Ich bin es müde, wach zu sein

Fast jeder dritte Schweizer leidet unter Schlaflosigkeit. Dabei gäbe es durchaus Gegenmittel.

Wumms, hellwach: Fast jeder dritte Schweizer leidet unter Schlafstörungen. Foto: Getty Images

Wumms, hellwach: Fast jeder dritte Schweizer leidet unter Schlafstörungen. Foto: Getty Images

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Manchmal wird mitten in der Nacht im Kopf eine Lampe angeknipst. Zack, hellwach, und das Hirn plappert los, als sei gerade Mittagssitzung. Manchmal steckt während des Träumens im Kopf etwas fest, der Traum dreht eine immer gleiche Schleife, bis man im untersten Stollen der Nacht aufwacht, bedrückt, todmüde. Alle Sorgen stehen dann ums Bett wie die nahen Verwandten um einen Leichnam. Und manchmal liegt man einfach nur da, lauscht in die Stille und döst vor sich hin.

Jedenfalls: Schlafstörungen. Anfangs denkt man, das gehe wieder weg. Tut es aber nicht. Wird eher häufiger. Gepaart mit Verzweiflung, weil ja klar ist, dass mit jeder halben Stunde, die man jetzt schon wieder wach liegt, die Müdigkeit im Büro noch grösser sein wird. Die Lebensresümees, die man in solch dunklen Stunden zieht, fallen fast immer verheerend aus.

Damals, im Studium, falsch abgebogen, warum bloss? Und wie konnte man nur diesem vermeintlichen Vermögensberater vertrauen, der sich bald als Armutsberater entpuppte? Man starrt in das Dunkel der Nacht, sieht die Aufgaben der nächsten Tage wie eine schockgefrorene Tsunamiwelle vor sich und weiss, dass man sehr einsam ist.

Schlaflosigkeit zählt zu den grössten Gesundheitsgefahren

Wobei das ja gar nicht stimmt. Im Gegenteil, in aktuellen Schlaf­studien klingt es immer, als sei man Opfer einer weltweiten Epidemie geworden. Fast jeder dritte Schweizer leidet unter Schlafstörungen, bei 10 bis 20 Prozent ist es chronisch. Schlaflosigkeit zählt laut Weltgesundheitsorganisation zu den grössten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts.

Die US-Agentur Rand Corporation schätzt die wirtschaftlichen Verluste durch Krankheiten und verkürzte Lebenserwartungen, die sich aus Schlafstörungen ergeben, in den USA auf 411 Milliarden Dollar. Entsprechende Zahlen zur Schweiz gibt es nicht, aber in Deutschland, wo die Menschen durchschnittlich 6 Minuten we­niger lang im Bett sind als die Schweizer mit ihren sieben Stunden und 55 Minuten pro Nacht, sind es 55 Milliarden Euro.

Die Gründe für die epidemische Schlaflosigkeit, die in allen Studien mitgeliefert werden: Wir sind überarbeitet. Und überbelichtet, schliesslich gaukelt das Blaulicht der LED-Bildschirme dem Gehirn noch um Mitternacht Helligkeit vor. Wodurch sich die Bildung des Schlafhormons Melatonin reduziert und hinauszögert. Was zur Folge hat, dass man später müde wird, schlechter einschläft und früher wieder aufwacht.

Schlaffördernde Pyjamas und ein Anti-Red-Bull

Dazu kommt der toxische Nachrichtenmix aus Trump, Klimawandel und EU-Zerfall, den man sich kurz vor dem Schlafengehen noch antut. Also erste Massnahme: Eine Stunde vor dem Schlafengehenkeine Mails, kein Facebook, nichts Digitales. Am besten noch die Stromleiste ausschalten, damit das grüne Lämplein am Computer nicht leuchtet. Aber: Nützt leider auch nichts. Drei Uhr in der Früh: Wumms, hellwach. Als hätte einem jemand Kohlensäurewasser ins Hirn geschüttet. Und direkt neben einem fangen die phosphoreszierenden Zeiger des Weckers an, die verbleibende Schlafzeit kurz und klein zu schneiden.

Das alles entgeht natürlich auch cleveren Unternehmern nicht. Überall eröffnen «Nap-Stations» für «Powernapping» zwischendurch. Ein österreichisches Start-up verkauft das Getränk «Snooze», eine Art Anti-Red-Bull, betont die Firma doch die schlaffördernden Eigenschaften der Zutaten Zitronenmelisse, Baldrian und Mohn. Der Onlineschlaftrainer «Sleepio» schickt einem gegen saftige Abo-Gebühren Mails, in denen steht, dass man ruhig mal aufstehen solle, wenn man wach sei.

Es gibt Schlaf-Apps, die einem mit «neuroakustischen Sounds» die Gehirnwellen so umprogrammieren, dass angeblich das Zeitgefühl ins Schweben gerät und man «auf Knopfdruck einschlafen» kann. Auf der Consumer Electronic Show, der Fachmesse für Unterhaltungselektronik in Las Vegas, wurden jüngst «schlaue Pyjamas» beworben, die ein «biokeramisches Gel» enthalten, das angeblich die «infrarote Wärmeemissionen des Körpers» regelt. Und die «Gravity Blanket» ist eine Decke, die man momentan in drei Gewichtsklassen kaufen kann: sieben, neun und elf Kilogramm. Diese Schwere soll beim Schläfer das beruhigende Gefühl erzeugen, umarmt zu werden. Und so weiter. Die Beratungsfirma McKinsey schätzt jedenfalls, dass die Schlaf- und Gesundheitsindustrie jährlich 30 bis 40 Milliarden Dollar umsetzt.

Zweimal vier Stunden Schlaf statt acht Stunden am Stück

Davon entfallen gefühlt 10 Milliarden auf die Ratgeberbranche. Schlafgutbücher, Einschlafhilfen, Nachtpodcasts – es gibt so viel Literatur zum Schlafen, zum richtigen Schlafen, zum Schlafenlernen, zu Schlafstörungen, dass man sie auch dann nicht alle lesen könnte, wenn man überhaupt nicht mehr schlafen würde.

Die Bücher versprechen ein «Dreiwochenprogramm für gesunden Schlaf», «ein Programm, das garantiert Leistung, Regeneration und Entspannung zusammenbringt», oder den «persönlichen Sleep-well-Kurs». Was all die Produkte und Bücher vereint, ist die unterschwellige These, dass es noch nie so schlimm war mit der Schlaflosigkeit wie heute. Und das Versprechen, dass man Schlaflosigkeit heilen könne. Was aber, wenn sie einfach dazugehört?

Der Historiker Roger Ekirch schreibt, dass die Menschen bis zum 18. Jahrhundert ein grundlegend anderes Schlafmuster hatten als den Achtstundenschlaf, den wir heute für normal, gesund und einzig richtig halten. Laut Ekirch schliefen die Menschen in Phasen, ungefähr zweimal vier Stunden. Dazwischen waren sie ein bis zwei Stunden wach, meist um Mitternacht herum, standen auf, versorgten das Vieh, beteten oder hatten Sex. Ekirch fand fünfhundert Textstellen quer durch alle Sprachen und Kulturen, von Homer bis zu Balzac, die von einem «ersten» und einem «zweiten» Schlaf erzählen.

Das passt zum Befund des amerikanischen Psychiaters Thomas Wehr, der seine Probanden 1991 in einem Haus unterbrachte, das täglich für vierzehn Stunden verdunkelt wurde. Er wollte wissen, ob wir alle viel ältere Schlafmuster in uns tragen, die durch den modernen Lebenswandel verloren gegangen sind. Wehrs These: Wir haben den Schlaf an die Effizienz des Tages angepasst und zu einem einzigen Achtstundenblock komprimiert. Wer sich da nicht reinquetscht, hat Pech gehabt.

Nach drei Wochen stellte sich bei allen von Wehrs Testschläfern das Muster um: Im Schnitt schliefen sie acht Stunden – wachten aber jeweils nach drei bis vier Stunden auf, um nach ein bis zwei Stunden wieder einzuschlafen. Also aufstehen und lesen, wenn man nicht schlafen kann. Oder eben das machen, was einen am besten entspannt. Am besten, ohne die anderen Familienmitglieder mit der eigenen nächtlichen Unruhe anzustecken.

Erst im 19. Jahrhundert wurde Schlaflosigkeit pathologisiert

Nun gibt es selbstverständlich Gegenstudien, die diese These des universellen Schlafmusters wieder dekonstruieren und von indigenen Völkern erzählen, die die ganze Nacht durchschlafen. Sicher ist, dass das nächtliche Aufwachen tatsächlich erst im 19. Jahrhundert pathologisiert und als Zeichen des schädlichen, weil unnatürlichen Lebenswandels der Industrialisierung gedeutet wurde.

Die zahlreichen Schlafabhandlungen, die ab Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals grassierten, seien ganz deutlich Indikatoren für eine diffuse Angst des Bürgertums um die eigene Position, sagt die Historikerin Hannah Ahlheim. Sie hat mit «Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert» ein grossartiges Kompendium über die Geschichte und die ideologische Instrumentalisierung des Schlafs in der Moderne verfasst.

Sie schreibt darin: «Der Wandel der Lebensverhältnisse, in denen Technik, Maschinen und Geschwindigkeit ebenso wie Börsen und Marktmechanismen eine neue und grössere Rolle spielten – all diese Veränderungen erschienen auch denjenigen, die in gewissem Masse von der Entwicklung profitierten, als beängstigend, verunsichernd, ambivalent.» Man müsste nur noch irgendwo das Wort «Digitalisierung» einschleusen, schon könnte man den Satz in irgendeinen Ratgeber unserer Tage transportieren.

Keine existenzielle Strafe

Jedes Jahrzehnt behauptet von neuem, dass Schlafstörungen die Volkskrankheit Nummer eins seien – und es klingt vor allem auch jedes Mal so, als sei das erst jetzt so. Immer wieder gibt es neue alarmiert klingende Studien, angebliche schlafrettende Erfindungen und Interpretationen, die die Schlaflosigkeit mit jeweils aktuellen Ängsten (atomare Vernichtung, Waldsterben, Digitalisierung) und dem falschen Leben an sich erklären.

Das soll nicht heissen, Schlafstörungen seien nicht schlimm. Sie können zu einer Qual werden und sind auf Dauer gesundheitsschädlich. Schlafmangel befördert Hautalterung, Gewichtszunahme, Immunschwäche und das Schlaganfallrisiko, und angeblich fanden US-Forscher in den Gehirnen sogenannter Minderschläfer Veränderungen wie in Gehirnen von Demenzpatienten.

Aber manchen hilft es vielleicht zu wissen, dass es ganz normal ist, nachts wach zu liegen. Sowohl quer durch alle Zeiten als auch ab einem bestimmten Alter. Weshalb es hilfreich sein kann, statt zerknirscht im Bett ins Lebensdunkel zu starren, besser aufzustehen, sich ein, zwei Stunden in die Küche zu setzen und die Schlaflosigkeit nicht als existenzielle Strafe zu betrachten. Eher wie einen vorübergehenden Hunger oder eine Runde im Wartezimmer des Lebens. In diesem Sinne: Gute Nacht!

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.11.2018, 09:12 Uhr

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