Hoch das Bein, runter mit dem Blutzucker

Sportliche Diabetiker können Medikamente reduzieren oder gar weglassen.

Den Lebensstil nachhaltig ändern: Bewegung hilft, Gewicht abzubauen. Foto: Getty

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Diabetiker, die viel Sport treiben, können ihren Blutzuckerspiegel derart senken, dass sie deutlich weniger Medikamente benötigen und zum Teil sogar komplett darauf verzichten können. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich eine Forschergruppe um Mathias Ried-Larsen vom Rigshospital in Kopenhagen. Das Team veröffentlichte die Ergebnisse der Studie kürzlich im Ärzteblatt «Jama» .

Von den 98 Studienteilnehmern mit Diabetes Typ 2 stellten zwei Drittel unter fachkundiger Anleitung ihren Lebensstil um. Die Männer und Frauen litten schon seit bis zu zehn Jahren an Diabetes und hatten ihre Blutzucker­werte durch Medikamente (Metformin) eingestellt. Ein Drittel der Teilnehmer erhielt nur die Standardtherapie, also eine Aufklärung über Diabetes und Empfehlungen, sich mehr zu bewegen sowie weniger und gesünder zu essen.

Die Probanden, die ihren Lebensstil ändern sollten, bekamen jedoch zusätzlich an fünf bis sechs Tagen pro Woche Aerobic-Lektionen, inklusive zwei bis drei Einheiten Krafttraining. In den ersten vier Monaten leiteten speziell ausgebildete Trainer die Sportstunden. Während der Zeit nahmen die Testpersonen zudem eine kalorienreduzierte Kost zu sich, um Gewicht zu verlieren. Nach und nach übernahmen die Sport treibenden Diabetiker ihr Trainingsprogramm eigenständig.

Das Ergebnis nach einem Jahr: Von den 64 Aerobic-Schülern konnten 73 Prozent die Menge der Diabetesmedikamente reduzieren, etwas mehr als die Hälfte konnte die Tabletten sogar vollständig absetzen. In der Kontrollgruppe nahmen 26 Prozent der Patienten weniger Medikamente ein, und knapp 15 Prozent konnten darauf verzichten.

Sporttreiben und gesunde Ernährung besser als Tabletten

Mathias Ried-Larsen war von den Ergebnissen positiv überrascht. «Wir hatten zwar erwartet, dass eine Lebensstiländerung mit Sport und gesunder Ernährung gleich effizient wie die Einnahme von Medikamenten sein könnte», sagt der Studienleiter. Offenbar haben nun aber die Massnahmen sogar besser gewirkt als die Tabletten.

Marc Donath, Diabetologe am Universitätsspital Basel, findet die Studie sehr wichtig, um noch einmal den Ärzten, Pflegekräften und nicht zuletzt den Patienten zu verdeutlichen, wie effektiv eine Lebensstiländerung sein kann. «Mangelnde Bewegung und schlechte Ernährung sind die Hauptursachen für einen Diabetes Typ 2», sagt Donath. Doch es sei möglich, die Zuckerkrankheit aufzuhalten. Das sei eine wichtige Botschaft für die rund 500'000 Menschen, die in der Schweiz an Diabetes erkrankt seien – 90 Prozent davon an Typ 2. Betroffene sollten aber nur unter ärztlicher Aufsicht Medikamente reduzieren, betont Donath.

Auch einem kanadischen Team gelang es, einen Teil seiner Studienteilnehmer von Medikamenten zu befreien. Normalerweise sei die Diagnose Diabetes der erste Schritt zu chronischen und immer komplexer werdenden Therapien für die Patienten, schreiben die Forscher um Natalia McInnes von der McMaster-Universität in Hamilton, Ontario, in ihrer Veröffentlichung im «Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism». Aber mehrere Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass der fortschreitende Prozess aufgehalten werden kann.

Die kanadischen Mediziner setzten dabei zunächst rigoros Medikamente ein, um den Blutzuckerspiegel der Patienten drastisch und dauerhaft zu senken. Die 83 Testpersonen, die weniger als drei Jahre an Diabetes Typ 2 litten, wurden in drei Gruppen unterteilt. Die ersten beiden Gruppen erhielten 8 respektive 16 Wochen lang blutzuckersenkende Mittel (Metformin, Acarbose und Insulin) und mussten abnehmen. Die Kontrollgruppe bekam die Standardtherapie, also Informationen und Anleitungen für einen gesunden Lebenswandel.

Schon etwas Velofahren senkt sofort den Blutzuckerspiegel

Zwölf Wochen nach den Massnahmen konnten 40 Prozent derjenigen, die 16 Wochen lang intensiv mit verschiedenen Wirkstoffen behandelt worden waren und abgenommen hatten, komplett auf Medikamente verzichten. In der Gruppe, die nur 8 Wochen so behandelt wurden, waren es gut 20 Prozent, in der Kontrollgruppe rund 11 bis 14 Prozent. Zunächst hat das kanadische Team bestätigt, dass die Methode sicher sei, also wenig Nebenwirkungen habe. Längerfristige Untersuchungen sollen folgen. Unklar ist noch, ob der positive Effekt auch ein Jahr später anhält.

Sollte auch die langfristige Wirkung der frühen drastischen Medikamentengabe besser sein als die Standardtherapie, wird auch Donath seine Praxis überdenken. Der Basler Diabetologe wartet bisher mit der Medikamentengabe ab. «Ich favorisiere die Lebensstiländerung», sagt Donath. In seiner Notfallstation im Unispital Basel steht ein Hometrainer: «Wir bitten die Patienten, die zu uns kommen, etwas Velo zu fahren», sagt Donath. «Es ist für die Zuckerkranken sehr eindrücklich, zu sehen, wie durch die Bewegung der Blutzuckerspiegel sofort sinkt.»

Der dänische Forscher Mathias Ried-Larsen und Donath sind sich einig darin, Diabetikern alle Hilfe anzubieten, damit sie es schaffen, den Lebensstil nachhaltig zu ändern. Donath setzt auf ausführliche Gespräche, um zuerst einmal herauszufinden, warum ein Patient übergewichtig ist und sich zu wenig bewegt. «Das Problem ist aber, dass längere Arztgespräche nicht von den Krankenkassen bezahlt werden, die schnelle Abgabe von Medikamente hingegen schon», echauffiert sich der Fachmann. Das sei das falsche Signal für eine nachhaltige Therapie für Diabetiker.

Erstellt: 28.10.2017, 17:44 Uhr

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