In der Pflege herrscht Panik

Krankenkassen haben 500 Millionen Franken zu viel für Pflegematerial bezahlt. Jetzt fordern sie Gelder zurück.

Mit ihrer Arbeit lässt sich kaum mehr Geld verdienen: Wundspezialistin Claudia Britschgi in ihrer Praxis in Biel. Bild: Marco Zanoni

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Sorgfältig entfernt Claudia Britschgi mit dem Skalpell den Fibrinbelag, der sich auf der Wunde am Fuss ihrer Patientin gebildet hat. «Das ist wichtig, damit die Heilung stattfinden kann», sagt sie. Nach der Reinigung überklebt Britschgi die Wunde mit einem grossen Pflaster. Dann wickelt sie den Fuss und den Unterschenkel mit einem Verband ein. Eine Dreilagenkompression – «das verbessert den Blutrückfluss».

Britschgi betreibt in Biel mit Geschäftspartnerin Susanne Wigger eine Wundpraxis. 2015 haben sich die Pflegefachfrauen selbstständig gemacht und auf Wundpflege spezialisiert. Ihre Hauptklientel sind ältere Menschen, die an chronischen Wunden leiden und diese nicht selber pflegen können. Zu den Patienten gehören auch Verbrennungsopfer oder Paraplegiker, die sich wund gelegen haben.

Wundspezialistinnen lehnen jetzt sogar Patienten ab

Bislang lief die Praxis gut. Doch seit Anfang Jahr ist der Umsatz eingebrochen. «Wir können kaum mehr kostendeckend arbeiten», sagt Britschgi. «Wenn es so weitergeht, müssen wir das Geschäft im Herbst schliessen.»

Als die Frauen ihre Praxis eröffneten, rechneten sie Verbände oder Pflaster, sogenannte Pflege- und Wundmaterialien, über die Krankenkasse ab. So machten es alle. Und die Kassen zahlten.

Ende 2017 entschied das Bundesverwaltungsgericht, die Krankenkassen müssten keine Pflegematerialien vergüten – ausser die Patienten seien in der Lage, diese selber anzuwenden. Weil dies jedoch kaum ein Patient kann, stehen Einrichtungen wie die Wundpraxis in Biel vor dem Aus. Die meisten Kassen zahlen seit diesem Jahr keinen Rappen mehr, die Pflegefachfrauen bleiben auf den Kosten für das Material sitzen. Dieses kann bei schwer heilenden Wunden auch einmal mehrere Tausend Franken pro Monat betragen.

Erst in zwölf Kantonen gibt es Lösungen

«Wenn wir nicht bald eine Lösung finden, leidet die Pflegequalität», sagt Susanne Wigger. Die Wundspezialistinnen kaufen jetzt möglichst günstiges Material ein. Oder sie lehnen Patienten sogar ab – diese werden dann im Spital behandelt. Was viel teurer ist.

Das Gesetz verbietet es, die Materialkosten auf die Patienten zu überwälzen. Eigentlich müssten die Restfinanzierer, also die Kantone und Gemeinden, einspringen. Doch in den meisten Fällen weigern sie sich. Erst in zwölf Kantonen gibt es Lösungen oder mindestens Ansätze dazu.

Mittlerweile ist in der gesamten Pflegebranche Panik ausgebrochen: Bei der Spitex, beim Heimverband Curaviva oder beim Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer SBK. Die Drähte zu Gesundheitsminister Alain Berset (SP) laufen heiss. Es gab Vorstösse im nationalen Parlament sowie ein Treffen der involvierten Organisationen mit den Kassen und dem Bundesamt für Gesundheit. Doch bislang ist nichts passiert.

Daniel Höchli, Direktor von Curaviva Schweiz, rechnet mit jährlich 30 Millionen Franken an ungedeckten Kosten allein für die Heime. «Wir sind sehr stark tangiert», sagt er. Auch Spitex-Schweiz-Geschäftsführerin Marianne Pfister schlägt Alarm. «Für kleine Organisationen geht es um die Existenz. Besonders betroffen sind Bereiche mit teurem Pflegematerial: die Wundpflege, die Onko- oder die Kinder-Spitex.»

Santésuisse-Kassen verlangen Kompensation

Doch vorerst kommt der nächste Hammer: Mit den Urteilen steht nämlich auch fest, dass die Kassen jahrelang zu viel bezahlt haben – insgesamt eine halbe Milliarde. Rund 300 Millionen Franken waren es gemäss der Statistik der sozialmedizinischen Institutionen bei der stationären Heimpflege. Geschätzte 200 Millionen Franken waren es laut Pfister in der ambulanten Pflege bei der Spitex.

Diese Gelder fordern die Versicherer jetzt zurück. Die Messer bereits gewetzt haben die Krankenkassen, die Mitglied beim Verband Santésuisse sind. «Unsere Mitglieder prüfen noch, wie die Rückforderungsverfahren im Detail organisiert werden», sagt Mediensprecher Christophe Kaempf. «Aber ein Inkasso von Rückforderungen wird es geben, was im Sinne der Prämienzahler ist.» Santésuisse rechnet derzeit mit einem «hohen zweistelligen Millionenbetrag», der zurückverlangt werden soll. Der zweite Schweizer Krankenkassenverband, Curafutura, will hingegen darauf verzichten. Offen ist, wer die Rückforderungen übernimmt. Eigentlich müssten wiederum die Restfinanzierer, also die Kantone und Gemeinden, zahlen. Doch wenn sie sich weigern, könnte es die Leistungserbringer treffen.

Bei der Wundpraxis in Biel ist zumindest bislang noch keine Forderung eingetroffen. Doch wenn es so weit sein sollte? «Das wäre fatal», sagt Claudia Britschgi, «dann würden wir uns verschulden.»

* Dieser Artikel erschien erstmals am 17. Juni 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.06.2018, 13:42 Uhr

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