«Ich weiss nicht, wo die Stammzellen unseres Sohnes sind»

Eine Schwyzer Firma sammelte Stammzellen von 330'000 Babys und verdiente damit viel Geld. Über Nacht wurden die Büros geschlossen. Nun sorgen sich die Kunden.

Die Stammzellen aus der Nabelschnur sollen die Kinder später von möglichen Krankheiten heilen. Foto: Gaëtan Bally/Keystone

Die Stammzellen aus der Nabelschnur sollen die Kinder später von möglichen Krankheiten heilen. Foto: Gaëtan Bally/Keystone

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Im Wohnblock am Zürichsee liefen die Fäden zusammen. Aus einer unscheinbaren ­Parterrewohnung heraus wurde während Jahren ein schwung­volles Geschäft mit fürsorglichen Eltern aus ganz Europa betrieben. Hier schloss das sprachgewandte Verkaufspersonal Verträge über die Lagerung von Stammzellen von Neugeborenen ab.

Es war ein Milliardengeschäft. Doch seit Mitte Juli sind die ­Rollläden der Europazentrale ­geschlossen, die Büroräume stehen leer. Anscheinend eilig wurden ­Rechner und Akten abtransportiert. Monitore und Werbeplakate liessen die Angestellten zurück – und zudem jede Menge unbe­zahlter Rechnungen.

Jetzt laufen die Anrufe von ­besorgten Eltern ins Leere. Geschlossen sind auch die meisten der zehn Europafilialen in ­Griechenland, Italien, Ungarn oder Spanien. Die Schweizer Gesundheitsbehörden sind inzwischen alarmiert: Die Arzneimittelaufsicht Swissmedic «prüft Massnahmen», und im Bundesamt für ­Gesundheit (BAG) sind Abklä­rungen angelaufen.

Teuer, aber vor allem in südlichen Ländern beliebt

Mit cleverem Marketing hat die Firma Cryo-Save AG in den letzten 19 Jahren nach eigenen An­gaben weltweit mit 260'000 Fa­milien Verträge über die Lagerung von 330'000 Nabelblutproben ­abgeschlossen. Für die Entnahme und Einlagerung über 25 Jahre verlangte die Firma bis zu 4000 Franken. Mit dem Abschluss der «biologischen Lebensversicherung» verbunden ist die Hoffnung der werdenden Eltern, mit den Blutstammzellen aus der Nabelschnur in Zukunft mögliche Krankheiten ihrer Kinder heilen zu können.

Das Geschäft boomte vor allem in südlichen Ländern. Zu überdurchschnittlich vielen Vertragsabschlüssen kam es in Griechenland und Portugal. Dafür legten die Familien ihr Geld zusammen.

Wurden die Stammzellen nach Polen verfrachtet?

Die Hoffnung auf eine gesunde Zukunft ist inzwischen der Entrüstung gewichen. Wütende Kunden melden sich zu Wort: «Ich weiss nicht, wo die Stammzellen unseres Sohnes sind», sagt eine Mutter aus Italien. Ein Schweizer Kunde warnt: «Vorsicht vor dieser Firma. Extrem unseriös!» In Ungarn, wo die Polizei laut Presseberichten ­wegen illegalen Umgangs mit menschlichen Zellen ermittelt, haben sich 327 Empörte mit einem Brief an die Firma in der Schweiz gewandt: «Es ist nicht akzeptabel, dass Sie Tausende Familien mit kleinen Kindern verunsichern.» Die Eltern verlangten Informa­tionen über den Lagerort der Zell­proben. In Spanien bereiten Betroffene eine Sammelklage vor.

Fraglich ist, wie das offensichtlich in Schwierigkeiten geratene Unternehmen die Lagerung der Stammzellen über die kommenden Jahrzehnte garantieren kann. Ein Teil der international gesammelten Proben wurde laut Firmenangaben bisher in Labors in Genf, Deutschland, Belgien, Holland und Dubai eingelagert. Im Juli meldete sich das Mutterhaus der Cryo-Save-Firmen, die in Holland an der Börse kotierte Esperite-Gruppe: Man habe mit einem ­polnischen Subunternehmer einen 5-Jahres-Vertrag über die zentrale Lagerung abgeschlossen.

Die Cryo-Save AG hat ihren Europasitz in der Schweiz. Foto: PD

Ob die in der Schweiz gela­gerten Stammzellen das Land Richtung Polen verlassen haben, ist unklar. Das Bundesamt für ­Gesundheit hat die Firma inzwischen von der öffentlichen Liste der Firmen gestrichen, die eine ­Bewilligung für die Ein- und Ausfuhr von Blut-Stammzellen haben. Formell bestehe die Bewilligung noch, sagt das Amt. Es klärt gegenwärtig ab, ob die Firma die Voraussetzungen dafür noch erfüllt.

Geleitet wird das Unternehmen vom in Genf wohnenden Pharmazeuten Frédéric Amar. Im letzten Jahr geriet seine Firmengruppe ins Trudeln, der Kurs der Esperite-­Aktie stürzte ab. Die Mietzinse für den Firmensitz in Pfäffikon SZ wurden nicht mehr überwiesen. Laut Firmeninsidern warten Angestellte auf Löhne. Fragen der SonntagsZeitung liess Amar unbe­antwortet.

Dem Inselspital versprochene Forschungsgelder nicht bezahlt

In guten Zeiten ist der 55-Jährige Financier an Schweizer Ärzte­kongressen als Sponsor aufgetreten. Er unterstützte Anlässe der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe oder den Hebam­menkongress.

Cryo-Save finanzierte auch ein Stammzellen-Forschungsprojekt am Berner Inselspital. Seit zwei Jahren sind laut dem Spital die ­vereinbarten Zahlungen «in beträchtlicher Höhe» ausgeblieben. Deshalb hat dieses jetzt eine ­Betreibung eingeleitet.

Heute warnen die Behörden vor der Einlagerung von Stammzellen in einer privaten Stammzellenbank: Die Wahrscheinlichkeit sei sehr gering, dass diese im Ver­laufe des Lebens verwendet werden könnten. Sinnvoller und solida­rischer sei es, ins Netzwerk der ­öffentlichen Nabelschnurblut­banken zu spenden.



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Erstellt: 18.08.2019, 18:25 Uhr

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