Kein Ei wie das andere

Mit nur zwei Farbstoffen färben Vögel ihr Gelege poppig bunt. Ursprünglich waren die meisten Eier wohl weiss.

Verschiedene Hühnerrassen legen verschiedenfarbene Eier. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Verschiedene Hühnerrassen legen verschiedenfarbene Eier. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Vielfalt der Eier ist enorm. Sie sind weiss, braun oder wie zum Beispiel bei den Steisshühnern Mittel- und Südamerikas prächtig gefärbt. Sie sind schlicht oder mit gewagten Mustern versehen, ihre Grösse variiert von mini bis riesig und die Form von fast kugelrund bis kegelförmig. Dabei ist die Funktion immer gleich. Eier sind perfekt konstruierte ­Brutkammern, in denen die Vögel ihre Früh­geborenen ausserhalb ihres Körpers ­heranreifen lassen. Warum kein Ei dem anderen gleicht und wie sich die Farben und Formen entwickelt haben, darüber spekulieren Vogelkundler seit Jahr­hunderten.

Da ist zum Beispiel die Farbe: Vor über zehn Jahren veröffentlichte Rebecca Kilner von der University of Cambridge die These, dass zu Beginn der Vogelentwicklung alle Eier weiss waren. Die stammesgeschichtlich älteren Vögel wie Enten, Eulen oder ­Eisvögel haben noch heute kalkweisse oder cremefarbene, eher eintönige Eier. Hingegen zieren die Nester der sich später entwickelten Vertreter, wie zum Beispiel der Singvögel, vielfältige Farben und Muster. Das abwechslungsreiche Outfit der Eier muss sich mehrfach in der Evolution entwickelt haben, folgert die britische Forscherin. Die perfekte Tarnung half Vögeln mit offenen Nestern ihre Eier vor Räubern zu verstecken auf bräunlichem Wiesengrund oder zwischen grünen Blättern.

Bereits die riesigen Laufvögel Neuseelands hatten blaue Eier

Mark Hauber von der University of Illinois in Urbana-Champaign hält dagegen, dass auch entwicklungsgeschichtlich alte Vogelarten wie der Emu farbige Eier legen und selbst die in Neuseeland ausgestorbenen riesigen Laufvögel, die Moas, bläuliche Eier hatten. In einer neuen Berechnung kommt aber auch der US-Ornithologe zum Schluss, dass von den ursprüng­lichen Vogelarten 70 Prozent ­weisse Eier gelegt haben und nur 30 Prozent farbige.

Selbst die Ur-Ur-Ahnen der Vögel, die Dinosaurier, könnten bereits ihre Eier der Umgebung angepasst haben. Dieses überraschende Ergebnis veröffentlichte letztes Jahr eine deutsch-amerikanische Forschergruppe in der Onlinezeitschrift «Peer J». Dem Team gelang es, in über 70 Millionen Jahre alten Eierschalen des Dinosauriers Oviraptor Farbstoffe nachzuweisen. Die Forscher hatten die Schale der Sauriereier mit einer speziellen massenspektrometrischen Methode untersucht und zwei unter Vogelforschern gut bekannte Stoffe gefunden: Protoporphyrin und Biliverdin.

Genau diese beiden Pigmente sind auch bei Vogeleiern für sämtliche Farbvarianten verantwortlich. Dabei kreiert Protoporphyrin die Rot- und Brauntöne, während Biliverdin die blauen und grünen Nuancen bildet. Zusammengemischt können beide Farbpigmente auch sehr dunkle Eier wie die olivgrünen des Emus hervorbringen. Bei der Färbung der Oviraptor-Eier dominierte das Biliverdin. Die Schale dieser Brutkammern für kleine Saurier war demnach nicht weiss, sondern grünlich oder bläulich.

Infografik: Eier verschiedener Vogelarten im Grössenvergleich Grafik vergrössern

Die blaue oder grüne Farbe könnte bei Vogeleiern weit mehr als eine reine Tarnung vor Blätterhintergrund sein, vermuten Forscher seit einiger Zeit. Je blauer die Eier, desto gesünder das Weibchen, war eine These vor einigen Jahren, die inzwischen heftig diskutiert wird. Mark Hauber hat mit seinem Team die Besonderheit der blauen Eifarbe überprüft. Verblüffend war, dass im Labor einige Bakterien bläuliche Eier mieden, wenn sie mit Licht beschienen wurden. Tests im Freiland mit zuvor sterilisierten Eiern konnten das Phänomen jedoch nicht bestätigen. Unabhängig von der Farbe wurden die Eier gleich stark von Bakterien besiedelt.

Auch Alain Jacot, der an der Universität Bern und bei der Vogelwarte Sempach arbeitet, ist von der Gesundheitsthese der blauen Eier nicht überzeugt. Bei anderen Vogelarten wie den Staren schien es genau andersherum zu sein: «Da waren die Eier umso kräftiger blau gefärbt, je gestresster die Vögel ­waren», sagt Jacot. Generell könnte die Farbe aber auch dazu dienen, Sonnenstrahlen zu reflektieren, damit die Küken im Ei nicht überhitzen.

Evolutionäres Wettrüsten zwischen Kuckuck und Wirt

Ein wichtiger Grund für die grosse Bandbreite an farbigen und vor allem gemusterten Eiern ist der evolutionäre Wettkampf zwischen Brutparasiten wie dem Kuckuck, der die Eier in fremde Nester legt, und seinen Wirtsvögeln. In Gegenden, wo der Kuckuck verbreitet ist, haben potenzielle Wirte – also fast alle Singvogelarten wie Wiesenpieper, Gartenrotschwanz, Bachstelze oder Rotkehlchen – vielfältigere Eier hervorgebracht.

Alain Jacot vermutet, dass sich das aussergewöhnliche Verhalten, Eier in fremden Nestern zu ­deponieren, zuerst innerhalb einer Art entwickelt haben könnte.­ Gelegentlich jubeln beispielsweise auch die Weibchen von Blässhühnern, Enten oder Staren ihren Artgenossinnen eines oder mehrere Eier unter. Doch nicht jede Vogelart ­erkennt ein fremdes Ei. «Zebrafinken bebrüten alles, was man ihnen unterschiebt», sagt Wolfgang Forstmeier vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen. «Sie können ihre eigenen Eier wohl nicht identifizieren.»

In Regionen, in denen viele Kuckucke vorkommen, haben Wirtsvögel hingegen zum Teil ausgeklügelte Abwehrstrategien entwickelt. Sie versehen ihre Eier mit individuellen Punkten und Streifen und haben die kognitiven Fähigkeiten erworben, die eigenen Eier zu erkennen und fremde aus dem Nest zu bugsieren.

Infografik: So wird aus einem Hühnerei ein Kücken Grafik vergrössern

Auch Koloniebrüter, die Flügel an Flügel nebeneinanderhocken, verpassen ihren Eiern Monogramme, also ganz spezifische Muster. So können sie ihr eigenes Gelege nach der Nahrungssuche wieder finden. Beispiele dafür sind die Trottellummen, deren Eier noch aus einem anderen Grund viel beachtet werden. Sie sind auffällig kegelförmig. Denn noch rätselhafter als die Farben und Muster der Eier sind ihre Formen.

Die spitz zulaufenden Kegel der Trottellummeneier trudeln um den breiten Boden und können so nicht vom Felsen rollen, ist die gängige Ansicht. Allgemeingültig ist die These jedoch nicht, fand Mary Caswell Stoddard von der Princeton University heraus. Nicht alle Felsenbrüter haben kegelförmige Eier, und umgekehrt legen beispielsweise auch Regenpfeifer oder Kiebitze Eier mit Kegelform in Mulden oder Nester, wo sie nicht wegrollen können.

Die amerikanische Evolutionsbiologin hat mit ihrem Team über 49 000 Eier von 1400 Vogelarten vermessen und kam zum Schluss, dass die Eiform mit der Flügelform zusammenhängt. Je besser die Flugleistung, desto asymmetrischer die Eier, so die verblüffende Deutung des Teams.

Ob dies aber tatsächlich ein funktioneller Zusammenhang ist oder zufällig die Gene für die Eiform dieselben sind wie für die Flügelform, regt die Fachwelt bereits zu neuen Diskussionen an. Vogeleier bleiben also faszinierend für Wissenschaftler, Vogelliebhaber –und ja, auch für Gourmets.

Mark Hauber: «The Book of Eggs», University of Chicago, 78.90 Fr.

O. Mikulica, T. Grim, K. Schulze-Hagen, B. Stokke: «Der Kuckuck – Gauner der Superlative», Kosmos, 39.90 Fr.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.03.2018, 17:35 Uhr

Die perfekte Verpackung

Die Eischale muss so haltbar sein, dass brütende Vögel sie nicht zerbrechen, und so dünn, dass Küken sie aufpicken können. Diese perfekte Verpackung besteht hauptsächlich aus Kalzium. Bartgeier, die sich von aus Kalzium bestehenden Knochen ernähren, haben kein Problem an den Baustoff für ihre Eier zu kommen. Andere Vögel wie Schwalben, die fast ausschliesslich Fliegen und Mücken fressen, kommen mit diesem Speiseplan kaum an Kalzium. Und Blaumeisen, die bis zu 17 Eier legen können, benötigen dafür mehr Kalzium, als in ihrem gesamten Skelett enthalten ist.

Woher bekommen die Weibchen also die begehrte Substanz? Manch ein Vogel greift auf seine Ressourcen zurück: Der Knuttstrandläufer zum Beispiel verwendet das Kalzium aus seinen eigenen Knochen, aber das reicht nur für zwei seiner vier Eier. Die Lösung sind etwas ungewöhnliche Nahrungsquellen: So picken Kreuzschnäbel in Kalifornien aus Kojoten-Dung Stücke von Nagetierknochen heraus. Die meisten kleinen Vögel wie zum Beispiel die Kohlmeise laben sich vor der Eiproduktion an Schneckenhäusern. Und Schwalben befriedigen ihren Kalziumbedarf, indem sie Sand fressen. Es wird sogar spekuliert, dass Vögel wahrnehmen können, ob eine Nahrung Kalzium enthält oder nicht. (afo)

Tim Birkhead: «The Most Perfect Thing», Bloomsbury, 304 Seiten, 33.90 Franken

Vögel legen seit Urzeiten Eier

Seine Nachkommen gut umhüllt in einem Ei zur Welt zu bringen, ist weitverbreitet: bei Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und sogar bei zwei Vertretern der Säugetiere: dem Schnabeltier und dem Schnabeligel. Wer aber denkt, lebende Junge zu gebären, sogenannte Viviparie, bleibt den Säugetieren vorbehalten, liegt falsch. «Viviparie ist mehrmals unabhängig innerhalb der Wirbeltiergruppen entstanden», sagt Marcelo Sánchez von der Universität Zürich. «Allein bei Echsen und Schlangen etwa 100-mal.» Der älteste fossile Beweis einer Lebendgeburt ist 380 Millionen Jahre alt. Damals trug ein urzeitlicher Panzerfisch einen Embryo im Leib. Auch die Ichthyosaurier (Fischsaurier) gebaren lebende Jungtiere – Schwanz voran.

«Die Entwicklung geht aber nicht nur in eine Richtung», sagt Sánchez. Beispielsweise habe die Arabische Sandotter das Lebendgebären aufgegeben und wieder Eier gelegt. Nur Vögel und ihre nächsten Verwandten, die Krokodile, legen wie schon seit Urzeiten Eier. Sie haben nie lebend gebärende Arten entwickelt. Warum das so ist, bleibt eines der grossen Rätsel der Evolutionsbiologie. (afo)

Artikel zum Thema

Schweizer vertilgten 1,51 Milliarden Eier

Das Gelege der Hühner ist nicht nur an Ostern beliebt. 2017 hatten immer mehr Leute Lust auf Bio, wie eine Eier-Statistik zeigt. Mehr...

Gebt mir ein Eee! Gebt mir ein Iii!

Es ist gesund. Und die Basis für Gaumenfreuden wie Omelette, Mayonnaise oder Meringue. Höchste Zeit für eine Ode ans Ei. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Politblog Arnold Koller und der Zuchtziegenbock

Sweet Home Richtig ankommen nach den Ferien

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...