«Ich will die Mafia mit Schreiben unterwandern»

Roberto Saviano zur Verfilmung seines Romans «La paranza dei bambini» über jugendliche Verbrecherkönige.

 «Ich bin ein obsessiver Mensch»: Roberto Saviano, 39

«Ich bin ein obsessiver Mensch»: Roberto Saviano, 39

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Mit dem Buch und dem Film «Gomorrha» wurde Roberto Saviano berühmt – und schaffte sich in seiner Geburtsstadt Neapel viele Feinde. Auch beim Interview in Berlin stehen diskret-auffällig zwei Leibwächter um den Autor herum, der regelmässig Todesdrohungen von der Mafia bekommt. Saviano spricht über den neuen Film «La paranza dei bambini», zu dem er die Romanvorlage und das Drehbuch geschrieben hat. Er zeigt eindrücklich, wie in Neapel Jugendliche den Verführungen des organisierten Verbrechens erliegen und aus der Todesspirale nicht mehr herauskommen.

Wie realistisch ist der Film?
Alles basiert auf wahren Ereignissen. Es ist zum Beispiel vorgekommen, dass Jugendliche während eines Feuerwerks mit echten Waffen von Dächern geschossen haben, weil so die Schüsse im allgemeinen Geknalle untergingen. Solche Dinge haben wir nicht erfunden. Aber klar, die einzelnen Charaktere sind fiktiv. Oder eine Synthese von verschiedenen Personen, die wir kennen.

Die Erwachsenen agieren dabei eher im Hintergrund.
Das war von Anfang an die Absicht von Regisseur Claudio Giovannesi und mir. Eigentlich spielen die älteren Mafiabosse eine grössere Rolle. Aber uns geht es um die Kinder und darum, dass es in einigen Stadtteilen Neapels für sie fast ein natürlicher Prozess ist, Teil der kriminellen Vereinigungen zu werden.

Die Darsteller stammen alle aus Neapel. Kamen diese denn nie selber in Versuchung?
Wir haben bewusst Jugendliche gesucht, die einem geregelten Job nachgehen. Unser Hauptdarsteller arbeitet zum Beispiel als Konditor in einer Bar, wir mussten ihn richtig beknien, damit er mitmacht. Es gibt auch einen Coiffeur und einen Koch. Klar kennen sie jugendliche Mafiabosse aus ihren Quartieren. Aber sie wollen nichts mit ihnen zu tun haben.

Ich schreibe auch, um mich an jenen zu revanchieren, die versuchen, mich mundtot zu machen.Roberto Saviano

Sie selber werden oft mit dem Vorwurf konfrontiert, Ihre Bücher und Filme würden die Menschen verleiten, zu Verbrechern zu werden.
Das Gegenteil ist der Fall. Die Darsteller haben mir mehrfach versichert, die Dreharbeiten hätten ihnen wirklich gezeigt, wie schrecklich die Welt des organisierten Verbrechens ist. Dies zu präsentieren, in all den abstossenden Details, ist ein guter und effektiver Weg, Verbrechen zu verhindern.

Aber es ist doch bekannt, dass sich Mafiosi gerne von Filmen inspirieren lassen.
Klar, die lieben Mafiafilme. Aber es geht ihnen nicht darum, darin Inspiration für ihre Verbrechen zu finden. Es geht ihnen um Repräsentation. Sie vergöttern zum Beispiel den Klassiker «Scarface» und kleiden sich dann wie die Hauptfigur Tony Montana. Einer liess sich gar dessen Villa nachbauen, in Italien, eine exakte Kopie. Einfach zum Protzen.

Und Ihr Werk soll sie abschrecken?
Das Kino ist keine Erziehungsanstalt. Aber wir zeigen ziemlich genau, was Jugendliche alles aufgeben müssen, um dabei zu sein: Freundschaften, Liebe, die Familie, die eigene Kindheit. Das ist ein hoher Preis, und das wird einem hoffentlich schon bewusst.

Sie kämpfen seit Jahren gegen diese Verbrechen, ihr Leben ist deswegen kompliziert. Woher nehmen Sie die Kraft weiterzufahren?
Diese schöpfe ich aus zwei wenig noblen Gründen: Der erste ist Rache, ich schreibe auch, um mich an jenen zu revanchieren, die versuchen, mich mundtot zu machen. Und damit meine ich nicht nur die Mafiabosse, die mir mit dem Tod drohen, sondern auch die Politiker, die mich anprangern.

Ich bin überzeugt davon, dass die Welt ein wenig besser wird, wenn sich jemand entscheidet, ein Buch von mir zu lesen.Roberto Saviano

Zwischenfrage zu den Politikern: Wie ist das Verhältnis der Mafia zu Italiens Populisten wie Matteo Salvini?
Ich denke, der Mafia ist der Aufstieg der Rechten recht. Und zwar einfach, weil diese sich den Kampf gegen Immigranten auf die Fahne geschrieben hat. Das bedeutet, dass die Populisten sich kaum für Drogenhandel und illegale Geldflüsse interessieren. Die Mafia kann deshalb ruhiger agieren.

Und was ist Ihr zweiter Grund, mit dem Schreiben weiterzufahren?
Ehrgeiz. Es geht mir darum, die Machenschaften dieser Organisationen aufzudecken. Und zwar nicht nur in Süditalien, sondern überall. Ich will die Mafia mit Schreiben unterwandern.

Ist das nicht ein frommer Wunsch?
Natürlich ist es eine Illusion. Aber ich bin ein obsessiver Mensch, und alle obsessiven Menschen glauben, ihre Sichtweise sei die einzig richtige. Darum bin ich überzeugt davon, dass die Welt ein wenig besser wird, wenn sich jemand entscheidet, ein Buch von mir zu lesen. Oder einen Film zu sehen.

Der Film «La paranza dei bambini» läuft jetzt in den Kinos. Soeben erschienen ist die Romanfortsetzung «Die Lebenshungrigen» (Hanser)



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Erstellt: 24.08.2019, 17:25 Uhr

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