Immer auf die alten, weissen Männer!

Den typischen Sexisten gibt es nicht. Manchmal surft er. Manchmal politisiert er links.

Ihr Aussehen ist cool, ihr Denken reaktionär: Auch Surfer haben ein Frauenproblem. <nobr>Foto: David Alan Harvey</nobr> <nobr>(Magnum Photos)</nobr>

Ihr Aussehen ist cool, ihr Denken reaktionär: Auch Surfer haben ein Frauenproblem. Foto: David Alan Harvey (Magnum Photos)

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Er hatte es nicht kommen sehen. Wie auch? Ganz selbstverständlich wusste der alte, weisse Mann stets, dass er derjenige ist, der bestimmt. Dass er Priorität hat, mehr Gewicht und mehr Recht, dass er mehr Gehör findet, mehr Raum bekommt und mehr Geld. Aber nun steht er da und versteht die Welt nicht mehr. Man wirft ihm vor, seine Privilegien nicht erarbeitet zu haben, sondern sie Rassismus und Sexismus zu verdanken.

Der Liebesentzug ist gnadenlos. «Alter, weisser Mann» ist zum Schimpfwort geworden, zum Synonym für Macht und Arroganz, gepaart mit der Unterdrückung all jener, die nicht männlich, weiss und heterosexuell sind. Die Prototypen heissen Harvey Weinstein und Donald Trump, «alter, weisser Mann» steht daher auch für: Frauenhasser. Mit dem Begriff einher geht die unmissverständliche Botschaft: Ohne euch wäre die Welt ein besserer Ort, vor allem für die weibliche Hälfte.

Harvey Weinstein bei einem Treffen mit Geschäftsfrau Melissa Thompson. Wir er hier übergriffig? Video: Tamedia

Wenn es doch so einfach wäre. Wenn es doch ausschliesslich und nur die alten, weissen Männer ­wären, die Frauen geringschätzen! Dann könnte man das Problem als erledigt betrachten, sich entspannt zurücklehnen, denn es würde sich in Bälde, nun ja, von selbst erledigen. Man kann sich aber nicht zurücklehnen. Weil Frauenfeindlichkeit nicht so simpel funktioniert. Oft kommt sie eben gerade nicht plump daher, nicht offensichtlich, sondern verklausuliert und zwischen den Zeilen, was aber die Haltung dahinter kein bisschen besser macht – und just das Problem ist.

Zu meinen, Frauenfeindlichkeit sei irgendwie optisch erkennbar, ist ein gewaltiger Irrtum, gefährlich und etwa so naiv, wie wenn in Spaghetti-Western die Gauner stets diejenigen mit den schlechten Zähnen sind. Denn sehr viel öfter, als man denkt und als einem lieb sein kann, hockt da reaktionäres Zeug in Köpfen, die keinen schwindenden Haaransatz haben. Sondern hippe Frisuren und Bärte. In den Köpfen von jenen also, die coole Turnschuhe tragen und an coolen Orten verkehren und überhaupt als cool gelten.

Wie zum Beispiel die Surfer. Surfer sind der Inbegriff der Coolness! Die sind eins mit der Natur und voll easy drauf und werden bewundert für ihren unkonventionellen Lifestyle, der sich der üblichen Dreifaltigkeit von Familie-Doppelhaushälfte-Labrador verweigert.

Was Surferinnen beschreiben, klingt wie eine Posse aus den Fünfzigerjahren.

Nur: Diese Surfer haben ein Frauenproblem. Und zwar ein ziemlich grosses. Im Februar berichtete die «New York Times» ausführlich über den Kampf der ­besten Surferinnen der Welt, zu ­denselben prestigeträchtigen Big-Wave-Wettbewerben zugelassen zu werden wie die Männer und im Falle eines Sieges gleich viel Preisgeld zu erhalten.

Die Handvoll Surferinnen, die jene Riesenwellen reiten, an die sich auch nur eine Minderheit unter den Männern wagt, beschreibt die Szene als «hypersexualisiert», und wie sehr man sie als Dekoration im Bikini möge, wie wenig aber als Konkurrenz auf dem Brett. Sie erzählen, wie eine lesbische ­Surferin Werbeverträge verlor wegen ihrer Weigerung, sich als Hetero-Beach-Babe zu präsentieren. Und sie beschreiben, wie man sie alle auf den Parkplätzen der Strände mit den gigantischen Wellen immer wieder unmissverständlich aufforderte: Haut ab!

Was die unerschrockensten Surferinnen der Welt da beschreiben, klingt wie eine Posse aus den Fünfzigerjahren, da ist alles dabei, ­alles, was man gemeinhin kennt an unrühmlichem männlichem Benehmen: Paternalismus, Sexismus, Geringschätzung, Gönnerhaftigkeit, Diskriminierung, Machogehabe. Es ist das Verhalten, das man ­heute alten, weissen Männern vorwirft. Nur dass es sich bei den Surfern nicht um alte, weisse Männer handelt. Weil die Abwertung von Frauen kein Alter hat. Und auch keine Hautfarbe. Man kann von Sonne und Meer gebleichtes, verwegenes Blondhaar haben und trotzdem Frauen für minderwertig halten.

Um das zu erkennen, muss man gar nicht an kalifornische Strände schauen. Die Haltung sitzt so tief, ist so verbreitet, so alltäglich, dass man ihr überall begegnet; man muss aber mitunter genauer hinschauen, weil sie sich erst auf den zweiten Blick offenbart.

2016 fragte die OECD: «Wo sind die Väter?»

Wie etwa in den neusten Erhebungen des Bundesamts für Statistik. Da heisst es zum Beispiel: «Die Hauptverantwortung für die Hausarbeit und Kinderbetreuung liegt in den meisten Haushalten bei den Frauen. In fast zwei Dritteln der ­Paarhaushalte wird die Hausarbeit hauptsächlich von der Frau erledigt.» Oder: «In vier Fünftel aller Paarhaushalte mit Kindern unter 13 Jahren bleibt hauptsächlich die Mutter zu Hause, wenn eines der Kinder krank ist. Ebenfalls mehrheitlich Aufgabe der Mütter ist es, die Kinder anzuziehen und sie in die Krippe, in die Schule oder zu Freizeitaktivitäten zu bringen.»

Sind diese Frauen allesamt mit alten, weissen Männern liiert?

Vielleicht liegt die ­konservative Rollenteilung darin begründet, dass wir keinen Vaterschaftsurlaub kennen. Da hinken wir ja ­hinterher. Die Schweiz bilde, wird gebetsmühlenartig wiederholt, diesbezüglich OECD-weit das Schlusslicht. Geflissentlich verschwiegen wird dabei die Tatsache, dass in sämtlichen Ländern mit Vaterschaftsurlaub die überwältigende Mehrheit der Männer diesen gar nicht oder nur teilweise bezieht. Die Zahlen sind so tief beziehungsweise das Interesse der Väter selbst bei grosszügiger Lohnfortzahlung so gering, dass die OECD 2016 in einem Bericht besorgt fragte: «Wo sind die Väter?»

Aber es macht sich gut, den Vaterschaftsurlaub zu fordern; wer dagegen ist, gilt als hoffnungsloser Fall, als rückständig und ewig­gestrig oder eben: als alter, ­weisser Mann. Denn das schwingt ja ebenfalls mit: dass dessen Haltung eng an ein Parteibüchlein geknüpft sein soll, konkret, dass die Frauenverachtung mit einer rechten Gesinnung einhergehe.

Die Verachtung geht nicht mit rechter Parteigesinnung einher

Man macht es sich auch damit zu einfach. SP-Nationalrat Cédric Wermuth jedenfalls mochte die ­Sache der Frau trotz vollmundiger Bekenntnisse zum Feminismus dann doch nicht vor seine eigenen Interessen stellen, als letztes Jahr der Ständeratssitz von Pascale Bruderer frei wurde – er kandidierte intern, gewann und verhinderte damit, dass Kollegin Yvonne Feri zur Wahl hätte stehen können.

Der britische ­Labour-Chef ­Jeremy Corbyn fällt ebenfalls nicht durch Gentleman-Manieren auf: Er ­bezeichnete ­Premierministerin Theresa May unlängst als «dumme Frau» – die Empörung darüber hielt sich in ­argen Grenzen. Corbyn ist zwar auch ein alter, weisser Mann – aber eben links und damit einer von den Guten, weshalb dann eine solche Herabwürdigung plötzlich nicht so schwer wiegt.

So sehen das wohl auch jene, die nichts dabei finden, «Weltwoche»-Kolumnistin Tamara Wernli, die sich eine dezidiert nicht linke ­Meinung leistet, als «Postergirl der neuen Rechten» zu bezeichnen. Aus lauter Überzeugung, auf der richtigen, der korrekten Seite zu stehen, merken sie nicht, dass die Bezeichnung «Postergirl» genauso herablassend und abwertend ist, wie wenn alte, weisse Männer im Restaurant «Fräulein!» rufen.

Frauenfeindlichkeit verläuft nicht entlang einer scharf zu ziehenden Linie.

Aber eben, Frauenfeindlichkeit, so wird neuerdings suggeriert, habe einen eindeutig erkennbaren Absender, sei das Problem einer ganz bestimmten Gruppe. Und so wurde der Begriff tunlichst vermieden, als 2018 in einer Untersuchung der ZHAW 26 Prozent der befragten muslimischen Jugendlichen befanden, Frauen hätten in Ländern wie der Schweiz «viel zu viele Freiheiten».

Experten relativierten sofort, sprachen von einem ­«ungefestigten Weltbild». Vermutlich erklären sie damit auch den Erfolg eines Rappers wie Kollegah, der 2015 und 2016 in Deutschland mit dem Publikumspreis Echo ausgezeichnet worden war und dessen Songs gespickt sind mit Sätzen wie: «Ich fick sie, bis ihr Steissbein bricht» oder «Ich bau Aggressionen ab durch Vergewaltigungen von Bordsteinschlampen». Dass sich Kollegahs riesige Fanschar vornehmlich aus alten, weissen Männern zusammensetzt, darf bezweifelt werden.

Frauenfeindlichkeit verläuft nicht entlang einer scharf zu ziehenden Linie. Sie ist universell, hat kein Alter, keine Hautfarbe und keine politische Ideologie. Eine ausgewählte Gruppe unter Generalverdacht zu stellen und im Gegenzug alle anderen davon zu befreien – weil das grad so schön der politischen Korrektheit entspricht – ist nicht nur unstatthaft. Es ist auch verharmlosend, und daher: zutiefst frauenfeindlich.



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Erstellt: 19.05.2019, 00:20 Uhr

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