen Weggefährten nun, sich vom Gefallenen zu distanzieren. Der heutige Raiffeisen-Chef Patrik Gisel gibt sich erschüttert, weil er herausfand, dass Vincenz bei Firmenkäufen im Raiffeisen-Umfeld privat mitverdient hat. Nun will er rechtlich gegen ihn vorgehen.

Pascal Niquille, Chef der Zuger Kantonalbank und Vincenz’ Nachfolger beim Kreditkartendienstleister Aduno, an dem Raiffeisen beteiligt ist, positioniert sich als Aufklärer. Er initiierte die Strafanzeige, die letztlich zur Verhaftung des Raiffeisen-Chefs führte.

Doch jetzt zeigt sich: So ahnungslos, wie sich die beiden Herren geben, waren sie nicht. Sowohl Gisel wie auch Niquille kennen spätestens seit Herbst 2016 die wesentlichen Fakten, die zur Aduno-Anzeige führten.


Gisel: «Ich bin erschüttert»

Raiffeisen-Chef Patrik Gisel äussert sich zur Strafanzeige gegen Pierin Vincenz. Video: Lea Koch


Worum geht es? 2007 übernahm Aduno, mit Vincenz als Verwaltungsratspräsident, die Commtrain Card Solutions AG. Die 2001 gegründete Firma vertrieb Zahlterminals für Kreditkarten.

Kaufpreis von 7 Millionen war verdächtig

Aus öffentlichen Dokumenten lässt sich rekonstruieren, wie sich Vincenz und sein Geschäftspartner Beat Stocker hinter den Kulissen an Commtrain beteiligten. Auszüge aus dem Handelsregister zeigen, dass eine Zuger Gesellschaft namens I-Finance Management für 1,5 Millionen Franken Aktien von Commtrain zeichnete – bei einem Aktienkapital von total 2,5 Millionen also mehr als die Hälfte. Wie der Finanzblog Inside Paradeplatz zuerst schrieb, waren Vincenz und der ebenfalls verhaftete Beat Stocker am Zuger Vehikel beteiligt. Als Aduno Commtrain für 7 Millionen kaufte, erzielten sie via I-Finance einen Millionengewinn.

Der Kauf löste bereits 2009 Recherchen der SonntagsZeitung aus. Eine Anfrage ging damals an den Verwaltungsrat der Bank. Darauf veranlasste der damalige Präsident Franz Marty Pierin Vincenz, Gutachten erstellen zu lassen, ob bei der Übernahme alles korrekt abgelaufen war.

Finanzprofessor Claudio Loderer erhielt den Auftrag, zu klären, ob der Kaufpreis von 7 Millionen Franken gerechtfertigt war. Höchstwahrscheinlich ja, lautete das Fazit. Ein zweites Gutachten hielt fest, der Kaufprozess sei standesgemäss durchgeführt worden. Bei beiden Gutachten kannten die Verfasser Vincenz’ Doppelrolle nicht.

Voll informiert war nur Peter Forstmoser, einer der angesehensten Wirtschaftsrechtler der Schweiz. Sein Auftrag lautete, das Verhalten von Vincenz aktienrechtlich zu beurteilen. Aus dieser Sicht war auch dessen Engagement an der Commtrain zu beurteilen.

Pierin Vincenz legte seine Doppelrolle nicht offen: Gutachten von Wirtschaftsrechtler Peter Forstmoser vom 1. September 2009

Schon 2009 wurde Vincenz’ Konflikt angesprochen

Die SonntagsZeitung hatte Einsicht in das Gutachten vom 1. September 2009. Darin heisst es zusammengefasst:

  • Pierin Vincenz sei (indirekter) Investor bei Commtrain und auf der anderen Seite in den Kaufprozess bei Aduno involviert.
  • Es gebe einen inhärenten Konflikt bei den Kooperations- und bei den späteren Verkaufsverhandlungen. Diesen Konflikt habe Vincenz nicht offengelegt, sondern über einen Treuhänder Investitionen in die Firma verdeckt.
  • Bei der Meinungsbildung im Rahmen der Verkaufsverhandlungen sei Vincenz bei Aduno nicht in den Ausstand getreten. Auch an der Beschlussfassung habe er mitgewirkt.
  • Vincenz habe durch seine Investition in die Commtrain und die anschliessende Übernahme durch Aduno einen erheblichen Gewinn in vergleichsweise kurzer Zeit gemacht.
  • Vincenz hätte entweder seine indirekte Investition offenlegen oder aber sich seiner Mitwirkung bei der Entscheidungsfindung enthalten sollen.

Trotzdem stellte Forstmoser fest:

  • Die Entscheidungsfindung sei professionell aufgrund umfassender Unterlagen und ohne ungebührlichen Einfluss von Vincenz erfolgt.
  • Das Resultat – die Übernahme von Commtrain zu einem Preis von 7 Millionen – sei für Aduno vorteilhaft. Es sei das Resultat eines Vorgehens «at arm’s length».
  • Im Zeitpunkt seiner Investition habe Vincenz den erzielten Gewinn nicht voraussehen können. Soweit ersichtlich, habe er seine Position bei Aduno nie dafür eingesetzt, ein vorteilhaftes Resultat zu erlangen.

Aus all dem hielt Forstmoser als Ergebnis fest: Vincenz habe seine Pflichten weder gegenüber der Aduno noch gegenüber Raiffeisen verletzt. Es habe keine Normverstösse und keinen Verstoss gegen Regeln bei Aduno gegeben. Hinter dem Fazit stand folgende rechtliche Überlegung: Eine Bereicherung im rechtlichen Sinn liege nur dann vor, wenn ein Schaden entstanden sei. Da der Kaufpreis gerechtfertigt und nicht überhöht sei, gebe es kein Problem.

Aduno-Spitze fand weitere Abklärungen unnötig

Nun wird sich in der juristischen Auseinandersetzung zeigen, ob Forstmoser recht hatte oder ob es den Staatsanwälten gelingt, die Bereicherungsvorwürfe gegen Vincenz gerichtsfest zu machen.

Neben der strafrechtlichen Beurteilung gibt es aber noch das Regelwerk der guten Unternehmensführung – und dem entspricht das Vorgehen in keiner Art und Weise. Im Gegenteil, in anderen Unternehmen wäre Vincenz wohl untragbar gewesen und hätte seinen Gewinn zurückzahlen müssen.

All das finden Gisel, Niquille und die übrigen Beteiligten heute auch. Sie geben sich schockiert, dass Vincenz in die eigene Tasche gewirtschaftet hat.

«Es gab keinen Anlass, an den Schlussfolgerungen von Professor Forstmoser zu zweifeln.»Verwaltungsrat Aduno

Darum ist es entscheidend, wann sie den Inhalt von Forstmosers Gutachten kannten. Eine Raiffeisen-Sprecherin schreibt, Patrik Gisel habe 2009 von dessen Existenz erfahren, den Inhalt aber nicht gekannt. Gemäss Recherchen der SonntagsZeitung war das aber spätestens im Herbst 2016 der Fall. Aufgeschreckt durch Inside Paradeplatz startete der bis dahin ahnungslose Aduno-Verwaltungsrat eine Untersuchung. Verantwortlich für die Abklärungen war Pascal Niquille, damals Vizepräsident und heute Präsident von Aduno. Er hatte Einsicht in alle drei Gutachten. Und er besprach sich mit der Führungsspitze der Raiffeisen: mit Patrik Gisel und mit Roland Schaub, dem Generalsekretär.

Die Resultate der Abklärungen kamen an der Aduno-Verwaltungsratssitzung vom 5. Dezember 2016 zur Sprache. Dabei betonte Ni­quille, dass Forstmoser keine Verstösse gegen das Gesetz festgestellt habe. Er und seine Gesprächspartner (Gisel und Schaub) hätten weitere Abklärungen als unnötig und die Angelegenheit damit als «erledigt» erachtet. Dies, obwohl Niquille und seinen Gesprächspartnern bewusst war, dass verschiedene Aspekte der Transaktion nicht geklärt worden waren – auch weil sich die dazu nötigen Personen und Dokumente nicht in ihrem Einflussbereich befanden. Niquille empfahl dem Verwaltungsrat ausdrücklich, keine weiteren Abklärungen vorzunehmen.

Ein Aduno-Sprecher schreibt heute, es habe 2016 keinen Grund gegeben, Vincenz zu misstrauen. Der Verwaltungsrat habe sich auf das Gutachten abgestützt: «Es gab keinen Anlass, an den Schlussfolgerungen von Professor Forstmoser zu zweifeln.»

Eine zweite auffällige Transaktion von Vincenz

Der Sinneswandel kam erst ein Jahr später, der Aduno-Sprecher nennt es «Neubeurteilung». Damals enthüllte die SonntagsZeitung, dass die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) ein sogenanntes Enforcement-Verfahren gegen Raiffeisen führe. Kurze Zeit später kam aus, dass die Finma auch gegen Vincenz persönlich ermittelte. Nun mussten die Beteiligten damit rechnen, dass die Vorgänge öffentlich werden. Dann erst machte Niquille Ernst und engagierte die Zürcher Anwälte von Baumgartner Mächler, die Anzeige erstatteten. Hinterher kam auch noch die Anzeige von Raiffeisen – verbunden mit dem Versuch der Distanzierung von Vincenz.

Raiffeisen schreibt, die Verdachtsmomente hätten sich aus einer zweiten auffälligen Transaktion von Vincenz ergeben. Diese kenne man erst seit dieser Woche, als die Staatsanwaltschaft Dokumente anforderte. Bezüglich des Commtrain-Deals habe Forstmoser die Korrektheit der Transaktion attestiert – «es bestand kein Grund, das Gutachten anzuzweifeln».

Seitens Aduno heisst es, der Verwaltungsrat beurteile sein Vorgehen als «den zugänglichen Informationen angemessen, konsequent und verantwortungsbewusst.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.03.2018, 19:39 Uhr

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