«Ich wurde fast gelyncht und als ‹Perverse› beleidigt»

Die türkische Erfolgsautorin Elif Shafak über ihr Land, das sie als zunehmend sexistisch, autoritär und homophob sieht.

Blickt kritisch auf ihr Land: die Schriftstellerin Elif Shafak. Foto: Hanna Lenz

Blickt kritisch auf ihr Land: die Schriftstellerin Elif Shafak. Foto: Hanna Lenz

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie zieht einen schmalen schwarzen Rollkoffer hinter sich her, Elif Shafak reist mit leichtem Gepäck. Sie ist gerade auf Lesereise in Hamburg. Soeben ist ihr Roman «Unerhörte Stimmen» erschienen. Eine Prostituierte steht im Mittelpunkt des neuen Werks. Wie so oft wird Shafak dafür in der Türkei angefeindet. Ende Juni kommt sie für eine ­Lesung ins Zürcher Kaufleuten.

Frau Shafak, gerade wurde in der Türkei eine Untersuchung gegen Sie eröffnet. Hat die Regierung Angst vor Ihren Büchern?
Worte wiegen schwer in der Türkei. Jeder Schriftsteller, jeder Dichter und jeder Journalist weiss, dass ein Wort, ein Satz, ein Tweet oder auch nur ein Retweet ausreicht, um angeklagt oder in den regierungsnahen Medien verunglimpft zu werden. Schriftsteller zu sein in der Türkei, hat immer zwei Seiten: Einerseits gibt es keine Redefreiheit und viel Druck. Andererseits gibt es viele Leserinnen und Leser, die Bücher lieben. Es ist traurig, zu sehen, wie Sätze aus Büchern dem Kontext entnommen und in den sozialen Medien geteilt werden. Da gibt es so viele Bots und Trolle, die eine Hysterie gegen Schriftsteller und Künstlerinnen verbreiten.

Was wird Ihnen konkret vorgeworfen?
Es ging vor ein paar Tagen plötzlich los. Ein Verleger und ein Autor wurden in Istanbul verhaftet wegen Passagen in einem Roman über Kindsmissbrauch. Dann verbreiteten Bots und Trolle Botschaften, in denen sie sagten, meine Romane sollten verboten werden oder ich solle strafrechtlich verfolgt werden, weil ich über sexuellen Missbrauch und sexuelle Belästigung schreibe. Es gab ähnliche Aussagen über andere Autoren. Die Zivilpolizei kam zu meinem Verlag in Istanbul und bat um Bücher von mir und einer anderen Autorin, Duygu Asena, einer legendären Feministin, die 2006 verstarb. Sie brachten unsere Bücher zur Staatsanwaltschaft. Gegenwärtig untersucht der Staatsanwalt fiktionale Literatur auf «Obszönität».

Hat das etwas von einer Hexenjagd?
Die Türkei ist ein Land, in dem wir ein ernsthaftes Problem mit sexueller Belästigung und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts haben. In den letzten Jahren hat die sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder dramatisch zugenommen. Aber anstatt sich mit diesen Problemen zu befassen, anstatt den Opfern zu helfen und Schutzräume für missbrauchte Frauen und Kinder zu schaffen, nehmen sie jetzt Schriftstellerinnen und Schriftsteller ins Visier. Das ist sehr traurig. Wir müssen die Gesetze ändern, um Frauen und Kinder besser zu schützen. Aber das Gegenteil passiert. Die Regierung hat die religiöse Heirat vereinfacht, was dazu führt, dass es mehr Kinderbräute gibt. Ein Drittel der Ehefrauen in der Türkei sind minderjährige Mädchen. Der Gesetzgeber wollte zudem die Strafe für Vergewaltiger senken, wenn sie einwilligen, ihre Opfer zu heiraten. Patriarchalische Gesellschaften sind sexistische Gesellschaften.

In den letzten Jahren hat die sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Türkei dramatisch zugenommen.Elif Shafak

Sie haben die Türkei einmal als ein wütendes Land bezeichnet. Die Wut richtete sich 2006 gegen Sie, weil eine Figur in Ihrem Buch «Der Bastard von Istanbul» über den Genozid an den Armeniern spricht. Sie wurden angeklagt.
Ja, das war surreal. Zum ersten Mal wurde ein fiktives Werk vor Gericht gestellt.

Und Ihr Anwalt musste erfundene Figuren verteidigen.
Das Verfahren wurde mit Artikel 301 über die «Verunglimpfung des Türkentums» begründet. Niemand weiss, was das heisst. Das Verfahren wurde zwar eingestellt, aber es hat mich sehr erschüttert. Der ultranationalistische Mob demonstrierte auf der Strasse gegen mich, auf Fotos von mir wurde gespuckt.

Jetzt ist Ihr neues Buch «Unerhörte Stimmen» erschienen. Wie haben Ihre Fans und Gegner reagiert?
Der Roman ist gerade in der Türkei erschienen. Das Feedback von Literaturliebhaberinnen und Literaturliebhabern war bereits so herzlich und entgegenkommend. Andererseits bekomme ich immer wieder negative Reaktionen von der Elite. Ich war noch nie eine Autorin der Elite. Sowohl die politische als auch die kulturelle Elite in der Türkei blicken auf die Frauen herab. In der Türkei wird ein männlicher Schriftsteller in erster Linie als Schriftsteller angesehen. Aber eine Schriftstellerin wird in erster Linie als Frau angesehen.

Eine tote, brutal misshandelte Prostituierte in einer Mülltonne in Istanbul, ermordet und weggeworfen – so beginnt dieser neue Roman. Er heisst im Original «10 Minutes and 38 Seconds in This Strange World». Wie entwickelten Sie diese Geschichte?
Ich habe angefangen, mich für wissenschaftliche Forschungen zu interessieren, die zeigen, dass das Gehirn nach dem Tod weiterarbeiten kann, in einigen Fällen bis zu zehn Minuten. Die 38 Sekunden habe ich hinzugefügt. Mich hat die Frage fasziniert, was das Hirn in diesen letzten Minuten denkt, was zurückbleibt von einem ganzen Leben.

Wenn man in der Türkei den Fernseher einschaltet, dann hört man immer nur eine StimmeElif Shafak

In Ihrem Roman rekapituliert die ermordete Frau ihr ganzes Leben. Diese Erinnerungen sind das eine. Dann ist da auch die Geschichte des Landes.
In meinen Büchern habe ich immer diese Perspektive der Entrechteten dargestellt. Ich will Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden. Als Schriftstellerin interessieren mich Geschichten, aber ich finde auch das Schweigen interessant, die Dinge, die nicht angesprochen werden, politische, kulturelle, sexuelle Tabus. Wenn ein Mann darüber schreibt, heisst es: Das ist ein grosser Autor. Wenn eine Autorin das tut, sagt man: «Das ist eine unbescheidene Frau, warum masst sie sich an, über diese unanständigen Dinge zu schreiben?»

Glauben Sie, dass Literatur die Gesellschaft verändern kann?
Ich glaube, dass das Erzählen von Geschichten einen Unterschied machen kann. Extremisten versuchen, ihre Opfer zu dehumanisieren. Die Literatur zeigt, dass sie keine Nummern sind. Man macht sie wieder menschlich. In meinem Buch gibt es dafür einen symbolischen Ort, den Friedhof der Geächteten. Es gibt ihn wirklich, er liegt in Kilyos, ausserhalb von Istanbul. Auf diesem Gräberfeld gibt es keine Namen, nur Nummern. Hier sind Sexarbeiterinnen bestattet, die von ihren Familien verstossen wurden, neben Aidstoten, ausgesetzten Babys, Selbstmördern und namenlosen Flüchtlingen, die im Meer ertrunken sind. Es ist ein Ort der verlassenen oder vergessenen Menschen, der Unbekannten und Namenlosen. Als Schriftstellerin habe ich eine dieser Nummern genommen und ihr einen Namen und eine Geschichte gegeben.

Sie schildern die Türkei als ein Land, in dem Frauen von Männern unterdrückt und missbraucht werden, als patriarchalische Gesellschaft, in der Frauen zum Schweigen gebracht werden. Wieweit stimmt dieses Bild mit der Realität überein?
Die Türkei bewegt sich rückwärts. Wenn der Nationalismus, die Religion und der Fundamentalismus erstarken, nimmt auch der Sexismus zu. Das geht Hand in Hand. Die Frauenrechte sind immer das Erste, was weggenommen wird. Das sieht man derzeit etwa in den USA, wo ein Staat nach dem anderen das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch einschränkt oder die Abtreibung verbietet und unter Strafe stellt.

Und in der Türkei?
Heute ist es so, dass türkische Richter bei Vergewaltigungsopfern die Länge des Rockes kritisieren. Auch bei den Verteidigerinnen der Opfer beanstanden sie die Länge des Rockes. Einige Anwälte haben aus Solidarität Röcke angezogen. Ich wünschte mir, alle Anwälte hätten das getan. Es gibt Tausende Beispiele, dass sich die Situation der Frauen verschlechtert hat. Als kürzlich der Fall einer vergewaltigten und ermordeten Frau verhandelt wurde, fragten die Anwälte der Gegenseite, warum diese Frau zu so später Stunde unterwegs gewesen sei und mit Männern getrunken habe.

Was halten Sie von der Gleichstellungspolitik und der Haltung der Regierungspartei AKP gegenüber Frauen?
AKP-Politiker haben wiederholt erklärt, dass es keine Gleichstellung der Geschlechter gebe und die Hauptaufgabe der Frauen die Mutterschaft sei. Präsident Erdogan sagte, er glaube nicht, dass Frauen und Männer gleichberechtigt seien. Er sagte auch, dass Frauen, die ihre Karriere Kindern vorziehen, «Halbmenschen» seien. Andere Politiker sagten, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht laut lachen sollten. All diese Aussagen spiegeln das Patriarchat der herrschenden Männer der Türkei wider. Frauen werden ermutigt, eine traditionelle Rolle einzunehmen. Sie werden davon abgehalten, sich im öffentlichen Raum zu bewegen.

Von Präsident Erdogan stammt der berühmte Spruch: «Wer Istanbul regiert, regiert die Türkei.» Hat er Angst, die Kontrolle über das Land zu verlieren?
Ja, das denke ich. Es ist unfair, undemokratisch und ungesetzlich, dass die Wahlen in Istanbul annulliert wurden, nur weil der Regierung des Ergebnis nicht passt.

Die AKP hat diese Wahlen verloren. Auf Druck von Erdogan werden sie am 23. Juni wiederholt.
Die Regierung hat in allen grossen Städte verloren, auch in Ankara.

Wie stark ist die Opposition in der Türkei?
Die AKP kontrolliert die Medien, die sozialen Netzwerke. Wenn man in der Türkei den Fernseher einschaltet oder Zeitungen aufschlägt, dann hört man immer nur eine Stimme. Die Opposition hat keine echte Chance, einen Wahlkampf zu führen, und einer der wichtigsten Oppositionsführer sitzt im Gefängnis. Trotzdem stimmt immer noch die Hälfte der Bevölkerung gegen die Regierung. Das zeigt, wie komplex die türkische Zivilgesellschaft ist.

Die Zahl der Türkei-Touristen nimmt wieder zu. Sollte man auf Reisen in die Türkei verzichten, um Erdogan zu boykottieren?
Ich mag keine Boykotte. Man muss unterscheiden zwischen der Regierung und der Bevölkerung. In Ländern wie der Türkei sind die Leute oft ihrer Regierung überlegen, aber sie können nichts machen. Es gibt viele wunderbare Leute in der Türkei, sie sind fortschrittlich, offen, wollen eine wirkliche Demokratie und eine bessere Zukunft. Darum sage ich: Kommt in die Türkei! Es ist wichtig, dass wir die Zivilgesellschaft unterstützen. Zusätzlich sollten wir die Regierung kritisieren. Man kann beides gleichzeitig tun.

In wenigen Monaten hat Erdogan die Demokratie in einen autoritären Staat umgebaut. Denken Sie, dass so etwas auch in Westeuropa möglich ist?
In Europa mit seinen liberalen Demokratien konnten die Leute bequem leben. Redefreiheit, Menschenrechte, Frauenrechte, Gleichstellung der Geschlechter – alles erreicht. Dieser Grundsatz, dass es keinen Grund zur Sorge gibt, wurde nach 2016 erschüttert. Die Annahme, dass vor allem Deutschland immun sei gegen einen Aufstieg der extremen Rechten, weil das Land den Horror des Holocaust, des Ultranationalismus und des Rassismus erlebt hat, erwies sich als falsch. Politologen gingen davon aus, dass auch Schweden als Hort des Wohlfahrtsstaats und der sozialen Demokratie immun sei, genauso wie Grossbritannien, das immer eine starke liberale Demokratie war. Alle diese Annahmen waren, wie wir jetzt wissen, falsch. Wir gehen immer davon aus, dass sich die Geschichte vorwärtsbewegt. Aber das stimmt nicht. Manchmal bewegt sie sich rückwärts. Kein Land ist immun gegen Nationalismus, Populismus und toxische Politik.

Wie toxisch waren die Reaktionen, als Sie sich vor zwei Jahren als bisexuell geoutet haben?
Ich habe in allen meinen Romanen die Vielfalt zelebriert, die Gleichberechtigung gefeiert. Es war mir immer wichtig, die Menschenrechte, die Frauen- und die LGBT-Rechte zu verteidigen. Aber ich hatte nie den Mut, zu sagen, dass das auch meine persönliche Geschichte ist, dass ich bisexuell bin. Mir war klar, dass man mich mit Verleumdungen, Hass, Spott überschütten wird.

Was dann auch so eingetroffen ist?
Ich wurde wochenlang auf übelste Weise beschimpft. Es war sehr schwierig. Ich war sehr einsam. In den sozialen Medien wurde ich fast gelyncht und mit Beleidigungen wie «Perverse» eingedeckt. Alle türkischen Medien haben darüber berichtet. In einer sehr sexistischen Weise. Männliche Kolumnisten schrieben schreckliche Dinge über mich. Es war, als hätte ich ihre patriarchale Ordnung herausgefordert. In Fernsehsendungen sassen Leute, die über mich diskutierten. Ich kann nicht in Worte fassen, wie viel Hass und Schmähungen ich erlebt habe.

Ähnlich ergeht es, aus verschiedenen Gründen, auch den Frauen in Ihrem neuen Roman. Haben Sie eine Lieblingsfigur? Transfrau Nana?
Sie ist eine Überlebenskünstlerin. Ich mag Menschen wie sie, die trotz schwierigen Situationen nicht aufhören, für ihre Freiheit zu kämpfen, und andere unterstützen. Für mich ist wichtig, dass Frauen sich global als Schwestern sehen. Wir müssen gemeinsam gegen dieses patriarchalische, sexistische und homophobe System kämpfen.

In drei Sätzen: Warum soll man Ihr neues Buch lesen?
Es ist ein Buch, das von wichtigen, manchmal heftigen Themen handelt, aber in einer lebensbejahenden Weise. Es ist ein Buch, das uns klarmacht, dass wir Familien haben, in die wir hineingeboren werden, aber auch Familien, die wir mit unseren Freunden formen. Und es ist ein Buch, das zeigt, dass es für einige Menschen diese anderen Familien sind, die ihnen helfen, zu überleben.

Sie fahren nicht mehr in die Türkei, nicht einmal für Familienbegräbnisse. Fühlen Sie sich dort nicht mehr sicher?
Ich liebe Istanbul, und ich vermisse die Stadt, die Menschen, die Kultur. Ich fühle mich meinem Land emotional verbunden. Aber ich fühle mich nicht wohl dabei, zurückzugehen.

Sie kommen aus einem Land, in dem ein falsches Wort einen in Schwierigkeiten bringen kann. Trauen Sie sich noch, zu sagen und zu schreiben, was Sie denken?
Ich bin eine Schriftstellerin, eine Geschichtenerzählerin. Wenn ich einen Roman schreibe, reise ich in ein anderes Land. Es heisst Geschichtenland. Und hier herrscht volle Demokratie. Wenn ich einen Roman schreibe, fühle ich mich freier und vollständiger. Wenn ich das Buch beende und in die reale Welt zurückkehre, beginne ich mir Sorgen zu machen. Aber dann ist das Buch schon geboren.

Sie leben seit zehn Jahren in London. Fühlt sich das manchmal an wie ein Exil?
Exil ist ein sehr kompliziertes Gefühl. Es ist schwer, darüber zu reden oder darüber zu schreiben. Aber es ist eine Realität. Das Gefühl, sich in einem langen Exil zu befinden, ist mir vertraut.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.06.2019, 21:39 Uhr

Artikel zum Thema

Sie schreibt Geschichten über türkische Prostituierte

Porträt Elif Shafak fühlt sich als Bisexuelle wie eine Aussenseiterin in ihrer Heimat. Das spiegelt sich in den Romanfiguren der türkischen Autorin. Mehr...

Türkei, wer bist du?

Reportage Unsere Autorin blieb ihrem Heimatland nach dem gescheiterten Putsch zwei Jahre fern. Wo steht das Land heute? Mehr...

Fussballstar Mesut Özil heiratet – Erdogan ist Trauzeuge

Video Der frühere deutsche Nationalspieler Mesut Özil hat am Freitag in Istanbul die ehemalige Miss Türkei, Amine Gülse, geheiratet. Ehrengast und Trauzeuge war der türkische Präsident. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...