Im «Negerdörfli» von Arbon

Zürich will das Café Mohrenkopf umbenennen, Bern streitet über eine dunkelhäutige ­Statue. Andernorts geht man mit dem Thema lockerer um.

Café Mohrenkopf in Zürich: Die Stadtbehörden wollen das Restaurant umtaufen. Foto: Sabina Bobst

Café Mohrenkopf in Zürich: Die Stadtbehörden wollen das Restaurant umtaufen. Foto: Sabina Bobst

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Das «Negerdörfli» ist hier einfach das «Negerdörfli». Die Arboner nennen die paar Häuser im Bergli-Quartier seit je so. Selbst die Lokalzeitung schreibt vom «Negerdörfli» – ohne Anführungszeichen –, wenn die Post einen Briefkasten abschafft oder es sonst etwas Berichtenswertes aus der Gegend zu vermelden gibt.

Bei besagter Siedlung handelt es sich um eine Ansammlung von acht Chalet-artigen Einfamilienhäuser, die allein wegen der schwarzen Holzfassade ihren etwas skurrilen Übernamen erhalten hat.

In heutiger Zeit lässt eine solche Bezeichnung aufhorchen. Darf man dieses Wort überhaupt noch sagen? Der Zeitgeist spricht dagegen. Die Zürcher Behörden haben kürzlich angekündigt, das stadteigene Café Mohrenkopf umzubenennen. An der Fasnacht wird Jahr für Jahr noch etwas heftiger darüber debattiert, welche Sujets noch möglich sind. Aus Kindergeschichten sind Figuren wie das «schnusige Negermeitli Susu» (Chasperli-Theater) und das «Negerlein» (Globi) längst eliminiert worden.

Das «Negerdörfli» in Arbon: Der Begriff steht für die Arboner nicht zur Debatte. Foto: Daniel Ammann

In Arbon aber bleibt man standhaft. Ortshistoriker Hans Geisser berichtet, dass die Häuschen 1921 vom Industriellen Arnold Bosshard als Unterkunft für die Angestellten erbaut worden seien. Ob die Siedlung von Anfang an ­«Negerdörfli» genannt wurde, kann er nicht sagen.

Jedenfalls haben in den Chalets mit Garten auch einige bekannte Persönlichkeiten gewohnt. Zum Beispiel der Kabarettist Walter Roderer («Buchhalter Nötzli»), der dort einen Teil seiner Kindheit verbrachte. In seiner Biografie schwärmt er von der unbeschwerten Zeit im «Negerdörfli».

Auch der frühere Thurgauer Regierungsrat Claudius Graf-Schelling lebte bis zu seinem überraschenden Tod im letzten Jahr in der Siedlung. Der angesehene SP-Politiker, der sich stets für Minderheiten eingesetzt hatte, sprach bis zuletzt ganz selbstverständlich vom «Negerdörfli» – so wie alle Bewohner dieser Häuser.

Rassistische Bezeichnung ist verschwunden

Arbon ist nicht der einzige Ort, wo eine Überbauung noch heute so genannt wird. In der ganzen Schweiz gibt es «Negerdörfli». Zu den bekanntesten gehört jenes von Zofingen AG. Die genossenschaftliche Siedlung heisst offiziell Mühlewiese und umfasst rund 130 Wohneinheiten. Dass die Einheimischen sie seit der Eröffnung 1942 umgangssprachlich mit Afrika in Verbindung bringen, hat wohl mit dem hüttenartigen Erscheinen der Gebäude zu tun.

Andernorts ist die kolonialistisch anmutende Bezeichnung hingegen verschwunden. So etwa bei einer Überbauung in Zürich-Schwamendingen. Im Gegensatz zu den Siedlungen in Arbon und Zofingen wurde diese nicht wegen ihres Aussehens, sondern wegen der Bewohner so genannt. Afrikaner lebten dort zwar keine, aber Gastarbeiter aus Süditalien. Hier kann also durchaus von einer rassistischen Bezeichnung die Rede sein, vielleicht ist sie deshalb nicht mehr geläufig.

Zunft zum Mohren in Bern: Auf einer Tafel wird erklärt, um wen es sich bei der Figur handelt. Foto: Franziska Rothenbühler

Überhaupt reagiert man in Städten sensibler auf historische Namen und Traditionen, die jemand als verletzend empfinden könnte. Die Umbenennung des Cafés Mohrenkopf ist nur eines von vielen Beispielen. In Bern sorgt seit Jahren eine Statue der Zunft zum Mohren (Zunft der Schneider und Tuchscherer) aus dem 17. Jahrhundert für Gesprächsstoff. Nach Rassismusvorwürfen und der Forderung zur Entfernung hat die Zunft eine Tafel montiert, auf der die dunkelhäutige Figur erklärt wird: Es handle sich bei der Statue nicht etwa um das Abbild eines Sklaven, sondern des Heiligen Mauritius (3. Jh. n. Chr.), Anführer der thebäischen Legion aus Nordafrika und Schirmherr der Schneider. Mit der Tafel konnte die Zunft die Entfernung ihrer Wappenfigur verhindern.

Auch die Basler Guggenmusik ­Negro-Rhygass war vor einigen Jahren mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Die Formation reagierte mit einem Kompromiss: Sie hielt am Namen fest, der seit der Gründung 1927 besteht, verabschiedete sich aber von ihrem Logo, ein Pauke spielendes schwarzes Männchen mit Knochen im Haar.

Auf dem Land ist die Political Correctness weniger ein Thema. Noch 2014 luden die Bewohner der Siedlung Mühle­wiese in Zofingen offiziell zum Fest «71 Jahre Negerdörfli». Die Lokalzeitung titelte danach: «Bewohner vom Negerdörfli feierten Quartierfest.»

Basler Fasnacht: Guggenmusiken wird immer wieder Rassismus vorgeworfen. Foto: Pino Covino

Ebenfalls überlebt haben bislang die Wappen jener sechs Schweizer Gemeinden, die den Kopf eines Dunkelhäutigen enthalten: Avenches VD, Cornol JU, Flumenthal SO, Mandach AG, Möriken-Wildegg AG und Oberweningen ZH. Zwar stehen diese Wappen immer mal wieder zu Diskussion, der Anstoss dazu kommt aber fast immer von aussen.

Aus dem Mohren im bernischen Huttwil wurde der Kleine Prinz

Eine eigenwillige Lösung für einen unter Rassismusverdacht stehenden Namen fand 2010 der Wirt des Gasthauses Mohren in Huttwil BE. Angeblich wegen irritierter amerikanischer Gäste benannte er das Hotel zu Kleiner Prinz um. Um die Einheimischen zu beruhigen, die an dem seit Jahrhunderten bestehenden Namen festhalten wollten, hiess das dazugehörende Restaurant fortan zum Mohrenkönig. Auch den Mohrensaal, in dem viele Gemeindeanlässe stattfinden, gibt es weiterhin.

In Arbon steht der Begriff «Negerdörfli» ausser Diskussion. Stadtpräsident Dominik Diezi sagt, er habe in letzter Zeit nie Beanstandungen diesbezüglich gehört, nicht einmal von Zuzügern. «Das dürfte auch damit zu tun haben, dass diese Bezeichnung nirgends verschriftlicht ist.»

Da es sich bloss um einen informellen Namen handelt, würde eine Intervention der Politik auch kaum etwas bewirken. Wie bei der berühmten Süssspeise mit Schaumfüllung lässt es sich auch bei einer Wohnsiedlung nur schwer beeinflussen, wie die Leute sie im Alltag nennen.



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Erstellt: 25.01.2020, 20:27 Uhr

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