«Ich wollte die Begierde filmen»

Gesten, Andeutungen, keine Männer: Céline Sciamma hat einen brisanten Liebesfilm gedreht.

Adèle Haenel und Noémie Merlant in «Portrait de la jeune fille en feu».

Adèle Haenel und Noémie Merlant in «Portrait de la jeune fille en feu».

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Céline Sciamma, stimmt es, dass Frauen im 18. Jahrhundert keine nackten Männer malen durften, wie in Ihrem Film behauptet wird?
Malerinnen hatten gar keine Chance, es zu erlernen, sie waren zum Aktmalen mit Männern nicht zugelassen. Das ist ja immer das Problem, man schliesst Frauen aus, indem man ihnen gewisse Teile des Unterrichts verwehrt. Sie mussten sich deswegen den Bereichen der Malerei zuwenden, die als inferior galten.

Was war das?
Tiere, Blumen, Landschaften. Die höchste Form der Kunst waren Szenen aus der Mythologie. Und dort wimmelt es von nackten Männern.

Gab es viele Malerinnen im 18. Jahrhundert?
Hunderte. Grämen Sie sich aber nicht, wenn Sie keine kennen, ich tat es auch nicht. Die Malerinnen stellten aus, über ihre Bilder wurde geschrieben. Das wurde später jedoch von der traditionellen Kunstgeschichte fast spurlos weggewischt. Darum dachte ich mir, es sei der richtige Zeitpunkt für diesen Film.

Das ist es zweifellos. Céline ­Sciamma galt bisher als Spezialistin für modernen Jugend-­slang und Beobachtungen aus dem städtischen Umfeld. Aber ihre Geschichte aus dem 18. Jahrhundert schlug ein wie eine Bombe, als sie im Mai am Filmfestival von Cannes gezeigt wurde. Sie heisst «Portrait de la jeune fille en feu» und erzählt vom brennenden Verlangen einer Malerin zu ihrem Modell. Und umgekehrt.

Trailer des neuen Films von Céline Sciamma.

Es ist ein Liebesfilm, aber es ist viel mehr. Er spielt auf einer einsamen Atlantikinsel. Meist sind nur die beiden Protagonistinnen anwesend und noch eine Bedienstete. Aber die Kreise ihrer Begegnungen sind grösser. Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) muss ihr Bild zunächst heimlich anfertigen, es ist ein Hochzeitsporträt. Nach der Vollendung soll es einem Adligen in Italien geschickt werden, damit dieser schauen kann, ob er die Porträtierte heiraten will. Diese jedoch, Héloïse (Adèle Haenel), spielt ihr eigenes Spiel mit der Malerin. Männer kommen dabei nur ganz am Rande vor: als Kofferträger, zum Beispiel.

Wieso zeigen Sie keine Männer?
Die Frage ist, was geschehen wäre, wenn ich einen Mann als Hauptfigur eingeführt hätte. Dadurch hätte ich der Liebe zwischen den beiden Frauen sofort ein Hindernis in den Weg gelegt, es wäre eine Geschichte von Heimlichtuerei und Unterdrückung geworden.

Das wollten Sie nicht?
Auf keinen Fall. Den Mann als Bösewicht zu präsentieren, ist mir ein zu gewöhnlicher Ansatz. Aber ich werde tatsächlich oft auf die Abwesenheit der Männer angesprochen. Das ist man sich nicht gewohnt, im Kino, obwohl es doch immer wieder Filme gibt, bei denen Frauen nur am Rande vorkommen. Mir hat man sogar gesagt, Männer wollten sich meinen Film nicht ansehen, weil sie darin nicht vorkommen.

Ernsthaft?
Hm, ich weiss nicht. Sollte der Film nicht gut laufen, kann ich wenigstens den Männern die Schuld geben . . .

Natürlich lacht Céline Sciamma bei dieser Bemerkung, aber ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht. «Portrait de la jeune fille en feu» ist seit der Premiere in den Mittelpunkt einer Kontroverse geraten. Der vermeintliche Kontrahent ist der französische Regisseur Abdellatif Kechiche. Es geht um die Sicht von Männern und von Frauen.

Trailer des ersten «Mektoub»-Films von Abdellatif Kechiche.

Kechiche wird dabei als typischer Vertreter des «male gaze» hingestellt, des lüsternen männlichen Blickes. Anlass ist sein neuer Film «Mektoub, My Love: Intermezzo», der fast ausschliesslich in einer Disco spielt und beim Tanzen minutenlang weibliche Hintern in Grossaufnahmen zeigt. Anlass dazu ist aber auch immer noch sein Film «La vie d’Adèle» (2013) mit einer fast pornografischen Liebesszene zwischen Frauen, von der die Darstellerinnen – eine davon ist Léa Seydoux – später sagten, sie seien zu Dingen gezwungen worden, die sie vor der Kamera nicht tun wollten.

Sie haben erstaunlicherweise Abdellatif Kechiche verteidigt.
Weshalb erstaunlicherweise? Ich finde, es ist absolut sinnlos, unsere Filme gegeneinander auszuspielen. Es ist ja nicht so, dass der weibliche Blick per se gut ist und der männliche schlecht.

Kechiche wurde nach «La vie d’Adèle» vorgeworfen, ein Mann könne keine Sexszene zwischen Frauen drehen.
Natürlich kann er das, er hat es ja getan. Und der Erfolg gibt ihm recht, er hat mit dem Film die Goldene Palme von Cannes gewonnen und einen grossen Zuschauererfolg gelandet. Aber ich darf zu seiner Liebesszene auch sagen: Wir Lesben lieben uns nicht so.

Es entspricht nicht der Realität?
Es ist der lüsterne Blick eines heterosexuellen Mannes. Das soll die Szene nicht disqualifizieren, Film ist ja immer ein Fantasieprodukt. Männer filmen gerne nackte Hintern, das finde ich einfach etwas konventionell, da hat Kechiche nun wirklich nichts erfunden. Aber ich will deswegen keine Moralpredigt halten. Sondern einfach versuchen, andere Bilder zu zeigen.

Was heisst das?
Ich versuche, die weibliche Sexualität von Konventionen zu befreien. Das ist ein ästhetisches Programm, aber natürlich auch ein politisches. Ich werde jedoch sofort misstrauisch, wenn man mir sagt, das sei mein weiblicher Blick: Aha, danke – und die männlichen Regisseure, die haben alle einen universellen Blick?

Ihr Blick ist tatsächlich anders, es dauert zum Beispiel in diesem Liebesfilm über eine Stunde bis zum ersten Kuss.
Ich wollte eigentlich gar nicht die Liebe filmen, sondern die Begierde. Wenn wir uns eine Liebesgeschichte erzählen, unter Freunden, geht es doch meistens um das. Wir sagen: In diesem Moment hat sie mich angelächelt. Oder: Sie hat mich heimlich aus den Augenwinkeln angeschaut. Daran erinnern wir uns viel mehr als an den eigentlichen Akt.

Gesten, Andeutungen. Noch selten ist das Gefühl der Begierde so präzise auf die Leinwand gebracht worden. Céline Sciammas Film feiert die gegenseitige Anziehung, aber reflektiert sie auch: gemalt, gefilmt. Die Augen der Malerin werden dabei zu jenen der Regisseurin. Das geschieht wie selbstverständlich.

Ein Fest der Sinne: Aus «Portrait de la jeune fille en feu».

Aber eigentlich ist das viel zu theoretisch: «Portrait de la jeune fille en feu» ist einfach auch ein sinnlicher Film. Die beiden Hauptdarstellerinnen brillieren. Es ist ein Fest der Bilder und der Farben – das blaue Meer, das grüne und das rote Kleid, die kargen Felsen. Es gibt fast keine Musik, aber sobald welche ertönt, löst sie Sturzbäche aus. Kurz: Es ist der schönste Liebesfilm des Jahres.

Es geht im Film nicht nur um die Liebe, sondern auch um den Tod. Es gibt eine Abtreibung.
Französisch nennen wir die Frauen, die das machen, Engelsmacherinnen.

Das kann man deutsch auch sagen. Wieso zeigen Sie sie?
Abtreibungen waren damals gang und gäbe. Aber sie sind kaum je ein Filmthema.

Bei Ihnen ist die Szene fast poetisch.
Auch hier: Ich wollte es anders zeigen, symbolisch meinetwegen, überraschend. Leben und Tod. Darum bin ich auf die Idee gekommen, in die Szene ein Kleinkind einzubauen, das die Frau, die ihr eigenes Kind abtreibt, zu trösten scheint. Schliesslich schwingen viele Fragen mit: Wie will ich leben? Soll ich Kinder haben? So arbeite ich manchmal. Ich stelle mir Fragen, setze mir Ziele.

Und die Bilder dazu?
Die kommen später. Manchmal zum Verzweifeln lange nicht. Aber in diesem Fall ging es schnell. Eine Abtreibung ist immer etwas Irritierendes. Mit dem Bébé im Bild ist sie es noch mehr.

Sogar das Kleinkind spielt gut!
Mit Komplimenten scheint Céline Sciamma nicht so gut umgehen zu können. Auch wenn «Portrait de la jeune fille en feu» gefeiert wird, von vielen, bleibt sie zurückhaltend. Ist zum Beispiel verletzt, weil die einflussreiche französische Zeitschrift «Cahiers du cinéma» ihren Film kurz vor dem Start in Grund und Boden verdammt hat. Aber das war ein Einzelfall. Das Kompliment mit dem Kleinkind nimmt sie auf jeden Fall locker. Und antwortet: «Stimmt, das Bébé spielt wunderbar.»

«Portrait de la jeune fille en feu»: ab Donnerstag im Kino



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Erstellt: 20.10.2019, 09:20 Uhr

Regisseurin und Autorin

Céline Sciamma? Die 40-jährige Französin war bisher nur Insidern bekannt. Sie hat «Tomboy» gedreht, über ein Mädchen, das ein Junge sein will. Und «Bande de filles» über Freundinnen in der Banlieue von Paris. Ihre Protagonistinnen zeichnete sie dabei so authentisch, dass sie sofort als Expertin für die Sprache von Jugendlichen galt und von renommierten Regisseuren wie André Téchiné als Mitarbeiterin beigezogen wurde. Auch beim Schweizer Trickfilmerfolg «Ma vie de Courgette» wirkte sie als Autorin mit. Für «Portrait de la jeune fille en feu» erhielt sie den Drehbuchpreis von Cannes.

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