Kleinen Fluggesellschaften droht das Grounding

Wegen steigender Kerosinpreise und sinkender Einnahmen dürfte das Airline-Sterben noch lange nicht vorbei sein.

Fünf Pleiten in nur zwei Monaten: Neben Skywork verschwanden Azur Air, Small Planet (beide in Deutschland), VLM und Primera vom Himmel über Europa. Bild: PD

Fünf Pleiten in nur zwei Monaten: Neben Skywork verschwanden Azur Air, Small Planet (beide in Deutschland), VLM und Primera vom Himmel über Europa. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war ein unscheinbarer Zettel, der am Montag in den Büros des Londoner Flughafens Stansted an einer Wand klebte. Ein auf A4 ausgedrucktes Word-Dokument, das man leicht übersehen konnte. Doch der Text hatte es in sich. «Hiermit informieren wir darüber, dass das Flugzeug beschlagnahmt wird, bis die geschuldeten Gebühren beglichen sind.» Das Flugzeug war ein Airbus A321 der skandinavischen Billigairline Primera Air.

Warum die Fluggesellschaft ihre Flughafengebühren nicht gezahlt hatte, wurde am Abend ersichtlich. Primera stoppte alle Flüge und meldete Konkurs an.

Es ist in Europa die fünfte Airline-Pleite in zwei Monaten. In Belgien traf es die Regionalairline VLM, in Deutschland Azur Air und Small Planet Deutschland, und mit dem Ende der Berner Regionalairline Skywork ist auch die Schweiz betroffen. Glaubt man Branchenexperten und Kaderleuten, ist das Sterben in der Luftfahrtbranche noch lange nicht vorbei. «Das Verschwinden kleiner Airlines und weitere Konsolidierung sind unvermeidlich», kommentiert etwa Sebastian Zank vom Beratungsunternehmen Scope. Denn das Marktumfeld ist widrig. Der Markt ist so gut wie gesättigt. Laut Daten der Dienstleistungsfirma OAG überschneiden sich etwa die Streckennetze der grossen Billigflieger auf über 40 Prozent aller Destinationen. Das drückt die Preise. Vor allem kleine Fluggesellschaften haben es da schwer, mitzuhalten.

Um rentabel zu sein, braucht es mindestens 20 Flugzeuge

Grösse ist essenziell. Alle Fluggesellschaften, die in den letzten Monaten scheiterten, betrieben weniger als zehn Flieger. «Mittlerweile hat man es mit einer Flotte unter 20 Flugzeugen am Markt schwer», sagt auch Thomas Frischknecht, Geschäftsführer der Beratungsagentur 2AssistU.

Vor allem, wenn man auf Linienfliegerei setzt. Bei kleinen Airlines muss jede Strecke profitabel sein. Eine grosse Fluglinie kann es sich auch leisten, auf der ein oder anderen Strecke den Preis niedrig zu halten und so die Konkurrenz unter Druck zu setzen, obwohl sie dabei Geld verliert. Gesehen hat man das vor einer Weile in der Schweiz: Als 2014 Darwin Airline unter der Marke Etihad Regional Flüge ab Zürich zu Zielen in Europa anbot, grätschte Swiss hinein und griff auf denselben Strecken mit günstigen Angeboten an – erfolgreich. Etihad Regional musste aufgeben und nannte das «aggressive Verhalten» von Swiss als einen der Gründe.

Auch Veränderungen auf der Kostenseite können kleine Airlines stärker treffen. Der Kerosinpreis entwickelt sich analog zum Ölpreis, und das heisst: Seit 2016 steigt er kontinuierlich an. Die Nordseesorte Brent kostet heute 56 Prozent mehr als noch vor zwölf Monaten. Der Weltluftfahrtverband IATA schätzt, dass der Anteil des Treibstoffs an den operativen Kosten der Airlines dieses Jahr im Schnitt bei 22,5 Prozent liegt. Kein Wunder, dass die Pleite-Airlines den Treibstoffpreis als Mitgrund für ihren Bankrott nennen.

Grafik vergrössern

Nach einer Analyse des Marktumfelds und der prognostizierten Kerosinpreise habe man festgestellt, dass der Betrieb nicht mehr profitabel sein werde, hiess es denn auch von Primera Air. Laut Experte Frischknecht ist das aber nicht weit genug gedacht. «Ich würde es auch unter schlechtem Management verbuchen. Höhere Kerosinpreise – so etwas kann man auch antizipieren.»

Was er meint: Viele Airlines betreiben sogenanntes Fuel-hedging. Das heisst, sie sichern sich Kaufoptionen für Kerosin, wenn sie den Preis gerade für besonders günstig halten – im Grunde wie an der Börse. Doch es kann auch nach hinten losgehen. Air Berlin – im vergangenen Jahr pleitegegangen – hatte sich 2016 so verschätzt, dass das falsche Hedging zu Verlusten in Höhe von Dutzenden Millionen führte. Zudem ist Hedging nicht gratis. Gerade kleinere Airlines können sich die Prämien dafür nicht leisten.

Als letztes Mittel bleibt die Flucht in einen Verbund

«Sollte der Kerosinpreis wie erwartet weiter steigen, wird es für einige Airlines ziemlich brenzlig», kommentiert ein Manager einer grossen europäischen Fluggesellschaft. «Einige werden untergehen, und andere werden sich wohl in die Arme eines Verbundes retten müssen.»

Für einen potenziellen Übernahmekandidaten halten viele Branchenkenner die Billigairline Norwegian. Sowohl Swiss-Mutter Lufthansa als auch British-Airways-Mutter IAG schielen auf die Fluglinie. Doch noch ist sie zu teuer, obwohl die Geschäfte nicht sonderlich gut laufen. Erst gerade musste die Airline Strecken streichen. «Ich kann mir gut vorstellen, dass die potenziellen Käufer nur abwarten, bis Norwegian ein Schnäppchen ist», sagt Frischknecht dazu. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.10.2018, 21:17 Uhr

Artikel zum Thema

Skywork Airlines ist pleite – 11'000 Passagiere mit wertlosen Tickets

Die Berner Fluggesellschaft hat den Betrieb eingestellt. Über einhundert Angestellte sind betroffen. Mehr...

Flugplatz Bern-Belp verliert 60 Prozent aller Flüge

Die Skywork-Pleite führt zu einem Wegfall der Linienflüge und verursacht einen erheblichen Umsatzrückgang. Mehr...

Der Untergang der Schweizer Fluggesellschaften

Mit Skywork ist eine bedeutende Regional-Airline bankrott. Sie reiht sich ein in die Liste der gescheiterten Schweizer Fluglinien. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...