Kampf der Königinnen

In der Neuverfilmung «Mary Queen of Scots» duellieren sich mit zwei der besten Schauspielerinnen.

Zwei Frauen, zwei Leben: Margot Robbie als Elizabeth I und Saoirse Ronan als Maria Stuart (r.)Foto: Intertopics Foto: Alamy, Bridgeman, Getty Images

Zwei Frauen, zwei Leben: Margot Robbie als Elizabeth I und Saoirse Ronan als Maria Stuart (r.)Foto: Intertopics Foto: Alamy, Bridgeman, Getty Images

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Konkurrentinnen? Klar sind sie das. Letztes Jahr traten sie bei den Oscars in der Königskategorie Beste Hauptdarstellerin gegeneinander an: Saoirse Ronan war nominiert für «Lady Bird», wo sie als ­sexuell erwachender Teenager brillierte. Margot Robbie glänzte in «I, Tonya» als Eiskunstläuferin, die in einen fiesen Anschlag auf ihre grösste Rivalin verwickelt war. «Ja, wir kämpfen ständig gegeneinander», sagen die beiden feixend und traktieren sich dazu spielerisch mit dem Ellbogen. Doch im Film, für den sie jetzt gemeinsam am Interviewtisch sitzen, tun sie es als königliche Hoheiten.

Die Geschichte ist bekannt. Elizabeth I – gespielt von der Australierin Margot Robbie – war ab 1558 Königin von England. Aber ihre Regentschaft blieb umstritten, weil ihr Vater Heinrich VIII. ihre Mutter hinrichten liess und sie deswegen als Bastard galt. Ihre Cousine Maria Stuart, die 1561 als Königin nach Schottland zurückkehrte und durch Geburt ebenfalls einen Anspruch auf den englischen Thron hatte, wurde deshalb zur Bedrohung. Elizabeth liess Maria 1567 gefangen nehmen und nach 18 Jahren Haft – einmal gelang ihr die Flucht – schliesslich wegen Hochverrats hinrichten. Das alles wurde vielfach beschrieben, besungen und verfilmt. «Aber es bleibt eine moderne Geschichte, hier kämpfen zwei Frauen im patriarchalen Umfeld um ihre Selbstbestimmung», sagt Saoirse Ronan.

Wirklich? Eine #MeToo-Mary, wie der Film auch schon bezeichnet wurde? «Ach, das Projekt war bereits da, als es diese Bewegung noch gar nicht gab. Aber uns war immer klar, dass wir nicht einfach eine historische Geschichte bebildern wollten», sagt die Schau­spielerin. Und Regisseurin Josie Rourke, die viel Erfahrung am Theater hat, aber ihren ersten Film inszenierte, doppelt nach: «Ich würde nie einfach eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählen. Aber um die Königinnen in die Gegenwart zu holen, brauchte ich moderne Darstellerinnen wie Margot Robbie und Saoirse Ronan.»

Die beiden Königinnen ­begegneten sich gar nie

Saoirse, Saoirse – die 24-Jährige ist es längst gewohnt, dass man Mühe hat, ihren Namen korrekt auszusprechen. «Nennen Sie mich Sascha», sagt sie, wenn man es stockend versucht. Ihr Vorname (phonetisch ungefähr Sierscha) ist nicht etwa schottisch, wie es die Besetzung als Mary vermuten lassen könnte, sondern irisch. Bekannt wurde sie bereits mit 14 Jahren, als sie eine Schlüsselrolle in der ­Ian-McEwan-Verfilmung «Atonement» spielte (das Mädchen, das ein vermeintliches Geheimnis ausplaudert). Schon mit 17 Jahren sollte sie die Maria Stuart spielen, damals war noch Scarlett Johansson ihre Gegenspielerin. Aber diese hatte auf einmal keine Lust mehr und wurde schliesslich durch Margot Robbie ersetzt. Jetzt sitzen die beiden also gemeinsam im Zimmer des Londoner Hotels Corinthia – «so viel Zeit wie an diesen Interviewtagen haben wir während der ganzen Dreharbeiten nicht zusammen verbracht», witzeln sie.

Es stimmt. Die Ereignisse spielen abwechselnd in London, am elisabethanischen Hof oder auf verschiedenen Schlössern Schottlands. Gesandte, Delegationen und potenzielle Ehemänner wechseln hin und her, aber die beiden Königinnen nicht. Die Hauptdarstellerinnen filmten also fast immer ohne die Gegenspielerin, zuerst wurden die Szenen von Elizabeth gedreht, dann die von Mary. Das passt: In Wirklichkeit haben sich die Königinnen kein einziges Mal getroffen. Aber bereits Friedrich Schiller stellte sich in seinem vor über 200 Jahren entstandenen klassischen Drama «Maria Stuart» eine Begegnung vor.

Dieses Aufeinandertreffen gehört inzwischen zum Standard in den zahlreichen Maria-Stuart-Filmen. Im aktuellen Fall findet sie in einem Waschhaus statt, zwischen dekorativ aufgehängten Leintüchern. «Ich wählte den Ort, weil ich daran erinnern wollte, dass es im England des 16. Jahrhunderts auch gewöhnliche Menschen gab, nicht nur Königinnen», sagt Regisseurin Josie Rourke.

Der Höhepunkt des Films am Anfang der Dreharbeiten

Die Szene ist grossartig. Zuerst ein Belauern in Blicken und Gesten. Dann ein verbaler Schlagabtausch, man weiss nie, wo er hinführen könnte: Ziehen die beiden am Ende Arm in Arm von dannen, reizen sie sich gegenseitig bis aufs Blut, werden sie gar handgreiflich? Klar ist der Handlungsspielraum beschränkt, die Geschichte muss danach wieder auf die historisch überlieferten Tatsachen einbiegen. Aber hier können alle Beteiligten wirklich zeigen, was sie können. «Es war meine allerletzte Szene», erzählt Margot Robbie, «um die Spannung hoch zu halten, wollte ich meiner Gegenspielerin in der Garderobe nicht begegnen, bevor sie in der ersten Aufnahme als Mary vor mir stand.»

Für Margot Robbie war die Angelegenheit hinter weisser Maske – Elizabeth war an Pocken erkrankt und übertünchte die Narben auf diese Art – und in exaltierter Kleidung einfacher als für Saoirse Ronan, deren erster Drehtag es war. «Ich habe so lange gewartet, um endlich die Mary spielen zu können», sagt sie, «und dann musste ich gleich mit dem Höhepunkt beginnen. Deshalb war ich einverstanden, dass wir uns vor der Aufnahme aus dem Weg gingen, was ich in anderen Fällen immer etwas prätentiös finde. Aber hier war es sinnvoll. Und wurde erst so zu einem richtigen Duell.»

Die beiden Frauen verkörpern unterschiedliche Ansätze, sich in der Männerwelt durchzusetzen. Elizabeth, indem sie sich abkapselt, ein besserer Mann sein will als alle Hofintriganten. Und Mary, indem sie – modern gesprochen – versucht, Amt und Leben unter einen Hut zu bringen. «Kommt uns doch alles sehr bekannt vor», sagt Margot Robbie. Aber wie ist es eigentlich heute mit der Rivalität unter aufstrebenden Hollywood-Diven?

Die beiden schauen sich an. «Na ja.» «Wo gibt es das nicht?» «Hm.» «Wir verstehen uns glänzend, obwohl wir vor einem Jahr gegeneinander antraten.» Damals, bei den Oscars, gingen beide leer aus (Frances McDormand gewann). Aber ihre Stunde wird noch kommen. Saoirse Ronan dreht gerade den neuen Greta-Gerwig-Film ­namens «Little Women» mit hochkarätigen Partnerinnen wie Emma Watson und Meryl Streep . Margot Robbie ist bald in Quentin Tarantinos «Once Upon a Time in Hollywood» als Polanski-Gattin Sharon Tate zu sehen.

Königinnen werden die beiden also bleiben.

«Mary Queen of Scots»: ab Donnerstag im Kino (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.01.2019, 17:08 Uhr

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