Süchtig nach Shopping

Mindestens 340'000 Menschen in der Schweiz sind kaufsüchtig – Tendenz steigend. Hilfsangebote gibt es kaum, von Prävention ganz zu schweigen.

Onlinebestellungen: Nie war Kaufen einfacher als heute – und das Risiko, shoppingsüchtig zu werden, nie grösser. Foto: Getty Images

Onlinebestellungen: Nie war Kaufen einfacher als heute – und das Risiko, shoppingsüchtig zu werden, nie grösser. Foto: Getty Images

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Nun stehen sie wieder überall, die Schaufensterpuppen mit den roten «Sale»-Shirts , Newsletter preisen 30, 50, 60 Prozent Rabatt auf alles an, und ehe man es sich versieht, hat man drei Paar Hosen im realen oder virtuellen Einkaufskorb, den Wollmantel, den schwarzen Pulli auch noch in Blau und Grün und die Küchenmaschine mit Zubehör wie Pastaaufsatz, Fleischwolf und Apfelschneider.

Laura Keller zwingt sich, daheim zu bleiben und all das zu ignorieren. «Bin ich unterwegs, wird es schwierig, mich zu kontrollieren.» Ihre Kaufsucht hat sie inzwischen im Griff – meistens jedenfalls. Manchmal sei das Verlangen so gross, dass sie es nicht steuern könne. Wie beim Aussetzer vor ein paar Monaten. Nach einem emotionalen Tiefschlag ging sie in die nächste Boutique und kaufte vier Paar Schuhe.

Ihren richtigen Namen und Beruf möchte die Mittfünfzigerin nicht in der Zeitung lesen. Jahrelang hatte sie in einem international tätigen Unternehmen eine Führungsposition inne. Sie arbeitete fast rund um die Uhr, oft war sie im Ausland unterwegs, für ein Sozialleben reichte es nicht mehr. Sie begann, die tote Zeit in den fremden Städten und Flughäfen mit Powershopping zu vertreiben; damals lebte sie noch in Zürich. «Dieses riesige Angebot war verheerend für mich.»

«Andere haben Freunde, ich habe meine Kleider»

Sie kaufte viel, nicht in Billigläden, sondern am liebsten in einer jener Boutiquen, in denen man umsorgt wird mit Kaffee, Orangensaft und Fingerfood; ein angenehmer Nebeneffekt. Zu einer Psychologin sagte sie später einmal: «Andere haben Freunde, ich habe meine Kleider.» Irgendwann waren es so viele, dass sie einen Lagerraum mieten musste. 20'000 bis 30'000 Franken gab sie monatlich aus, damals habe sie noch genügend verdient. «Man kann aber auch mit wenig Geld kaufsüchtig werden.» Inzwischen ist ihr Schuldenberg so hoch, dass sie den Betrag nicht nennen mag. Sie habe immer mit der Kreditkarte bezahlt in der festen Überzeugung, Ende Monat alles begleichen zu können.

Laura Keller ist eine von schätzungsweise 340'000 Shoppingsüchtigen hierzulande, vermutlich sind es noch mehr. Die Annahme basiert auf der bis heute einzigen Schweizer Befragung aus dem Jahr 2003. Die Soziologin Verena Maag liess dazu rund 700 Erwachsene zu ihrem Kaufverhalten befragen: Jeder Dritte tendierte zu unkontrolliertem Einkaufen, um sich vom Alltag abzulenken, zur Entspannung oder einfach so um der Schnäppchen willen, knapp 5 Prozent zeigten eine Shoppingsucht.

Übermässiges Einkaufen ist gesellschaftskonform

Seither hat sich das Einkaufsverhalten jedoch stark verändert. Da ist die Fast-Fashion-Industrie mit immer neuen Kollektionen, nicht mehr im Takt der Saison, sondern wöchentlich, Aus- und Sonderverkäufe gehen fast nahtlos ineinander über, online ist alles jederzeit und risikolos zu haben; die Retouren sind meistens gratis. Nie war Kaufen einfacher – und schmerzloser: Kreditkarte in die Bezahlstation schieben oder auf «Jetzt kaufen» klicken, bar und vor allem bewusst zahlt kaum jemand mehr.

«All diese Faktoren begünstigen Kaufsucht», sagt die Psychologin Anikó Maráz, Post-Doc an der Berliner Humboldt-Universität. Sie war Teil des Teams, das 2016 alle bis dahin publizierten Kaufsuchtstudien weltweit analysiert hat. Die Zahl der Betroffenen divergiert zwar teilweise stark, aber: «Die Daten legen nahe, dass die Krankheitshäufigkeit weltweit steigt.» Schweizer Vergleichswerte fehlen, Konsumforscher der Universität in Friedrichshafen am Bodensee aber machten 2014 12 Prozent Kaufsüchtige aus, vier Jahre zuvor waren es noch 7 Prozent gewesen.

Übermässiges Shoppen ist gesellschaftskonform, fast jeder hat etwas im Schrank, das er noch nie getragen hat, viele Jugendliche geben als Hobby «Shoppen» an. Der Übergang zu krankhaftem Kaufen ist fliessend. Im Gegensatz zu Alkohol- oder Drogenabhängigen fallen Kaufsüchtige nicht negativ auf, im Gegenteil. «Ich galt immer als eine der bestgekleideten Frauen in der Firma und erhielt oft Komplimente», erzählt Keller.

Werbung nutzt Verletzlichkeiten aus

Für Betroffene ist das ein Teufelskreis, zumal Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl besonders anfällig für zwanghaftes Kaufverhalten sind. «Sie machen ihren Selbstwert grösstenteils vom Urteil anderer abhängig und reagieren auf Komplimente», weiss die Psychologin Anikó Maráz. Das Selbstwertgefühl sei verletzlich und leicht zu beeinflussen, was die Werbung natürlich ausnützt. Frauen seien über Emotionen leichter zu manipulieren als Männer, sagt Maráz. Entsprechend sind sie stärker betroffen; bei der Schweizer Befragung waren doppelt so viele Frauen kaufsüchtig wie Männer.

«Das Phänomen hat sich aus meiner Sicht aber verändert», sagt Renanto Poespodihardjo, leitender Psychologe bei der Abteilung für Verhaltenssüchte an den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel. Amerikanische Studien deuten darauf hin, dass sich die Zahlen angleichen. «Männer zeigen einzig ein etwas anderes Kaufverhalten. Sie kaufen eher online als in Läden, und es geht hauptsächlich darum, nach Schnäppchen zu jagen.»

«Fast alle Shoppingsüchtigen lassen ihre Einkaufstüten oder Pakete achtlos liegen.»Renato Poespodihardjo, Sucht-Psychologe

Äussere Umstände wie das gesellschaftlich akzeptierte übermässige Shoppen und die Verführungstechniken der Industrie reichten aber nicht aus, um eine Krankheit zu entwickeln. «Auch Ich-Faktoren wie ein vermindertes Selbstwertgefühl, hohe Impulsivität, perfektionistische Persönlichkeits­züge, emotionale Vernachlässigung oder ein Gewaltmissbrauch sind nötig», sagt Poespodihardjo. Beim Shoppen suche man den Kick, wolle negative Gefühle verdrängen oder betäuben wie andere mit Alkohol oder Drogen. Um die Sache gehe es nicht. «Das ist der Grund, warum fast alle Shoppingsüchtigen ihre Einkaufstüten oder Pakete achtlos liegen lassen.» Nach dem Kauf ist immer vor dem Kauf.

Bei Laura Keller ist dies anders, sie habe ihre Einkäufe immer zelebriert. Nachdem wichtige Stützen in ihrem Leben wegbrachen, geriet das Shoppen ausser Kontrolle. Es gab Probleme am Arbeitsplatz. Sie fand eine neue Stelle, führte nebenher eine eigene Firma, arbeitete bis spät in der Nacht. Innert kurzer Zeit wurden ihre Eltern pflegebedürftig, plötzlich war sie es, die eine Stütze sein musste. «Es war eine Katastrophe.» Sie erlitt ein Burnout, musste in stationäre Behandlung. Erst dort kam ihre Kaufsucht ans Licht. «Inzwischen weiss ich, dass ich damit eine emotionale Leere zu füllen versuche.»

Mehr Süchtige, weniger Hilfsangebote

Das Problem ist, dass es kaum spezialisierte Anlaufstellen gibt – die einzige Schweizer Therapiegruppe befindet sich bei den UPK Basel, das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich bietet ebenfalls Abklärungen für Betroffene und Angehörige an. «Die wenigen Hilfsangebote stehen in krassem Missverhältnis zur starken Verbreitung von Kaufsucht», sagt Renanto Poespodihardjo.

Auch im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen oder Süchten, die wesentlich weniger stark verbreitet seien: die Heroinsucht betrifft 1,5 Prozent der Bevölkerung, Spielsucht 0,8 Prozent; nur Alkohol- und Tabaksüchtige gibt es mehr. Für all diese gibt es zahlreiche Fachstellen und auch Präventionskampagnen – eine solche für verantwortungsbewusstes Kaufen fehlt bislang.

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Laura Keller war drei Monate stationär in Behandlung mit kognitiver Verhaltenstherapie und besucht seit zwei Jahren die Basler Therapiegruppe – ein nachweislich wirksames Mittel gegen Kaufsucht. Mit Übungen versuchen die Teilnehmerinnen ihr Selbstwertgefühl zu steigern und Strategien zur Selbstkontrolle und gegen das Verlangen zu finden.

«Ich versuche Verlockungen aus dem Weg zu gehen», sagt Keller. «So weit das halt möglich ist, ums Einkaufen kommt ja niemand herum.» Poespodihardjo rät Shoppingsüchtigen, Einkaufslisten anzufertigen, mit Bargeld zu bezahlen statt mit Kreditkarte, sich eine neue Mailadresse zuzulegen, damit nicht ständig Produkte-Newsletter eintrudeln und Onlineshopping bestenfalls zu vermeiden. Auch Ablenken hilft. Die Gefahr einer Suchtverschiebung sei aber hoch, sagt Laura Keller. «Ich bin ein TV-Junkie geworden.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 21:50 Uhr

Mögliche Anzeichen für Kaufsucht

– Sie kaufen Dinge, die Sie nicht benötigen oder sich nicht leisten können.

– Sie beschäftigen sich so stark mit (Online-)Shopping, dass Ihr Sozialleben oder Ihr Job leidet.

– Sie kaufen, um sich zu trösten, oder zu entspannen.

– Auf das gute Gefühl folgt meist ein schlechtes Gewissen.
– Ihre Einkäufe lassen Sie oft tagelang unausgepackt.

– Sie haben Mühe mit Impulskontrolle, möchten Ihre Bedürfnisse sofort befriedigen.

– Sie können Ihre Kreditkartenrechnung nicht zahlen.

– Sie haben kaum noch Platz für alle Sachen oder verstecken sie vor anderen.

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