Kamasutra auf dem Trapez

Der Cirque du Soleil ist ein Unterhaltungsriese mit Milliardenumsatz. Nun gastiert er in Zürich.

2 von weltweit 1300 Künstlern des Cirque du Soleil: Akrobatik im neuen Programm «Totem». Bild: Matt Beard

2 von weltweit 1300 Künstlern des Cirque du Soleil: Akrobatik im neuen Programm «Totem». Bild: Matt Beard

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Ein Zirkusriese und ein Millionenspektakel – mit einem geschätzten Jahresumsatz von über einer Milliarde Franken: Das ist der Cirque du Soleil. Knapp 4000 Mitarbeiter beschäftigt er, darunter 1300 Künstler aus mehr als 50 Ländern. Seit über 30 Jahren bietet der Cirque du Soleil artistische Fantasieshows mit Ausnahmetalenten in seinem Zelt, dem Grand Chapiteau.

Weiter und höher hinaus: Die Shows des Sonnenzirkus wurden im Laufe der Zeit immer extravaganter, doch besinnt sich der kanadische Zirkus gerne auch auf seine Wurzeln. Geboren wurde er 1984, als sich in Montreal eine Gruppe von Feuerschluckern, Stelzenläufern und jonglierenden Strassenartisten um Guy Laliberté zusammenschloss. Aus dem armen Schlucker wurde ein Milliardär.

Die Darsteller und ihre Acts sind auch heute das Herzstück des Cirque du Soleil. Im Grand Chapiteau versammelt er die weltbesten Talente. Die aktuelle Show «Totem», die nun für etwas mehr als einen Monat in Zürich zu sehen ist, eröffnen Trapez- und Trampolin-Stunts – als amphibische Kreaturen, die ihre Kräfte innerhalb eines riesigen Schildkrötenskeletts spielen lassen. Fu?nf Einradfahrerinnen werfen goldene Schüsseln mit den Füssen in die Höhe und fangen sie mit ihren Köpfen auf. Ein Künstlerpaar turtelt hoch oben auf dem Trapez, es scheint Positionen aus dem Kamasutra zu zeigen.

Traditionelle Zirkuskunst und modernste Technik

Im Unterschied zu klassischem Zirkus verzichtet der Cirque du Soleil auf Tierdressuren und Sägespäne. Er setzt auf einen szenischen Ablauf: «Die Show beruht stark auf zirzensischen Elementen und mischt sie mit theatralen und choreografischen Einlagen», sagt Sandro Lunin, Experte für zeitgenössischen Zirkus bei Pro Helvetia. Bei «Totem» gehören dazu auch 779 Kostüme, Videoprojektionen und eigens komponierte Soundtracks, die in eine Fantasiewelt entführen. «Das Geheimrezept ist, dass wir Zirkuskunst mit modernster Technik kombinieren», sagt Finn Taylor, der für die Cirque-Tourneen verantwortlich ist.

Kern jeder Produktion ist das Thema der Show, das alle Sets, Kostüme und Acts miteinander verbindet – ohne eine Story zu erzählen. «Die Figuren entwickeln sich nicht psychologisch. Für mich ist das Hochleistungssport in einem künstlerischen Mantel», erklärt Lunin. Tatsächlich, der Cirque engagiert in den letzten Jahren verstärkt Leistungssportler, aber auch Theater- und Filmregisseure. «Wir schauen uns immerzu nach neuen Einflüssen und Persönlichkeiten um», sagt Taylor. «In den Anfängen adaptierten wir Talente aus olympischen Sportarten, heute stärker aus der Freestyle-Szene.»

Irgendwo zwischen ­Wissenschaft und Legende

Amphibien, Neandertaler, Primaten und futuristische Kreaturen: «Totem» thematisiert die Evolution des Menschen, von seinen tierischen Ursprüngen bis zum Zukunftstraum vom Fliegen. Inszeniert hat sie der Theaterregisseur Robert Lepage, der die Show «irgendwo zwischen Wissenschaft und Legende» ansiedelt, wie er sagt: «In der kurzen Zeit, in der die Artisten in der Luft sind oder akrobatische Kunststu?cke vollfu?hren, wachsen sie u?ber sich hinaus – sie sind Halbgötter, die uns in die Welt der Mythologie bringen.» Die Produktion der Show kostet zwischen 40 und 50 Millionen Franken.

Der Cirque du Soleil ist heute ein globaler Entertainmentkonzern. Vor drei Jahren verkaufte der Gründer Guy Laliberté, der inzwischen auch Weltraumtourist ist, seinen Zirkus an Investoren aus den USA und China. Diese kauften die Blue Man Group dazu, eine Tochtergesellschaft konzipierte die Konzerttournee der Sängerin Helene Fischer. «Avatar»-Regisseur James Cameron produzierte 2012 einen 3-D-Film mit dem Cirque. Auch auf den Bühnen der Superbowl, der Oscars oder des Eurovision Song Contest ist der Zirkus präsent.

Dem Cirque du Soleil wird oft eine seelenlose Effizienz vorgeworfen. Aber das ändert nichts daran, dass er weiterhin Traumwelten erschafft, die den Massengeschmack treffen.

«Totem», 5.9. bis 14.10. in Zürich. www.cirquedusoleil.com (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2018, 17:26 Uhr

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