Kesb stoppt Eltern wegen Babyfotos

Weil Mütter und Väter unaufhörlich Bilder ihrer Kinder auf Facebook posten, müssen die Behörden eingreifen.

Wer Bilder seiner Kinder auf Plattformen wie Facebook oder Instagram teilt, erweist dem Nachwuchs selten einen Gefallen. Foto: Instagram

Wer Bilder seiner Kinder auf Plattformen wie Facebook oder Instagram teilt, erweist dem Nachwuchs selten einen Gefallen. Foto: Instagram

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Die Grossmutter posiert gerne in eleganten Kleidern, wenn sie sich mit ihrer siebenjährigen Enkeltochter fürs Selfie ablichtet. Die Bilder stellt sie auf Facebook zur Schau. Die Welt soll an ihrem Glück teilhaben.

Doch an den trauten Szenen ergötzen sich nicht alle – vor allem die Mutter des siebenjährigen Mädchens stört sich daran. Die Grossmutter und die Mutter sind schon länger zerstritten. Und so schaltet der Anwalt der Mutter schliesslich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in Bern ein.

Die Behörde ermahnt die Grossmutter in einem Schreiben, sie solle es unterlassen, Bilder des Mädchens zu veröffentlichen. Doch diese entgegnet, sie lasse sich nichts vorschreiben. Schliesslich publiziere sie ja keine Nacktbilder.

Manchmal müssen Eltern Bilder löschen

Weil die Grossmutter das Schreiben ignoriert und weiter Bilder ins Netz stellt, reagiert die Kesb mit einer Weisung: mit einer Kindesschutzmassnahme. Darin wird der Grossmutter unter Strafandrohung untersagt, Fotos und Filme des Kindes online zu veröffentlichen.

Dass die Kindesschutzbehörden in der Schweiz zu derart drastischen Mitteln greifen müssen, ist keine Seltenheit mehr. Charlotte Christener, Präsidentin der Kesb Bern, spricht von einem «bekannten Phänomen». Oft zeige sich das Problem, wenn die Eltern zerstritten seien und die Mutter oder der Vater die Löschung von Kinderbildern verlange.

Auch Patrick Fassbind, Amtsleiter der Kesb Kanton Basel-Stadt, sagt: Bei Abklärungen seiner Behörde tauchten regelmässig Bilder von Kindern auf – zum Beispiel auf Facebook, Instagram, Twitter oder Snapchat. Fassbinds Leute müssen immer wieder eingreifen und manchmal die Eltern sogar zwingen, die Bilder zu löschen.

Digitale Spuren bei über 80 Prozent der Zweijährigen

Tatsächlich kennen Eltern in der Schweiz heute kaum mehr Grenzen, wenn sie Bilder ihrer Kinder auf Facebook, Instagram oder anderen Portalen posten. Hunderttausende zum Teil unvorteilhafte Kinderbilder schwirren im Internet herum – für jedermann einsehbar. Verschlagwortet sind die Fotos mit Begriffen wie #mamiliebtdich, #stolzemama oder #mismeitli. Zu sehen sind Babys im Schlaf, mit verschmiertem Mund nach dem Essen, beim Schreien und Kleinkinder halbnackt im Bademantel.

Manche schrecken auch vor diffamierenden Kommentaren nicht zurück. Auf einem Schweizer Instagram-Account halten Eltern ihr Baby in die Kamera – ihr Kommentar dazu lautet: «Speckiiii».

Es ist ein Zeitgeistphänomen, dass Eltern ihre Kinder im Internet blossstellen. Mittlerweile hat sich dafür sogar ein eigener Begriff eingebürgert: «Sharenting». Dabei handelt es sich um eine Wortverschmelzung aus «parenting» (Erziehung) und «sharing» (teilen).

«Das System der Likes begünstigt ein immer tieferes Eindringen und Verletzen der Privatsphäre von Kindern.»Beitrag von Datenschutzexpertin Sandra Husi-Stämpfli und Kinderanwältin Rita Jedelhauser

2010 kam eine Studie des Internet-Sicherheitsunternehmens AVG zum Schluss, dass mittlerweile über 80 Prozent aller ­Kinder unter zwei Jahren digitale Spuren hinterlassen haben. Das können Fotos sein oder E-Mail-Adressen, welche die Eltern eingerichtet haben. In einer weiteren Studie hat das Deutsche Kinderhilfswerk untersucht, warum die ­Eltern Kinderbilder posten. Resultat: Sie sind stolz auf ihren Nachwuchs. Und sie möchten möglichst viele Likes ergattern – für den Erfolg ihrer eigenen Social-Media-Profile.

Die Folgen dieses Wahns sind gravierend. Das zeigt eine Analyse in der Zeitschrift «Jusletter». «Das System der Likes begünstigt ein immer tieferes Eindringen und Verletzen der Privatsphäre von Kindern», schreiben die Datenschutzexpertin Sandra Husi-Stämpfli und die Kinderanwältin Rita Jedelhauser in einem Beitrag. Fast immer, wenn die Eltern Bilder der Kinder posten, verletzen sie nämlich deren Persönlichkeitsrechte. Die Autorinnen kommen zum Schluss, dass Eltern generell auf die Publikation von identifizierbaren Kinderbildern im Internet verzichten sollten.

Pädophile können die Babybilder missbrauchen

Bislang gilt in der Schweiz eine inoffizielle Regel, wonach Kinder ab dem Alter von 14 Jahren gefragt werden sollen, ob die Eltern deren Bilder im Netz posten ­dürfen. Die Autorinnen Husi-Stämpfli und Jedelhauser plädieren dafür, Kinder bereits ab sechs Jahren um ihr Einverständnis zu fragen, «wenn Informationen über sie selbst veröffentlicht werden sollen».

Auf Gefahren weist auch das UNO-Kinderhilfswerk Unicef hin. Sharenting könne «dem Ruf der Kinder schaden», heisst es im neusten Unicef-Bericht «Kinder in der digitalen Welt». Problematisch ist das Verbreiten der Bilder, weil es zum Beispiel später «der Kreditwürdigkeit der Kinder in der Wirtschaft schaden» könnte. Kommt hinzu, dass unvorteilhafte Baby- und Kinderbilder bei der späteren Stellensuche hinderlich sein ­können. Gleichzeitig gibt es immer wieder Meldungen, wonach Pädophile die Kinderfotos missbrauchen.



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.05.2019, 07:20 Uhr

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