Hurra, ein neues Banken-Wunderkind ist da!

Banker werden immer noch wie Rockstars bejubelt. Jüngstes Beispiel: Iqbal Khan, der eben die Credit Suisse verlassen hat.

Als Sinnbild für die testosteron­getriebene Finanzbranche immer noch gültig: Leonardo DiCaprio als Jordan Belfort 
in «The Wolf of Wall Street». Foto: Imago/Cinema Publishers Collection

Als Sinnbild für die testosteron­getriebene Finanzbranche immer noch gültig: Leonardo DiCaprio als Jordan Belfort in «The Wolf of Wall Street». Foto: Imago/Cinema Publishers Collection

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Man hätte meinen können, die Credit Suisse (CS) könne gleich dichtmachen ohne ihn. Als Iqbal Khan, der Chef der internationalen Vermögensverwaltung (IWM), die Schweizer Grossbank letzte Woche überraschend verliess, überschlugen sich die Superlative. «Ein Kronprinz wechselt den Hof» («Finanz und Wirtschaft»), «Die heisseste Bankpersonalie der Schweiz» («Tages-Anzeiger») – der 43-jährige Schweizer mit pakistanischem Hintergrund wurde gefeiert wie ein Rockstar. Sogar die zurückhaltende NZZ griff in Zusammenhang mit der Personalie zum Wort «Regenmacher».

Iqbal Kahn scheint – mal abgesehen vom immer wieder thematisierten vollen Haar und Strahlelächeln – geradezu alles in sich zu vereinen, was die Bankenbranche heute braucht: Er ist smart, extrem ehrgeizig, ein Macher, parkettsicher, souverän – und er werde im IWM geradezu «verehrt», kolportierten die Medien. Selbst CS-Chef Tidjane Thiam wollte im Abschiedscommuniqué für den abtrünnigen Jungmanager noch etwas von Khans Glanz abhaben: Er, Thiam, habe ihn als «grossartigen Kandidaten für den Posten als CEO des IWM identifiziert».

«In seiner CS-Division wird Iqbal Kahn regelrecht verehrt»«Finanz und Wirtschaft», 3. Juli 2019

Der Hype erstaunt und erinnert ein bisschen an die Stimmung im Film «The Wolf of Wall Street», der die testosterongetriebene Branche Anfang der 90er-Jahre beleuchtet. Heute, zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise, brauchen die Finanzinstitute offenbar noch immer ihre Helden, die das Geld vom Himmel fallen lassen. Khans Leistung wird vor allem an der Kennziffer des Netto-Neugelds gemessen, das unter ihm stark anstieg, genauso wie der Vorsteuergewinn der Sparte, der unter ihm von 709 Millionen Franken auf 1,7 Milliarden Franken angeschwollen ist. Das alles ist erfreulich und Wachstum letztlich Zweck eines jeden Unternehmens.

Doch die Branche sieht sich derzeit mit Herausforderungen ganz anderer Art konfrontiert – es stellt sich die Frage, ob das Geschäftsmodell der Banken, vor allem der Grossbanken, in dieser Form künftig überhaupt noch funktionieren wird. Branchenfremde Tech-Konzerne dringen ins Geschäftsfeld der Banken ein, Facebook will eine eigene Währung für den Geldtransfer lancieren, das permanente Tiefzinsumfeld belastet. Was also bleibt für die Banken? Für Monika Roth ist die Glorifizierung eines erfolgreichen Wealth-Managers die Folge davon: «Ich beobachte bei den Banken eine Ratlosigkeit, was ihre künftigen Geschäftsmodelle betrifft. Da stürzt man sich natürlich gerne auf vermeintliche Heilsbringer wie Iqbal Khan.» Die Boni-Anreizsysteme, so kritisiert sie, seien im Übrigen noch immer stark auf Wachstum fokussiert. Das begünstige die Hochstilisierung solcher «Regenmacher».

«Silberne Schläfen wie George Clooney, reich wie ein indischer Maharadscha»Bild.de über Anshu Jain. 26. Juli 2011

Branchenkenner nennen als weiteren Grund für den Heldenkult, dass vor allem ältere Semester – und damit auch die obere Führungsebene – durch eine Militärkarriere geprägt seien. Hierarchisches Denken und die Suche nach Anführern hätten sie daher in der DNA – und geben das auch an jüngere Generationen weiter.

Die Suche nach Wunderkindern hat tatsächlich Tradition bei den Banken. Ex-Julius-Bär-Chef Boris Collardi – auch er wurde als «Deal­maker», «Leitwolf» und den schönen Dingen des Lebens zugetaner junger CEO gefeiert und zu Beginn für seinen aggressiven Wachstumskurs beklatscht. Seine Nachfolger müssen bei Bär nun aufräumen, was Collardi in seiner Sturm-und-Drang-Phase hinterlassen hat; so richtig nachhaltig war sein Kurs offenbar nicht. Als «Sonnengott» und «Geldmaschine» machte einst auch der britisch-indische Investmentbanker Anshu Jain Schlagzeilen, der von Juni 2012 bis Juni 2015 die Co-Führung der Deutschen Bank innehatte. Heute ist die grösste Bank Deutschlands nur noch ein Schatten ihrer selbst, baut 18'000 Stellen ab und verkleinert das Investmentbanking massiv. Die Massnahmen zeigen, wie gross der Druck auf die Banken ist und wie sie sich eigentlich neu erfinden müssen.

«Collardi, eine Art Wunderkind des Schweizer Bankenplatzes»SDA, 29. Dezember 2017

Das geht nicht ohne Kulturwandel respektive eine Veränderung des Wertesystems – und da hinkt der Finanzsektor nach Meinung von Beobachterinnen hinterher. «Die reine Bewertung von Managern nach Wachstumskennziffern greift bei den Banken im heutigen Zeitalter der Nachhaltigkeit nicht mehr», findet die international tätige Management-Beraterin ­Sonja A. Buholzer, Inhaberin von Vestalia Vision in Zürich. Der Schlüssel zum Erfolg liege in einer Bewusstseinsverändung. «Ich sehe Projekte dazu auch an der Basis in den Grossbanken, wo sich viele Leute für eine neue Kultur engagieren. Für Heldenkult hat es keinen Platz aus der Sicht junger Generationen.» Finanzspezialistin Monika Roth sieht im Festhalten an alten Zeiten ein Damoklesschwert. «Den Grossbanken gelingt es aufgrund des fehlenden Kulturwandels nicht, Querdenker anzuziehen. Das wird ihnen eines Tages noch um die Ohren fliegen.»

Vorläufig hält man sich an die vermeintlichen Helden. Die NZZ macht sich offenbar bereits Sorgen um ein Verglimmen von Khans Stern, der bei der CS ein geschätztes Jahressalär von 9 Millionen Franken gehabt haben soll: «Die Herausforderung Khans besteht darin, nicht nur den nächsten, sondern auch den übernächsten Karriereschritt ins Auge zu fassen und das Risiko zu minimieren, sich nach einigen erfolgreichen Jahren in einer beruflichen Sackgasse wiederzufinden.»

Mitarbeit: Laura Frommberg



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Erstellt: 13.07.2019, 19:20 Uhr

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