«Blond, 1,65 Meter gross, sarkastisch»

Beim Online-Dating preisen immer mehr Singles ihren boshaften Humor an. Was das über unser Flirtverhalten aussagt.

Vereint in gemeinsamer Liebe für den Sarkasmus? Ein Paar geniesst den Sonnenuntergang. Foto: Anastasia Sklyar / Unsplash

Vereint in gemeinsamer Liebe für den Sarkasmus? Ein Paar geniesst den Sonnenuntergang. Foto: Anastasia Sklyar / Unsplash

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Julia beschreibt sich als «blond, 1,65 Meter gross, sarkastisch». Sarah zählt zu ihren Hobbys: «Hunde, schwarzen Kaffee, Sarkasmus.» Und Patrick weist stolz darauf hin, er sei «fluent in sarcasm». Willkommen bei Tinder, wo der Sarkasmus plötzlich fast so selbstverständlich ist wie Selfies aus dem Fitnessstudio. Seltsam. War Sarkasmus nicht bislang eher den Frustrierten vorbehalten?

Was ist nur los mit den Singles? Liegt es daran, dass schwarzer Humor so beliebt ist wie nie, vor allem online? Als etwa Notre-Dame brannte, dauerte es nicht lange, bis jemand auf Instagram einen feuerspuckenden Drachen aus «Game of Thrones» über den lodernden Dachstuhl fliegen liess. Oder eignet sich Sarkasmus einfach besonders für Flirts am Smartphone, weil er, garniert mit den richtigen Emojis, gut in Schriftform funktioniert?

Burkhard Meyer-Sickendiek, der an der Freien Universität Berlin zum literarischen Sarkasmus forscht, erzählt, schon Cicero habe den Sarkasmus gezielt eingesetzt, um sich vom «bäuerlichen Redner» abzusetzen. Von Oscar Wilde ist das Diktum überliefert, Sarkasmus sei die «niedrigste Form des Witzes, aber die höchste Form der Intelligenz».

Ist das die Erklärung? Dient der Hinweis quasi als subtiles Signal, dass man keiner von den Horden der provinziellen Tinder-Singles ist, die immer genau das sagen, was sie denken? Wer «fliessend Sarkasmus» spricht, präsentiert sich damit schon mal als einigermassen weltgewandt.

Sarkasmus deutet auf Frustration hin

Aber was sagt es über unser Flirtverhalten aus? Müssen wir immer fieser werden, weil wir sonst im unendlichen Strom potenzieller nächster Partner als Langweiler untergehen? Survival of the most sarcastic? Eric Hegmann, Paartherapeut und offizieller Single-Coach für die Partneragentur Par­ship, hat dazu eine Theorie: «Das ist eine klassische Schutzstrategie. Wir sprechen Sarkastisch, um uns vor Verletzungen zu schützen.» Junge Menschen führten heute mehr Beziehungen als ihre Eltern und Grosseltern zusammen. Entsprechend viele Trennungen hätten die meisten hinter sich.

Jedes Mal ein Schlag fürs Ego: «Die Menschen gehen heute mit viel mehr verletztem Selbstwertgefühl auf Partnersuche. Wir tun alles, um möglichen Zurückweisungen vorzubeugen.» Damit aber wäre die Zunahme des demonstrativen Sarkasmus eine ziemlich traurige Angelegenheit. Ein Symptom flächendeckender Frustration. Ein Schutzpanzer, weil Singles mit Nettigkeit zu oft unter die Räder gekommen sind. Genau deshalb würde der Single-Coach auch nicht empfehlen, sich selbst mit Sarkasmus zu brüsten. Was Singles suchten, seien lebensbejahende Persönlichkeiten. Wer als Erstes signalisiere, er mache sich gerne auf Kosten anderer lustig, wirke frustriert und unsympathisch.

Möglicherweise sind die vielen Sarkasmus-Aficionados aber einfach auf der falschen Plattform. Denn es gibt auch eine Dating-App, die ganz ähnlich funktioniert wie Tinder: Sie verknüpft Flirtpartner anhand von Dingen, die beide gemeinsam hassen. Etwa E-Zigaretten oder veganes Essen. Sie heisst Hater. Und hat im App Store hervorragende Bewertungen.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 17.06.2019, 19:31 Uhr

Artikel zum Thema

Was beim Online-Dating alles passieren kann

SonntagsZeitung Orbiting? Benching? Breadcrumbling? Online-Dating ist nichts für Zartbesaitete. Mehr...

Mit dem Geschäfts-Mail auf die Dating-Plattform

Infografik Tausende Kantonalbank-Angestellte sind von Datenlecks auf Online-Foren betroffen. Ist das nur nachlässig – oder gar gefährlich? Mehr...

So macht Facebook Tinder Konkurrenz

Der Social-Media-Gigant stösst in einen weiteren Markt vor: Das Netzwerk wird jetzt auch zur Dating-App. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...