«Ich fürchte mich höchstens davor, plötzlich heterosexuell zu werden»

Kult-Regisseur John Waters hat in Locarno den Ehrenleoparden erhalten – und provoziert immer noch mit Lust.

«Die Schweiz ist ein sozialistisches Land»: John Waters, 73, im Hotel Belvedere in Locarno. Foto: Claudio Bader

«Die Schweiz ist ein sozialistisches Land»: John Waters, 73, im Hotel Belvedere in Locarno. Foto: Claudio Bader

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Gratulation, aber ist ein Preis wie der Ehrenleopard nicht eine Beleidigung für den Pope of Trash?
Ich akzeptiere ihn stolz und ohne Hintergedanken. Aber natürlich kotzen einige Freunde, wenn sie mich das sagen hören.

Weil Sie der König des Untergrundes bleiben sollen?
Ja, aber das bin ich ja schon lange nicht mehr. Man kann nicht 50 Jahre lang im Beruf arbeiten, ohne dass es jemand mag. Andere Künstler erhalten solche Anerkennungen erst, wenn sie tot sind. Ich erlebe es noch und finde es aufregend. Irgendwie so, wie jeden Tag an die eigene Beerdigung zu gehen, ein gelungenes Fest.

Ihre Filme leben noch, das zeigt sich in Locarno.
Einige davon waren zwar mausetot, als sie rauskamen. Nach und nach mauserten sie sich und funktionieren heute gar besser als früher. Sagen wir, sie sind zeitlos.

In Locarno lief auch «Polyester» mit den Odorama-Karten. Auf denen muss man an bestimmten Stellen rubbeln und kann dann Düfte wie Rosen oder Fürze erschnüffeln.
Wissen Sie, wie ich auf die Idee gekommen bin? Wegen der Gasrechnung. Die kam monatlich, darauf gab es eine Stelle zum Rubbeln mit der Warnung: Wenn Sie diesen Duft riechen, haben Sie ein Leck in der Leitung. Später flatterte eine weitere Karte ins Haus, da stand: Wenn Sie das riechen, raucht Ihr Kind Marihuana. Larry Flynt hat dann im «Hustler»-Magazin die Idee weiterentwickelt und das Bild einer Nackten veröffentlicht, bei der man zwischen den Beinen rubbeln konnte. Wie das roch, wollen wir hier nicht diskutieren.

Ihr «Pink Flamingos» mit der berüchtigten Hundekotszene bleibt aber eine Provokation. Jugendliche, die ihn in Locarno sehen wollten, mussten beweisen, dass sie 18 sind.
Immerhin wird er vorgeführt, früher wurden sofort die Kopien beschlagnahmt. Ab und zu kommen Leute auf mich zu, die sagen, ihre Eltern hätten ihnen den Film gezeigt. Meine Eltern haben ihn nicht einmal angeschaut. Und ich kann es ihnen nicht verübeln.

Aber Ihr Vater hat ihn finanziert.
Ja. Ich wollte später alles zurückzahlen, aber er hat das Geld nicht angenommen, weil er fürchtete, ich würde ihn dann bei jedem Film fragen. «Steck das Geld in den nächsten Film und frage mich dafür nie mehr», sagte er mir. Das war in Ordnung. Und eine Lektion in Sachen Kapitalismus.

«Bei Ihnen bezahlt doch der Staat dafür, dass radikale Filme entstehen. Das ist Sozialismus pur, was ich an sich gut finde.»

Seit 2004 machen Sie keine Filme mehr.
Ja, aber ich werde immer noch von Hollywood bezahlt, zum Beispiel für das Schreiben von Fortsetzungen zu «Hairspray», die dann nie gedreht werden. Ich werde bezahlt fürs Nicht-Filmemachen.

Sie könnten ja etwas Eigenes drehen.
Unabhängige Filme dürfen nicht mehr als eine Million Dollar kosten. Aber es muss Stars darin haben. Ich müsste also einige davon überreden, ohne Gage zu spielen. Das habe ich früher getan, aber mit 73 Jahren einfach keine Lust mehr dazu. Manche Leute sagen mir, ich solle eine Internet-Sammelaktion starten. Ich antworte dann: Also bitte, ich besitze drei Häuser und soll jetzt betteln gehen? Nie im Leben, da würde ich eher ein Haus verkaufen. Vielleicht sollte ich auch einfach in ein sozialistisches Land wie Ihres ziehen.

Die Schweiz ist sozialistisch?
Natürlich. Bei Ihnen bezahlt doch der Staat dafür, dass radikale Filme entstehen. Das ist Sozialismus pur, was ich an sich gut finde. Das Problem ist nur, dass Sozialismus so ein Schimpfwort geworden ist. Donald Trump nennt alles, was ihm nicht genehm ist, so. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, würde ich sofort Kommunist.

Als Provokation?
Weil der Kommunismus total aus der Mode gekommen ist. Nicht einmal Kuba will mehr kommunistisch sein. Deshalb wird Bernie Sanders auch niemals die US-Wahlen gewinnen. Das wird eine sichere Sache für Trump.

Auch die anderen Demokraten haben keine Chance?
Ach, die sind alle so schwach. Sie halten Vorträge und wollen einen belehren, das ist das Schlimmste, was man tun kann. Ich würde jeden von ihnen unterstützen, um Trump loszuwerden. Aber ich sehe keine Chance.

Trump hat ja kürzlich Ihre Heimatstadt Baltimore, in der auch alle Ihre Filme spielen, ein Rattenloch genannt.
Ja, ich habe ihm sofort geantwortet, dass mir alle Ratten und Kakerlaken Baltimores lieber sind als die Lügen und der Rassismus in Washington. Klar hat die Stadt ein Problem. Aber das ist auch der Grund, dass es in Baltimore interessante Leute gibt. Überall sonst scheint es nur noch sehr reiche Menschen zu geben und ganz arme, die Mitte droht wegzubrechen. Ist das in der Schweiz nicht so?

Nein, hier ist der Mittelstand schon sehr stark.
Wobei ihr Schweizer die Einzigen seid, die Reichtum gut tragen können. Ihr schämt euch ein wenig dafür und wollt nicht zeigen, dass ihr Geld habt. Ihr seid das Gegenteil von Trump: Der protzt, wo er kann, und hat vermutlich gar kein Geld. Deshalb will er seine Steuern auch nicht offenlegen. Ich denke, der hat nur Schulden.

Sie leben unterdessen gut von Ihren Büchern und haben mehrere Bestseller geschrieben.
Ja, soeben ist ein neues herausgekommen: «Mr. Know-It-All». Darin nehme ich LSD.

In der Schweiz ist es erst ab September erhältlich. Aber die Kritiker sind begeistert. Die «New York Times» nannte Sie eine «nationale Ikone».
Das war nett. Meine Lieblingskritik stand aber in der «Seattle Times». Da ist zu lesen, ich sei eine grosse amerikanische Institution – oder gehörte in eine, womit natürlich ein Irrenhaus gemeint war.

Sind Kritiken wichtig für Sie?
Meine ganze Karriere war auf schlechten Kritiken aufgebaut. Sobald damals ein Kritiker wütend über einen meiner Film herzog, hat mir das viele Eintritte eingebracht. Heute sind die Kritiker zu hip, um hilfreiche Verrisse zu schreiben.

Vielleicht kann man auch einfach nicht mehr provozieren. Was schockiert Sie noch im Kino?
Ganz schlimm finde ich, wenn irgendwo steht, der Film sei eine Provokation im Stil von John Waters. Diese Filme sind zu bemüht. Oder nur ein müder Abklatsch: «Hangover» fand ich lustig, aber Hollywood macht jetzt jährlich 18 Versionen davon. Darüber schreibe ich in «Mr. Know-It-All». Der Titel ist ein Bluff. Ich weiss nichts über Sport und nichts über Science-Fiction.

Dafür einiges über Drogen, wenn Sie darin LSD konsumieren.
So habe ich es dem Verlag verkauft. Ich habe gesagt: Nach 40 Jahren konsumiere ich wieder LSD und schreibe darüber. Die haben mir sofort einen Vorschuss gegeben.

Sonst nehmen Sie keine Drogen?
Seit vielen Jahren nicht mehr. Früher war das anders, süchtig war ich nie, aber ich habe fast alles ausprobiert. Sobald ich berühmt wurde, habe ich jedoch aufgehört. Normalerweise beginnt man dann ja erst richtig. Aber fürs Buch habe ich mich wirklich gefragt, wie es wäre, mit 73 auf einen Trip zu gehen.

Hatten Sie keine Angst?
Wovor? Ich fürchte mich höchstens davor, plötzlich heterosexuell zu werden.

Wie bitte?
Das wäre zu viel. Ich habe meine Grenzen. Junge Homosexuelle tun das ständig, die sagen, jetzt bin ich wieder straight. Schön, dass es für sie so einfach ist. Aber für mich wäre es nichts. Ausserdem finde ich es lästig, dass die sexuelle Orientierung eine Art Modeerscheinung geworden ist.

Inwiefern?
Es gehört in gewissen Kreisen zum guten Ton, ein wenig homosexuell zu sein. Zum Beispiel bei Kindern reicher Eltern, die eh schon alles haben.

Das geht doch vorbei.
Denken Sie? Ich habe einen konkreten Vorschlag: Man muss eine Prüfung ablegen, um schwul zu sein. Es gäbe eine Expertenkommission, in der Leute wie der Autor John Rechy oder der Schauspieler Ian McKellen sässen. Die würden die Kandidaten begutachten und pro Jahr zwanzig neue Schwule zertifizieren. Das wäre zwar elitär, aber es würde sichergestellt, dass darunter zum Beispiel keine Rassisten sind. Die Welt wäre besser.



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Erstellt: 18.08.2019, 17:12 Uhr

Der Papst des Trashs

Mit seinen ersten Filmen schockierte er das Publikum, später drehte er mit Stars wie Johnny Depp. Aber John Waters, 73, hat mehr zu bieten als Ekel und Anmassung. Er ist ein feinfühliger und schlagfertiger Kritiker der Gesellschaft. Seit 2004 dreht er keine Filme mehr, aber er schreibt Buchbestseller, tourt wie ein Popstar durch die USA und stellt als bildender Künstler in wichtigen Museen aus.

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