Immer mehr Schweizer geraten im Ausland in Schwierigkeiten

Nicht nur der Fall der im Sudan entführten Margrit Schenkel beschäftigt das EDA. Die Zahl der staatlichen Hilfseinsätze im Ausland hat stark zugenommen.

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Es sollte ihr letzter Einsatz sein. Im Herbst wollte sich die 71-jährige Entwicklungshelferin Margrit Schenkel in Bonstetten ZH niederlassen. Doch sie kehrte nochmals in den Sudan zurück, um ihre Nachfolge zu regeln. Mehr als 40 Jahre hatte sie im krisengeschüttelten Land gearbeitet, ausgerechnet in Darfur, einer der gefährlichsten Zonen des Landes. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) warnt ausdrücklich vor den Risiken in dieser Region und schreibt in seinen Sicherheitshinweisen:

«Wiederholt wurden Mitarbeiter von Hilfswerken entführt.» EDA

Am letzten Wochenende stürmten bewaffnete Männer die Wohnung der Zürcherin in Darfur und verschleppten Margrit Schenkel. Jetzt beschäftigt der Fall den Krisenstab des EDA.

Fast gleichzeitig mit der Entführung der Schweizerin wurde ein Journalist aus dem Kanton Tessin im Norden von Venezuela verhaftet. Er war mit zwei Arbeitskollegen für eine Reportage unterwegs. Die drei sollen nicht autorisierte Aufnahmegeräte mit sich geführt haben. Das EDA kündigte an, im Rahmen des konsularischen Schutzes Beistand zu leisten. Nach zwei Tagen kam der Tessiner wieder frei.

Im Schnitt zwei Fälle pro Tag

Irgendwo auf dieser Welt sind fast immer Schweizer in Schwierigkeiten. Einige unverschuldet, aber immer wieder sind auch Leichtsinn und Fahrlässigkeit im Spiel. Wie im Fall des Schweizers Charles W., der in Thailand selbst gebrautes Bier trank, benebelt auf seinen Roller stieg und im Mai 2017 in den Tod fuhr. Oder der beiden jungen Schweizer, die am Flughafen in Casablanca mit 71 Kapseln Haschisch aufflogen, die sie in der Unterwäsche versteckt hatten. Die Männer, 22 und 31 Jahr alt, landeten in Marokko in einer Knastzelle – in einem Land, wo Drogenbesitz mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft wird. Auch hier leisteten die Spezialisten des EDA Hilfe im Rahmen des konsularischen Schutzes. Dazu gehört etwa die Sicherstellung, dass das Recht auf menschenwürdige Haftbedingungen respektiert wird, die Benachrichtigung der Angehörigen und auf Wunsch Besuche im Gefängnis.

Immer wieder muss der Schweizer Staat seinen Bürgern zu Hilfe eilen. Und er muss es immer öfter tun. Die Zahl der staatlichen Hilfseinsätze hat deutlich zugenommen. Laut Angaben des Aussendepartments kümmerte sich die Sektion Konsularischer Schutz 2007 um 463 neue Fälle von Schweizern, die im Ausland in Not gerieten. 2016 waren es schon 819. Das sind im Schnitt zwei Fälle pro Tag. In diesem Jahr wurden bis Ende September bereits weitere 649 Dossiers neu eröffnet. Die meisten dieser Fälle betreffen laut EDA nicht Auslandschweizer, sondern Bürger mit Wohnsitz in der Schweiz. Also Geschäftsleute und vor allem: Touristen.

Dass sie mehr staatliche Hilfsaktionen auslösen, habe mit der «gestiegenen Reisetätigkeit» zu tun, heisst es im Aussendepartement. Und auch mit «den komplexeren Rahmenbedingungen an den Reisezielen».

Folgen auch für die Versicherungen

Es geht oft um ernste Vorkommnisse, wenn die Sektion Konsularischer Schutz aktiv wird. So bearbeiteten sie letztes Jahr 241 Fälle von Schweizern, die inhaftiert wurden, 237 Landsleute starben im Ausland , 160 wurden schwer krank, 58 hatten einen Unfall, 40-mal starteten die Berner Bundesbehörden eine Aufenthaltsnachforschung. Sie kümmerten sich um 19 Verbrechensopfer und 9-mal musste der Staat mit Geldüberweisungen aushelfen.

Hinzu kamen 17 Entführungen, darunter 14 Kinder. Meist werden sie von einem Elternteil aus der Schweiz ins Ausland entführt. 2016 wurden auch drei erwachsene Schweizer verschleppt. Die Taten hatten einen familiären oder kriminellen Hintergrund.

Für Entführungen aus politischen und terroristischen Motiven – wie mutmasslich im Fall der gekidnappten Entwicklungshelferin im Sudan – ist nicht der Konsularische Schutz, sondern das Krisenmanagement-Zentrum des EDA zuständig. Mehr als zehn Millionen Auslandreisen unternehmen die Schweizer jedes Jahr. Die Folgen der zunehmenden Mobilität bekommen auch Versicherungen zu spüren. Es gebe «einen Anstieg an Zwischenfällen im Ausland», sagt Jürg Thalmann, Sprecher bei der Mobiliar.

«Wir verzeichnen im Vergleich zum Vorjahr einen Zuwachs von 16 Prozent bei den Personen-Assistance-Fällen.» Jürg Thalmann, Sprecher Mobiliar

Darunter fallen Notsituationen, bei denen die Auslagen für Such-, Rettungs- und Transportkosten von der Versicherung übernommen werden.

Rüpelhaftes Verhalten

Aber längst nicht alle Zwischenfälle sind unvermeidbar. Es gibt Leute, die sie geradezu provozieren. Ein böses Erwachen gab es für den 29-jährige Raffael D., der auf den nächtlichen Strassen von Pattaya einen «Ladyboy» aufgabelte und ihn für einen gemütlichen Abend mit in sein Hotelzimmer nahm. Am anderen Morgen war nicht nur der Lover verschwunden – auch Portemonnaie und Kreditkarte waren weg.

Regelmässig fallen Schweizer auch mit rüpelhaftem Verhalten auf, manche beschäftigen sogar die Justiz. In Singapur landete jüngst ein 28-jähriger Schweizer im Gefängnis, weil er einen Taxifahrer geschlagen hatte. Fünf Monate sass er in der südostasiatischen Stadt fest, dann kam er vor Gericht: Vier Wochen Haft. An Weihnachten rastete ein Schweizer auf einem Flug nach Washington aus, in Miami pöbelte eine Schweizerin in einer Shopping-Mall herum und kassierte einen Kinnhaken. Im Januar unternahm ein Schweizer eine Suff-Fahrt durch Amsterdam und richtete einen riesigen Blechschaden an, im lettischen Riga wollte ein völlig zugedröhnter Schweizer Tourist mit einem Polizeiauto Liebe machen und landete in einer psychiatrischen Klinik.

Beteiligung an Rettungskosten

Es gehört zu den Aufgaben des Staats, seinen Bürgern im Ausland zu helfen. Nicht nur Krawalltouristen, die sich nicht im Griff haben, sorgen für Umtriebe. An gesundem Menschenverstand fehlt es auch jenen Schweizern, die durch Krisengebiete reisen, Warnungen ignorieren und sich ihren Kick auf hochriskanten Touren holen – wenn es schiefgeht, auf Kosten der Steuerzahler. Wie das Polizistenpaar aus Bern, das in Pakistan 2011 mit einem VW-Bus durch die Provinz Belutschistan fuhr, das für eine hohe Entführungsgefahr berüchtigt ist. Das Himmelfahrtskommando endete mit der Verschleppung der beiden Drittwelt-Touristen.

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Nach dem Fall der Pakistan-Geiseln wuchs der Ärger über leichtsinnige Abenteurer. Im November 2015 wurde ein neues «Bundesgesetz über Schweizer und Institutionen im Ausland» und eine revidierte Gebühren-Verordnung des EDA in Kraft gesetzt. Diese legen fest, dass sich die Verursacher von staatlichen Rettungs- und Hilfsaktionen an den entstehenden Kosten beteiligen müssen, wenn sie sich «fahrlässig» verhalten haben. Das gilt laut Gesetz etwa dann, wenn «eine Person die Empfehlungen des Bundes nicht beachtet» oder «gegen die Gesetzgebung des Empfangsstaates verstossen hat». Damit sollen Reisende künftig mehr Verantwortung übernehmen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.10.2017, 08:29 Uhr

«Eine finanzielle Beteiligung scheint durchaus angebracht»

Mit Reise-Ombudsmann Franco Muff sprach Nadja Pastega über die neuen Fälle

Die Zahl der Schweizer, die auf Auslandreisen staatliche Hilfe benötigen, hat zugenommen. Gehen Touristen mehr Risiken ein?
Ich habe nicht den Eindruck, dass die Risikofreudigkeit gross zugenommen hat. Die sehr Abenteuerlustigen dürften aber ohnehin individuell unterwegs sein und eher nicht an die Ombudsstelle gelangen.

Ein neues Gesetz soll jetzt dafür sorgen, dass leichtsinnige Touristen mehr Verantwortung übernehmen müssen. Begrüssen Sie das?
Ja. Es kann ja nicht sein, dass man bewusst gefährliche Gebiete bereist, ohne dabei ein finanzielles Risiko, zum Beispiel bei einer Entführung, mit einzubeziehen.

Müssen Reisende die Kosten für eine staatliche Rettungsaktion in jedem Fall übernehmen?
Ich denke nicht, dass sie die volle finanzielle Verantwortung tragen müssen. Man sollte das von Fall zu Fall beurteilen. Eine finanzielle Beteiligung scheint mir jedoch durchaus angebracht. Es darf nicht sein, dass der Staat im Ernstfall die vollen Kosten trägt und man im Nachhinein auch noch ein Buch publiziert wie die «Pakistan-Geiseln», also quasi als Verursacher von Rückführungskosten auch noch Geld verdient.

Auch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen werden immer wieder entführt wie aktuell im Sudan. Sollen sie ebenfalls für die Kosten ihrer Befreiung zahlen?
Wenn es sich um eine anerkannte Organisation handelt, sehe ich keine finanzielle Beteiligung der Person selber. Die Hilfsorganisation könnte sich allenfalls an den Kosten beteiligen, wenn ein Ausflug als sehr fahrlässig einzustufen ist. Auch ein Journalist in offizieller Mission – wie der Mitarbeiter des Tessiner Fernsehens, der in Venezuela verhaftet wurde – soll nicht zahlen müssen.

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