Help, die Beatles hat es nie gegeben

In der Komödie «Yesterday» werden wir in eine Welt versetzt, in dem keiner die Fab Four kennt – ausser einem Sänger, der mit ihren Hits zum Weltstar wird.

«Nein, das ist nicht einfach ein schöner Song, das ist einer der besten, der je geschrieben wurde»: Himesh Patel in «Yesterday». (Foto: Jonathan Prime/Universal Pictures)

«Nein, das ist nicht einfach ein schöner Song, das ist einer der besten, der je geschrieben wurde»: Himesh Patel in «Yesterday». (Foto: Jonathan Prime/Universal Pictures)

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«Help», schreit der junge Mann ins Mikrofon, «help me if you can, I’m feeling down.» Ja, es ist das Lied der Beatles, aber in einer sehr zornigen Version. Der schreit tatsächlich um Hilfe. Weshalb? Weil er als Einziger auf der Welt den Song überhaupt kennt. Und im Begriff ist, ein Weltstar zu werden, mit der kleinen Hilfe von Liedern, die er eigentlich gar nicht geschrieben hat. Alle wollen jetzt etwas von ihm, dem unscheinbaren Supermarkt-Regalauffüller aus einem englischen Kaff im Nirgendwo. Hilfe!

Was für eine verrückte Idee: Ein erfolgloser Sänger wacht in einer alternativen Realität auf, in der niemand von den Beatles weiss, ausser er selber. Zu einem Drehbuch umgearbeitet hat das Richard Curtis, der Autor von so erfolgreichen romantischen Komödien wie «Notting Hill». Inszeniert hat es Danny Boyle, der Regisseur von Hits wie «Trainspotting» und «Slumdog Millionaire». Die Hauptrolle spielt mit Himesh Patel ein ... Unbekannter.

«Natürlich hat uns die Produktion eine lange Liste zugkräftiger Stars gegeben», sagt Danny Boyle beim Interview in London. Aber das einzige Kriterium bei der Auswahl der Hauptfigur sei die Qualität des Gesangs gewesen. Im Film gibt es siebzehn Beatles-Songs: «Ich wollte keinen, der diese im Karaoke-Stil mehr oder weniger perfekt zum Besten gibt, das wäre langweilig geworden. Ich brauchte eine Persönlichkeit, die sie so singt, dass die Lieder wirklich neu und doch vertraut klingen.» Fündig wurden sie bei Himesh Patel, einem englischen Schauspieler mit indischen Wurzeln. Das britische Publikum kennt ihn ein wenig aus der TV-Soap «East Enders». Der Rest der Welt wird ihn jetzt entdecken – so wie das Beatles-Œuvre im Film.

Trailer zum Film «Yesterday». Video: Youtube/KinoCheck

Eine Welt ohne Beatles! Daraus lassen sich natürlich tausend Dinge herbeifantasieren. Das ist die Stärke und auch ein wenig die Schwäche des Films. Es gibt köstliche Szenen wie diejenige (sie ist im Kinotrailer, darum sei sie verraten), in welcher der Sänger seinen Freunden erstmals «Yesterday» vorspielt. Die sind recht beeindruckt, loben das Lied, aber viel zu wenig für den Geschmack des Vortragenden. «Nein, das ist nicht einfach ein schöner Song, das ist einer der besten, der je geschrieben wurde», ruft er verzweifelt. Worauf er als vermeintlich Grössenwahnsinniger prompt zurückbekommt: «Nun gut, es ist nicht gerade Coldplay, es ist nicht ‹Fix You›.»

Das ist, wie noch einiges im Film, ein Insider-Gag. Ursprünglich hätte nämlich Coldplay-Sänger Chris Martin den Part des real existierenden Weltstars spielen sollen, der den Unbekannten unter die Fittiche nimmt. Die Rolle war für ihn konzipiert worden. Doch kurz vor den Dreharbeiten zog sich Martin zurück, sodass schliesslich Ed Sheeran engagiert wurde. «Der war sofort Feuer und Flamme, hat uns aber schon ständig damit aufgezogen, dass er nur zweite Wahl war», erzählt Danny Boyle. Sheeran habe zum Beispiel gewitzelt, vermutlich sei nach der Absage von Chris Martin auch noch Harry Styles (von der Boygroup One Direction) angefragt worden. Und erst dann er.

Aber der rothaarige Sheeran passt natürlich bestens. Er hat ja ebenfalls mit seiner Gitarre und allein vorgetragenen, selbst geschriebenen Songs Karriere gemacht, so wie es der Sänger in «Yesterday» – wie man glaubt – auch tut. Er entspricht äusserlich nicht dem Bild eines Pop-Superstars, so wie der Hobbymusiker auch nicht (er heisst übrigens im Film Jack Malik, ein Name, der wohl vor dem Durchbruch von Rami Malek in «Bohemian Rhapsody» gewählt worden ist). Und er ist selbstironisch genug, auch mit dem eigenen Image zu blödeln. Nachdem Jack Malik einen neuen Song namens «Hey Jude» aus dem Hut gezaubert hat, findet Sheeran diesen grossartig. Verlangt nur eine kleine Änderung: «Hey Dude» sei doch der viel bessere Titel. Alle Anwesenden stimmen zu.

Die Auswahl der Songs beschränkt sich auf die Hits

Wie stark soll man mit solchen Dingen spielen? Wie würde eine Welt wirklich aussehen, in der die Beatles nie existiert hätten? «Sie wäre schon anders», sagt Regisseur Boyle. «Die Beatles waren der Gipfel der Popkultur. Sie tauchten in den sehr verstockten Nachkriegsjahren auf und führten die Menschen in ein anderes Zeitalter, Richtung Selbstausdruck, Freude, Liebe. Mit ihnen wurde die Kultur etwas, woran die Menschen glauben konnten.» Aber vielleicht hätte einfach eine andere Band übernommen? «Ja, vermutlich wäre die moderne Welt in diesem Fall einfach mit den Rolling Stones assoziiert worden. Sie wäre vielleicht etwas härter, etwas feuriger. Ach, es ist unmöglich, sich das alles auszumalen.»

Unmöglich. Aber man kann dem Film vorwerfen, dass er sich diesbezüglich wirklich null Risiken erlaubt: Die Auswahl der Beatles-Songs beschränkt sich auf die Hits und deckt die musikalische Breite der Fab Four kaum ab. Die Handlung folgt dem altbekannten Schema einer Richard-Curtis-Romanze: Es gibt mit Ed Sheeran den berühmten Star (wie Julia Roberts in «Notting Hill»), es gibt das Rennen zu der Liebsten (wie der Junge, der in «Love Actually» im Flughafen Sicherheitsschranken durchbricht), es gibt das grosse, öffentliche Bekenntnis (wie dasjenige von Hugh Grant bei der letzten Hochzeit von «Four Weddings and a Funeral»). In «Yesterday» passiert es vor Zehntausenden während eines Konzertes im Wembley-Stadion, die Auserkorene wird von Lily James gespielt (sie war die junge Version von Meryl Streep in der «Mamma Mia»-Fortsetzung).

Das ist süss. Aber man hätte sich mit der gleichen Ausgangsidee auch einen verrückteren Film vorstellen können. Wobei sich der Autor und der Regisseur diesbezüglich schon noch ein paar Gags erlauben. Im Lauf der Geschichte merkt der letzte verbleibende Beatles-Kenner, dass es noch ein paar andere ganz bekannte Dinge nicht mehr gibt. James Bond, so viel sei verraten, gehört nicht dazu.

Darf man James Bond überhaupt erwähnen in der Gegenwart von Danny Boyle? Ursprünglich hätte der Regisseur ja zu diesem Zeitpunkt nicht Interviews geben sollen, sondern wäre irgendwo in der Karibik mit der Inszenierung des nächsten 007-Films beschäftigt gewesen. Daraus wurde nach einem Zwist mit den Produzenten nichts, Boyle stieg noch in der Vorbereitungsphase aus. Über die wahren Hintergründe seines abrupten Ausstiegs spricht er jetzt natürlich nicht, sagt nur, dass seine Vorstellungen vom Drehbuch nicht mit denjenigen der Produktion übereingestimmt hätten. Und dass es deshalb besser gewesen sei, früh einen Schlussstrich zu ziehen.

Schade, ein James Bond von Danny Boyle wäre spannend gewesen. «Ich hätte es gerne getan», sagt er. Um dann lachend zu ergänzen: «Ihn in ‹Yesterday› verschwinden zu lassen, wäre frech gewesen. Richtig frech.»

«Yesterday»: ab 11. Juli im Kino



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Erstellt: 29.06.2019, 18:42 Uhr

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