Krankenkassen wollen Vermittlern mehr zahlen

150 statt 50 Franken: Die Provisionen für die Anwerbung neuer Prämienzahler sollen erhöht werden.

Die Erhöhung der Vermittlergebühren lässt den Blutdruck der Versicherten steigen. Foto: John Rensten / Getty Images

Die Erhöhung der Vermittlergebühren lässt den Blutdruck der Versicherten steigen. Foto: John Rensten / Getty Images

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Das wird eine harte Diskussion mit den Mitgliedern der Sozial- und Gesundheitskommission des Ständerats: Am 21. August legen Vertreter von Krankenkassen und deren Verbänden ihre Vorschläge auf den Tisch, wie sie die Zusammenarbeit und die Entschädigung externer Vermittler regeln wollen. Die Erwartungshaltung an die Branche sei hoch, sagt der freisinnige Kommissionspräsident, Joachim Eder.

Es geht um einen Topf, der jährlich mehr als 400 Millionen Franken verschlingt, davon rund 40 Millionen in der Grundversicherung. Nachdem die Fernsehsendung «Kassensturz» im vergangenen Herbst enthüllte, dass der Berner Krankenversicherer Visana Vermittlern bis zu 1500 Franken für einen neuen Kunden in der Grundversicherung bezahlt hatte, reichten Ständerätin Pascale Bruderer und Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo je eine Motion im Stände- und Nationalrat ein.

Die beiden Sozialdemokratinnen fordern, der Bundesrat solle die Höhe der Entschädigungen von Vermittlern in der Grundversicherung regeln können. Der Bundesrat nahm den Vorstoss an. Danach erhielten die Krankenversicherer von der Gesundheitskommission des Ständerats eine letzte Chance, das Problem selbst zu lösen. Die Kommission unterstützte im Januar «Bestrebungen der Krankenversicherer, unverhältnismässig hohen Vermittlerprovisionen einen Riegel zu schieben», und zwar ­sowohl in der Grund- als auch in der privaten Zusatzversicherung. Denn Provisionen für die Anwerbung von Grundversicherten dürfen nicht aus Mitteln der Zusatzversicherung bezahlt werden.

Der Aufwand müsse gedeckt sein, lautet das Argument

Die für die Aufsicht über dieses Geschäft zuständige Finanzmarktaufsicht intervenierte deswegen bei Kassen, die Vermittler exzessiv bezahlt haben. Kommissionspräsident Eder sagt, es sei richtig, dass der Staat auch im Bereich der Zusatzversicherungen gewisse Leitplanken bei der Entschädigung von Vermittlern prüfe. «Wie das gemacht werden soll, ist die grosse offene Frage.»

Antworten darauf liefert eine Arbeitsgruppe, der die Chefs der sieben Krankenkassen-Gruppen Assura, Concordia, CSS, Groupe Mutuel, Helsana, Swica und Visana angehören. Sie hat Eckpfeiler für eine neue Branchenverein­barung ausgearbeitet, wie mehrere voneinander unabhängige Quellen bestätigen. Der Sprecher der Arbeitsgruppe, David Müller von der Visana, will die Informationen «zum jetzigen Zeitpunkt weder dementieren noch bestätigen». Das sind die Vorschläge:

  • Die Provision für die Anwerbung eines neuen Kunden in der Grundversicherung wird auf 150 Franken angehoben. Müller sagt, die Entschädigung müsse die entstehenden Aufwände decken. In der aktuellen Branchenvereinbarung des Kassenverbands Santé­suisse ist die Entschädigung auf 50 Franken beschränkt. Die Visana hatte diese Vereinbarung als einzige grosse Kasse nicht unterschrieben – deshalb der Exzess mit den 1500 Franken.
  • Die Provision für den Abschluss eines Zusatzversicherungsprodukts beträgt höchstens eine Jahresprämie. Das sind laut Insidern im Schnitt 500 bis 800 Franken pro Produkt. Am meisten verdient ein Vermittler beim Abschluss von ­Spitalzusätzen. Dann erhält er je nach Quelle bis gegen 2000 oder 3000 Franken.
  • Die «Qualitätsstandards für die Zusammenarbeit mit Vermittlern und das Telefonmarketing» des Kassenverbands Curafutura gelten neu für alle Anbieter. Die Vereinbarung verlangt, den telefonischen Erstkontakt mit potenziellen Neukunden – die sogenannte Kalt­akquise – zu unterbinden. Sie dürfen also keine unerwünschten Anrufe von Callcenter-Mitarbeitern erhalten. Vermittler müssen über eine Grundausbildung verfügen und entweder bei der Finanzmarktaufsicht registriert sein oder das Gütesiegel Cicero erworben haben. Diese Zertifizierung erhält, wer eine dafür nötige Schulung über die Versicherungsberatung erfolgreich absolviert hat.
  • Krankenkassen, die gegen die Richtlinien der Branchenverein­barung verstossen, werden sanktioniert. Die Ausgestaltung der Sanktionen werde derzeit noch diskutiert, sagt David Müller. Offen ist, welche Rolle dabei die zuständigen Aufsichtsstellen übernehmen können. Dafür bräuchte es eine gesetzliche Grundlage.

Die Vorschläge zur Selbstregulierung durchzubringen, wird nicht einfach. Denn die jetzigen Branchenvereinbarungen der Kassenverbände Curafutura und Santésuisse erwiesen sich als «zahnlose Papiertiger», wie selbst Branchenvertreter einräumen. Daher sagt Ständerätin Bruderer: «Die Krankenversicherer haben in der Frage des Verbots von Kaltakquisen per Telefon sowie der Vermittler-Provisionen viel Vertrauen verspielt.»

Zudem hätten Provisionen in der Grundversicherung nichts verloren: «Darum stehe ich einer Erhöhung von 50 auf 150 Franken skeptisch gegenüber.» Akzeptabel sei dies nur, wenn es eine für alle Kassen verbindliche Lösung gebe, die auch Sanktionsmöglichkeiten für Kassen enthalte, die gegen die Abmachungen verstossen. «Das vermag die Selbstregulierung allein nicht sicherzustellen», sagt Bruderer: «Wenn schon, muss diese gesetzlich untermauert werden.» Eine gesetzliche Lösung fordert auch Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Stiftung für Konsumentenschutz. Deren Präsidentin ist Nationalrätin Birrer-Heimo.

Kommissionspräsident Joachim Eder verlangt von den Krankenversicherern ebenfalls Lösungen, die für alle Anbieter verbindlich sind. Es müsse möglich sein, «Verstösse von Versicherern gegen die Vereinbarung zu sanktionieren». Etwas anderes sei politisch nicht mehrheitsfähig: «Sonst ist das Risiko gross, dass die Politik verlangt, der Bundesrat solle Vorschriften zur Entschädigung von Vermittlern erlassen.»

Die eigenen Reihen sind nicht geschlossen

Dazu kommt: Selbst Kassenvertreter befürchten, die Vereinbarung über die Provisionen könnte umgangen werden, wenn sie nicht hieb- und stichfest ausgestaltet ist. Felix Schneuwly, Krankenversicherungsexperte des Internetvergleichsdiensts Comparis, sagt: «Bevor eine Maximalprovision festgelegt werden könne, braucht es Transparenz darüber, wie die Kosten für die Akquisition neuer Kunden intern verrechnet werden.» Es müsse klar sein, welche Leistungen mit der Provision abgegolten werden: «Nur so lässt sich verhindern, dass die Vereinbarung ausgehebelt werden kann.»

Dass Kosten für externe Vermittler intern verrechnet werden und damit die Vereinbarung umgangen werden könne, schliesst Arbeitsgruppensprecher David Müller aus: «Die bestehenden Rechnungslegungsvorschriften verunmöglichen eine solche Praxis.»

Ein weiteres Problem der Krankenversicherer ist, dass die eigenen Reihen nicht geschlossen sind. So sträubt sich Sanitas mit mehr als 560'000 Grundversicherten zwar nicht mehr gegen eine Deckelung der Provisionen externer Vermittler. Allerdings verlange Sanitas laut Sprecherin Riccarda Schaller, dass die Frage der Entschädigung nicht mittels einer Branchenvereinbarung geregelt werde, die allenfalls noch mit einer Allgemeinverbindlichkeit gekoppelt werde. Es solle zwei Lösungen geben, eine im Gesetz für die obligatorische Grund- und eine im Gesetz für die private Zusatzversicherung: «Damit wäre eine adäquate Regelung im Sinne einer klaren Trennung von Sozial- und Privatversicherungsrecht gewährleistet.»

Im Klartext heisst das: Die Politik soll das Problem regeln. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.07.2018, 20:44 Uhr

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