«Komplexes Lawinen-Problem»: Andermatt-Betreiber waren gewarnt

Beim Bau des Skigebiets Andermatt–Sedrun mussten auf Geheiss der Lawinenforscher mehrere Anlagen gekürzt werden. Die verschüttete Piste galt bereits vor der Eröffnung als gefährlich.

Schreck am Stephanstag: Eine Lawine verschüttet in Andermatt sechs Personen auf einer Skipiste. Video: Leserreporter

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Beinahe wäre es zur grossen Katastrophe gekommen in der neuen Skiarena Andermatt–Sedrun: Kurz vor 11 Uhr löste sich am Stephanstag eine Gleitschneelawine am Schneehüenerstock. Die Masse donnerte Richtung Oberalp-Pass quer über eine Piste im Gebiet Hinter Felli. Sechs Menschen wurden verschüttet, vier konnten sich aus eigener Kraft befreien. Zwei mussten mit leichten Verletzungen ins Spital.

Die verschüttete Piste war an jenem Donnerstag zum ersten Mal offen. Sie ist das Herzstück der neuen Skiarena und verbindet die Kantone Uri und Graubünden. Bei der Polizei läuft ein Verfahren – es geht auch um die Frage, ob bei der Freigabe der Piste alles korrekt gelaufen ist.

Die Recherchen zeigen jetzt: Bei der Beurteilung der Lawinengefahr waren die Betreiber der Skiarena auch schon zu optimistisch. Damals ging es um den Bau der ersten Anlagen und Stationen für das heute grösste Skigebiet der Zentralschweiz, das der ägyptische Investor Samih Sawiris angestossen hat.

So liessen die Betreiber der Skiarena ihre ersten Pläne für den Bau neuer Anlagen und Pisten vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) prüfen. Wie optimistisch die Betreiber waren, beschrieb SLF-Bauingenieur Mark Schaer 2017 im Forschungsmagazin «Diagonal». Darin heisst es: «Im Gebietsabschnitt Gütsch–Oberalppass sind drei Seilbahnen und rund fünfzehn Kilometer Pisten geplant. Anfänglich schätzten die Bergbahnen, dass dieses Gebiet nicht ernsthaft durch Lawinen gefährdet sei. Unsere Gutachten zeigten aber ein komplexes Lawinenproblem.»

Für seine Analyse verwendete Schaer eine Software, womit er Lawinenabgänge simulieren konnte. Er fand mehr als hundert potenzielle Anrissstellen. Letztlich erwies sich die Lawinengefahr laut dem SLF-Ingenieur bei sechs der acht vorgesehenen Standorte für Bahnstationen sogar als so gross, «dass ein Lawinenschutz mit vertretbarem Aufwand nicht möglich gewesen wäre und deshalb neue Standorte gesucht werden mussten». Zwei Anlagen mussten wegen der Lawinengefahr sogar «um mehrere Hundert Meter verkürzt werden» – der Lutersee- und der Schneehüenerstock-Flyer.

«Mehrere Dutzend potenzielle Lawinenanriss-Gebiete»

Die verschüttete Piste war schon damals als Gefahr ausgemacht worden. In einem Bericht der Naturschutzorganisation Pro Natura von 2017 heisst es: Die Piste durch Hinter Felli sei heikel. Die Lawinensituation erfordere «an schneereichen Tagen besondere Sicherungsmassnahmen». Zudem sei «der durch die Piste angeschnittene Hang recht steil. Erosionen sind dort sehr gut denkbar.»

Das bestätigt jetzt SLF-Inge­nieur Schaer, der am Pistensicherungskonzept mitgearbeitet hat. Im Gebiet der Piste Hinter Felli gebe es «mehrere Dutzend potenzielle Lawinenanriss-Gebiete», sagt Schaer. Es sei «aussergewöhnlich, wenn eine Piste durch ein solch komplexes Gelände führt». Wegen der vielen Anrissgebiete sei auch deren Sicherung – etwa durch Lawinensprengungen –schwierig. Meistens bleibe nur eine komplette Sperre. Für diesen Fall sei aber vorgesehen, dass die Skifahrer mit der Gondelbahn ins Tal befördert werden könnten.

Schaer betont aber auch, dass die Betreiber der Skiarena in ihrer Planung «vorbildlich» gehandelt hätten, indem sie das SLF schon früh einbezogen. Das Gebiet am Schneehüenerstock sei davor nur Skitourengängern bekannt gewesen. Es habe sich um ein Schönwettergebiet gehandelt. Bekannt gewesen seien grosse Lawinen, die bis auf die Passstrasse vorgedrungen seien. Erfahrungen mit Lawinen im neu erschlossenen Skigebiet hätten aber weitgehend gefehlt. «Die Betreiber müssen jetzt zuerst einige Jahre Erfahrungen sammeln mit Lawinen», sagt ­Schaer. Schliesslich komme es kaum vor, dass gleich ein gesamtes neues Gebiet mit Anlagen erschlossen werde.

Stefan Kern, Sprecher der Skiarena, hält fest, dass das mit dem SLF ausgearbeitete Sicherheitskonzept «permanent überprüft und angepasst» werde. Zurzeit seien bei der betroffenen Piste «Helikop­ter- und Handauslösepunkte definiert mit dem Ziel, die Lawinen vor der Pistenöffnung auszulösen». Im Übrigen habe man der Lawinengefährdung während der Planung des Skigebiets stets höchste Priorität beigemessen. Klar ist, dass die betroffene Piste heute Sonntag noch gesperrt bleibt. Es ist unklar, wann sie wieder öffnet.



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Erstellt: 29.12.2019, 11:17 Uhr

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