Hey Gordon, reich mir mal das Salz!

Private Kochstunden beim «Chef ohne Gnade»? Das Internet machts möglich: Lernen Sie von Gordon Ramsay.

Berühmte Fachleute wie der cholerische TV-Koch Gordon Ramsay geben ihr Wissen weiter – mithilfe der Lernplattform «Masterclass»

Berühmte Fachleute wie der cholerische TV-Koch Gordon Ramsay geben ihr Wissen weiter – mithilfe der Lernplattform «Masterclass»

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Während ich auf meinem Stuhl hin und her rutsche, den Kopf auf dem kleinen Küchentisch aus der Brockenstube aufgestützt, geht Gordon Ramsay zum überdimensionierten Chromstahlkühlschrank und holt Eier hervor. Legt sie auf die Küchenablage und fährt sich durchs strubbelige, blondgraue Haar. Ich hole eine alte, verkratzte Bratpfanne, während Ramsay den Gasherd einschaltet und zum Schneiden der Butter ein Messer hervorkramt, das ebenso gut als Requisite in einem Hitchcock-Thriller herhalten könnte.

Ramsay spricht schnell in seinem britischen Akzent, wenn er mir erklärt, wie ich das Krimi­messer halten muss, um mir nicht versehentlich in den Finger zu schneiden. Ich ahme seine Haltung nach, die so bequem wie logisch ist, und frage mich, wie ich in der Vergangenheit je auf die Idee kommen konnte, ein Besteck anders zu greifen.

Aber das war früher, bevor mir Gordon Ramsay, der berühmt-berüchtigte Sterne- und Fernsehkoch aus England, persönlich das Kochen beibrachte.

«Gordon, nimm dir doch ein Zimmer mit dem Lauch!»

Berühmt, weil die Restaurants des 52-Jährigen mit insgesamt 16 «Michelin»-Sternen geadelt wurden und er in Kochsendungen wie «Hell’s Kitchen», «Chef ohne Gnade», «Masterchef USA» oder «The F-Word» seit drei Jahrzehnten das Fernsehpublikum unterhält. Berüchtigt, weil das F in ­«F-Word» zwar für «food» steht, Ramsay aber gern auf das andere ­F-Wort, «fuck», zurückgreift.

So auch in meiner Küche, etwa wenn er vom «fucking» besten Gemüse spricht. Oder vom hässlichsten: Sellerie. «Aber dieser differenzierte, intensive Geschmack, es ist ein Traum!» Ja, Ramsay kann auch das Gegenteil von Fluchen und himmelt Gemüse teilweise der­massen an, dass man ihm zurufen möchte: «Gordon, nimm dir doch ein Zimmer mit dem Lauch!»

Bestimmt haben Sie sich längst gefragt, wie ich – eine freie Journalistin – mir private Kochstunden bei einem der renommiertesten Promiköche der Gegenwart leisten kann. Nun, in der Schweiz sprechen wir ja bekanntlich nicht gerne über Geld, aber ich will an dieser Stelle eine Ausnahme machen: Der Privatunterricht mit grösstem Unterhaltungspotenzial kostet mich hundert Schweizer Franken, also weniger als ein Mehrgänger mit Wein in einem Sternelokal. Das Ganze hat, Sie können es sich ausmalen, einen klitzekleinen Haken: Gordon Ramsay steht nicht persönlich in meiner Altbauküche, sondern lehrt mich aus seiner hochmodernen privaten Küche aus – übers Internet.

Möglich macht es die «Master­class». Die amerikanische Lernplattform ging 2014 online und bietet Abonnentinnen und Abonnenten eine Vielzahl an Kursen an, die von den Besten ihres Fachs ­gehalten werden. Fotografieren ­lernen mit der Künstlerin Annie Leibovitz ist genauso möglich wie Schauspielunterricht bei Helen Mirren, Tennislektionen mit Serena Williams, Weinkurse mit dem Kritiker James Suckling oder eben Kochen mit Gordon Ramsay. In rund zwei Dutzend Lektionen, deren Dauer zwischen zehn und dreissig Minuten variiert, wird auf Grundlagen aufgebaut, werden Aufgaben gestellt, und ein Forum steht den weltweiten Teilnehmern zudem zum Austausch bereit.

Das pochierte Ei gelingt, sogar der Speck schmeckt

Wie bei jedem Fernprogramm ist Eigeninitiative gefragt, damit die «Masterclass» nicht nur passiv genutzt wird. Beim 20-Lektionen-Unterricht von Ramsay bedeutet dies: Den Laptop oder das Tablet am besten auf der Küchenablage positionieren und selbst zum Kochlöffel greifen, denn sogleich umgesetzt bleibt am meisten vom eben Erlernten haften. Etwa, wie ein pochiertes Ei perfekt gelingt (und ja, es funktioniert, life changing!), wie selbst gemachter Pastateig nicht zur Zerreissprobe wird (zugegeben, ich kaufe trotzdem wieder fertige Nudeln im Supermarkt, shame on me . . .) oder wie man ein Festmahl à la Beef Wellington zubereitet. Fondue chi­noise, an Weihnachten 2019 hast du keine Chance!

Und wirklich, meine anfangs bescheidenen Kochkünste werden von Lektion zu Lektion besser, was vor allem der zugänglichen und höchst motivierenden Art Ramsays zuzuschreiben ist. So bereitet er etwa einen Pilz-Speck-Toast dermassen leidenschaftlich zu, dass ich alles stehen und liegen lasse, ins nächstgelegene Geschäft hechte, um mir die Zutaten zu besorgen – und zwanzig Minuten später vor einem Pilz-Speck-Toast am kleinen Tisch in der Altbauküche sitze, während mir Meister Gordon Ramsay durch den Bildschirm aus seiner Edelküche zugrinst. Dabei mag ich gar keinen Speck.

* Dieser Artikel erschien am 13. Januar 2019 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.01.2019, 12:06 Uhr

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