Jede fünfte Prostituierte hat eine Geschlechtskrankheit

Tripper, Chlamydien und Syphilis: Die Ansteckungsgefahr im Rotlichtmilieu ist gross.

«Big-5-Test»: Sozialarbeiterin Grazia Aurora nimmt bei einer Prostituierten einen Abstrich vor. Bild: Michele Limina

«Big-5-Test»: Sozialarbeiterin Grazia Aurora nimmt bei einer Prostituierten einen Abstrich vor. Bild: Michele Limina

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vera* ist schon lange im Geschäft. Sie sagt: «Ich machs nie ohne Gummi.» Auch Oralsex nicht. «Freier probieren es zwar, doch ich bleibe hart und nehme in Kauf, weniger zu verdienen oder sie zu verlieren.» Längst nicht alle Prostituierten sind so konsequent. Die Konkurrenz ist gross. Sex wird immer billiger, ist schon ab 30 Franken zu haben. Mit Folgen für die Gesundheit der Frauen.

Der Chefarzt der Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen, Pietro Vernazza, hat mit seinem Team über 600 Prostituierte auf sexuell übertragbare Infektionen getestet. Erste Resultate der noch unveröffentlichten Studie liegen der SonntagsZeitung vor und zeigen: Jede fünfte Sexarbeiterin hierzulande leidet an einer Geschlechtskrankheit, und zwar, ohne dass sie davon weiss – also weder Symptome noch Beschwerden hat.


Video: Eine Nachricht von Schweden an die Schweiz

«Schaut doch nur, wie ihr Frauen behandelt»: Das Video der Frauenzentrale Zürich. (29. Juni 2018) Video: Youtube/Frauenzentrale Zürich


Besonders häufig sind die Frauen Trägerinnen von Tripper, Chlamydien und Syphilis. HIV und Hepatitis fanden die Forscher praktisch nicht. Ob den Untersuchungsergebnissen ist der HIV-Spezialist trotzdem alarmiert. «Werden die Frauen nicht behandelt, besteht eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit», sagt er. «Freier können die Infektionen in ihre Familien tragen.» Bei Tripper und Syphilis beispielsweise reiche bereits oraler Kontakt für eine Ansteckung aus.

Das Gefährliche: Unbehandelt ist man über mehrere Wochen ansteckend. Vernazza schlägt deshalb vor, den Prostituierten den Zugang zu Tests zu erleichtern und sie finanziell zu unterstützen. «Eine Idee könnte die Befreiung von der Franchise sein – analog zur Schwangerschaft.» Somit würde die Krankenkasse bis auf 10 Prozent Selbstbehalt sämtliche Gesundheitskosten der Sexarbeiterinnen übernehmen.

Prostituierten fehlt oft das Geld für einen Arztbesuch

Wegen Geldnöten suchen Prostituierte häufig spät ärztliche Hilfe. Das erlebt Grazia Aurora, medizinisch-soziale Beraterin der Anlaufstelle für Sexarbeitende Isla Victoria der Stadtmission Zürich, im Alltag. «Mit haarsträubenden Mitteln versuchen sich Frauen selbst zu heilen, entweder, weil sie sich nicht trauen, sich einem Arzt gegenüber zu outen, den Selbstbehalt nicht berappen können oder gar nicht versichert sind.» Spülung der Vagina mit Coca-Cola oder Wodka: Die Krankenschwester hat schon alles gesehen.

Die überwiegende Mehrheit der Prostituierten kommt aus zwei der wirtschaftlich ärmsten Länder Europas – Ungarn und Rumänien. Sie dürfen drei Monate pro Jahr anschaffen. Wie viele das tun, weiss niemand so genau. Der Schweizer Rotlichtmarkt, rund 1,5 Milliarden Franken schwer, ist unberechenbar geworden. Schätzungen gehen von 20'000 Frauen aus. Nur die wenigsten sind für längere Zeit in der Schweiz. Sie bleiben nur für ein paar Tage in einem Sex-Etablissement und reisen dann in ein anderes europäisches Land weiter.

«Würden Sexarbeiterinnen alle sechs Monate zum Test kommen, hätten wir schon viel erreicht.»Pietro Vernazza, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen

«Das macht es schwierig, Vertrauen zu den Frauen aufzubauen und mit ihnen über ihre Gesundheit zu sprechen», sagt Aurora. Seit acht Jahren besucht sie in Zürich Bordelle, verteilt Kondome, bietet medizinische Hilfe an oder hört einfach nur zu. Seit kurzem macht sie zudem «Big-5-Tests». 300 Franken kostet die Suche nach den fünf verbreitetsten sexuell übertragbaren Krankheiten. Eigentlich.

Neben dem Franchisen-Erlass setzt sich HIV-Arzt Vernazza für günstige Tests für Risikopatienten ein. Mit Erfolg. Erste Labors kommen Prostituierten oder NGOs wie Isla Victoria entgegen. Vernazza freuts. «Würden Sexarbeiterinnen alle sechs Monate zum Test kommen, hätten wir schon viel erreicht», ist er überzeugt. «Denn einmal erkannt, lassen sich Tripper, Chlamydien und Syphilis rasch und effizient mit Antibiotika behandeln und heilen.»

Günstige Tests für Risikopatienten

In Deutschland oder Österreich müssen Prostituierte regelmässig zum Gesundheits-Check. Auch einige Club-Betreiber in der Schweiz würden sich dies wünschen. Grazia Aurora hält hingegen wenig von solchen «Gütesiegeln»: «Die ganze Verantwortung wird so auf die Frauen abgeschoben. Dabei stehen Freier genauso in der Pflicht.»

Andrea Gisler von der Frauenzentrale geht noch weiter. Sie will nach dem Vorbild Schwedens den Kauf sexueller Dienstleistungen verbieten und Freier bestrafen. Dies vor allem der Würde der Prostituierten, aber auch ihrer Gesundheit wegen. «Viele können ihren Alltag nur mit Alkohol und Drogen bewältigen.» Würden an Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. «Und wir tun immer noch so, als laufe die Prostitution in einem geschützten, kontrollierten Rahmen ab.»

Gisler will das «schummrig-plüschige Idyll» ins Wanken bringen. «Die wenigsten Männer legen gegenüber ihren Partnerinnen offen, dass sie Freier sind.» Befolgen sie die Safer-Sex-Regeln nicht, steige das Risiko, dass sie ihre Partnerinnen anstecken würden. Das Bundesamt für Gesundheit stellt seit mehreren Jahren eine Zunahme der Geschlechtskrankheiten fest – und zwar in der ganzen Bevölkerung. Einige Fälle lassen sich damit erklären, dass mehr und bessere Tests gemacht werden. Aber nicht alle.

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 13.08.2018, 13:57 Uhr

Artikel zum Thema

«Vielleicht habt ihr Schweizer kein Problem damit – wir schon»

Video Die Schweden wollen nicht mehr länger mit der Schweiz verglichen werden. «Ihr lebt immer noch im Mittelalter», lautet der Vorwurf. Mehr...

«Ich habe das Leid der Prostituierten nicht bagatellisiert»

Er will aus dem Kirchenbund eine Bundeskirche machen. Doch nun gerät Gottfried Locher in Bedrängnis. Der höchste Reformierte der Schweiz erklärt sich im Interview. Mehr...

Ein Verbot der Prostitution wird teuer

Kommentar Wer das Sexgewerbe illegal machen will, muss ­den Frauen bei der Suche nach neuer Arbeit helfen. Mehr...

Die häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen

Tripper (Gonorrhö): Die Infektion mit Gonokokken-Bakterien findet oral, vaginal und anal statt. Der Erreger befällt die Schleimhäute, löst Halsschmerzen oder Schmerzen beim Wasserlassen aus. Bleibt Tripper unbemerkt, kann er zu chronischen Bauch- und Gelenkschmerzen oder Unfruchtbarkeit führen.

Syphilis: Die Infektion wird durch ungeschützten Geschlechts- oder Oralverkehr übertragen. Die Ansteckungsrate ist zu Beginn hoch. Es gibt vier Stadien mit jeweils verschieden starken Symptomen. Diese reichen von Geschwüren im Genitalbereich, Hautausschlägen bis hin zu neurologischen Störungen.

Chlamydien: Die Infektion kann durch oralen, vaginalen und analen Geschlechtsverkehr übertragen werden. Symptome sind: Juckreiz, Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen. Bleibt die Krankheit unbemerkt, kann es bei beiden Geschlechtern zu Unfruchtbarkeit kommen. Geraten die Bakterien ins Auge, kann man gar erblinden.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...