Intrigen beim Lucerne Festival – und die Wirtschaftselite mittendrin

Michael Haefliger hat das Klassikfestival zum Weltereignis gemacht. Nun werden ihm Mobbing und ein Putsch vorgeworfen

Die Mitgliedsliste des Stiftungsrats des Lucerne Festivals liest sich wie das Who is Who der Schweizer Wirtschaft. Foto: Keystone

Die Mitgliedsliste des Stiftungsrats des Lucerne Festivals liest sich wie das Who is Who der Schweizer Wirtschaft. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An kaum einem anderen Anlass in der Schweiz versammeln sich so viele mächtige Leute wie beim Lucerne Festival. Eine Bundesrätin oder ein Bundesrat eröffnet jeweils die grosse Klassikveranstaltung, die Wirtschafts- und Politelite ist im prächtigen Saal des KKL zugegen.

Auch in der Fachwelt geniesst das Festival höchstes Ansehen. Intendant Michael Haefliger ist es in den vergangenen zwanzig Jahren ­gelungen, das Lucerne Festival in der internationalen Top-Liga zu etablieren, auf derselben Stufe wie etwa die Salzburger Festspiele.

Wer in der Schweiz etwas auf sich hält, der besucht nicht nur das Festival, sondern engagiert sich auch dafür. Die Mitgliedsliste des Stiftungsrats, also des Aufsichtsgremiums, liest sich wie das Who is Who der Schweizer Wirtschaft: Rolf Dörig, Christoph Franz, Walter B. Kielholz, Isabelle Welton, Urs Rohner, Klaus Schwab und ­viele mehr sind dabei.

Es hagelt Negativmeldungen

Im Mai dieses Jahres teilte das erfolgsverwöhnte Festival plötzlich mit, dass es die zwei Nebenfestivals – jenes an Ostern und das mit Fokus auf das Piano – nach dreissig beziehungsweise zwanzig Jahren streicht. Die Meldung löste in der Klassikszene Erstaunen aus. Geht es dem Festival so schlecht, dass es die traditionsreichen Veranstaltungen aufgeben muss?

Wenige Wochen später folgte die nächste Negativmeldung. ­Haefliger soll einen ranghohen Mitarbeiter gemobbt haben. Und vor einigen Tagen informierte das Festival darüber, dass Hubert Achermann, Verwaltungsrat der UBS Schweiz, nach vielen Jahren als Präsident des Stiftungsrats zurücktritt. Rasch sickerte durch, dass der Abgang wohl nicht ganz freiwillig erfolgt. Die «Schweiz am Wochenende» schrieb von einem «Machtkampf», gar von einem «Putsch».

Eine Erfolgsgeschichte stösst an Grenzen

Was ist los in Luzern? Um die Vorgänge zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück. 1999 übernahm der Konzertgeiger Michael Haefliger die Leitung der traditionsreichen Festspiele, die unter dem Namen «Internationale Musikfestwochen» bekannt waren. Zeitgleich erhielt Luzern mit dem KKL eine Konzerthalle, die allein schon durch die Architektur international für Aufsehen sorgte.

Haefliger wusste die guten ­Voraussetzungen zu nutzen. 2003 gelang ihm der grosse Coup. Er gab dem Dirigenten-Genie Claudio Abbado freie Hand, um ein Orchester mit lauter Spitzenmusikern zusammenzustellen. Das Lucerne Festival Orchestra war geboren. Die Klassikwelt feierte es als Sensation. Parallel dazu gründete ­Haefliger mit dem französischen Komponisten Pierre Boulez eine Festival-Akademie für junge Musiker. Die Grossmeister Abbado und Boulez trugen den Namen Lucerne Festival in die Welt hinaus. Wo immer sie auftauchten, sorgten sie für Begeisterung.

Hubert Achermann tritt als Präsident des Stiftungsrats ab. Foto: Keystone

Damit konnte Haefliger das ­Lucerne Festival als globale ­Marke positionieren, ähnlich wie das auch die Art Basel gemacht hat. Der ­Intendant hatte es vor allem auf den asiatischen Markt abgesehen. Im fernen Osten tourte das Orchester besonders oft, in Shanghai ­installierte das Festival gar eine ­Residenz.

Unter Haefliger stieg das ­Budget von 14 auf 24 Millionen Franken, wobei sich das Festival zu 95 Prozent selber finanziert. Bloss 5 Prozent der Einnahmen stammen aus Subventionen – ein einmaliger Wert für eine Kulturveranstaltung dieser Art.

Die Intendanz von Michael ­Haefliger liest sich wie eine einzige Erfolgsgeschichte – wären da nicht seine Pläne gewesen für ein eigenes Opernhaus in Luzern, die Salle Modulable. Trotz jahrelanger Vorbereitung, zugesicherten 120 Millionen Franken von einem Mäzen und einem aufwendigen Gerichtsverfahren auf den Bahamas kam das ehrgeizige Projekt nicht zustande.

In den letzten Jahren häuften sich zudem die Probleme hinter den Kulissen. Das Festival 2017 endete mit einem grösseren ­Verlust. Um die Zukunft der Veranstaltung zu sichern, musste gehandelt werden. Eine Massnahme war die Streichung der zwei Nebenfestivals. Hier liegt auch der Ursprung des Konflikts zwischen Haefliger und dem abgesetzten Stiftungsratspräsidenten Hubert Achermann. Dieser hatte die Strategieänderung trotz Bedenken des Intendanten durchgesetzt.

Der Scherbenhaufen ist angerichtet

Achermann war in den vergan­genen Jahren nicht nur Präsident der Stiftung Lucerne Festival, ­sondern auch der Fundraising-­Organisation «Stiftung Freunde des Lucerne Festival». Das heisst, er sass am Geldhahn. Die eine Seite sagt, er habe diese Position ausgenutzt, um Druck auf Haefliger auszuüben. Die andere Seite streitet dies ab.

Kurz vor dem Start des diesjährigen Festivals spitzte sich die Lage zu. Haefliger soll die Absetzung Achermanns verlangt haben. ­Seither gingen sich die beiden so weit wie möglich aus dem Weg. Nun, ein halbes Jahr später, hat der Intendant den Machtkampf ­gewonnen.

Sieger im Machtkampf: Intendant Michael Haefliger. Foto: Keystone

Zwischen die Fronten geriet dabei Dominik Deuber, Managing Director der Lucerne Festival Academy. Er hatte als Praktikant beim Festival begonnen, Haefliger förderte ihn, bis er schliesslich eine ganze Einheit verantwortete. Der Intendant beschuldigt ihn nun, hinter seinem Rücken gemeinsame Sache mit Hubert Achermann gemacht zu haben. Deuber fühlt sich gemobbt. Die Angelegenheit wurde öffentlich, der Scherbenhaufen ist damit angerichtet. Die beiden Parteien sehen sich wohl erst vor Gericht wieder.

In der Klassikwelt stellt niemand die enormen Verdienste ­Michael Haefligers für das Lu­cerne Festival infrage. Oft ist aber zu hören, der Intendant habe den Zeitpunkt für den Abgang verpasst. Nach zwanzig Jahren sei es höchste Zeit für einen Neuanfang.

Um einen grösseren Imageschaden abzuwenden, wäre ein starker Stiftungsrat gefragt. Die vielen Wirtschaftsgrössen könnten nun unter Beweis stellen, dass sie nicht nur zum Netzwerken in dem ­Gremium sitzen.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 08.12.2019, 00:10 Uhr

Artikel zum Thema

Mobbingvorwürfe gegen Michael Haefliger

Der Stiftungsrat des Lucerne Festival lässt Vorwürfe gegen den Intendanten prüfen. Mehr...

Der Sound des Geldes

Seit 1993 gehört die Credit Suisse zu den Sponsoren des Lucerne Festival. Warum nur sind bei diesem Thema alle so schweigsam? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Sirtfood, die neue Wunderdiät?

Geldblog So finden Sie den passenden Fonds

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Brenzlige SituationEin Demonstrant springt während Protesten in Beirut über eine brennende Barrikade. (14. Januar 2020)
(Bild: Mohamed Azakir ) Mehr...