Kritik an Krediten der Credit Suisse

Ein NGO-Bericht bringt die Schweizer Bank in Verbindung mit der Zerstörung der Tropenwälder.

Gerodete Fläche in der Nähe des Naturreservats Dja, Juli 2018. Foto: Greenpeace

Gerodete Fläche in der Nähe des Naturreservats Dja, Juli 2018. Foto: Greenpeace

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Vom All aus gesehen, wirkt der Tropenwald noch intakt: ein grünes Band, mehr als 2000 Kilometer lang, quer durch Äquatorialafrika – von den grossen Seen im Osten bis zum Golf von Guinea im Westen. Auf den Satelliten­bildern wirken die Spuren der ­Menschen, ihre Dörfer, Felder oder Strassen, wie winzige ­Löcher in diesem Band.

Zoomt man jedoch näher heran und richtet den Fokus auf das Dorf Mvomeka im Süden Kameruns, bemerkt man seltsame helle Flecken, die in ihrer rundlichen Form an die beiden Lappen des menschlichen Gehirns erinnern. Das sind die Zeichen von starken Rodungen, um Platz für riesige Kautschukplantagen zu schaffen. Auf 116 Quadratkilometern, einer Fläche etwa so gross wie die Kanalinsel Jersey, wurde der seit Jahrhunderten von Pygmäen-Völkern bewohnte Tropenwald abgeholzt und durch endlose Reihen von Kautschukbäumen ersetzt. Der Milchsaft dieser Pflanzen dient der Herstellung von Reifen, aufblasbaren Bällen, medizinischen Handschuhen oder Kondomen.

Die Waldbrände im Amazonasgebiet und in Südostasien bewegten diesen Sommer die ganze Welt. Nun hat jedoch die NGO Global Witness Ende September einen ­Bericht veröffentlicht, der das ­Problem der Zerstörung tropischer Regenwälder aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet: Zwischen 2013 und 2019 haben 300 internationale Banken und ­Finanzunternehmen insgesamt 44 Milliarden US-Dollar in jene sechs Landwirtschaftsunternehmen investiert, die am stärksten für die Zerstörung des Regen­waldes verantwortlich sind.

Rodungen bedrohen Gorillas, Schimpansen und Elefanten

Der Bericht enthält eine ­Rangliste, aus welchen Staaten die meisten Banken kommen. An erster Stelle steht Brasilien, wo unter anderem riesige Rindfleischproduzenten wie JBS, Minerva oder Marfrig ­finanziert wurden. Die Schweiz liegt auf Platz 10 mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 1,6 Milliarden Franken.

Fast alle Schweizer Investitionen kommen von einer einzigen Bank: der Credit Suisse. Das ­Zürcher Unternehmen finanzierte auch den Konzern Halcyon Agri aus Singapur, der mitten im Tropenwald von Kamerun Kautschukplantagen anlegte. 2015 und 2017 gewährte die CS gemeinsam mit anderen internationalen Banken Kredite in der Höhe von 388 Millionen Dollar und ­organisierte ­weitere 150 Millionen Dollar an Darlehen.

Halcyon Agri ist der weltweit führende Anbieter von Naturkautschuk. Seine grössten Plantagen hat das Unternehmen 2016 vom chinesischen Konzern Sinochem übernommen. Sie befinden sich in Kamerun. In den folgenden zwei Jahren wurden laut der Umweltschutzgruppe Greenpeace 23 Quadratkilometer Dschungel abgeholzt, um Platz für weitere Plantagen zu schaffen.

 Die Kredite hätten nicht direkt Aktivitäten in Kamerun unterstützt. Zudem seien sie vergeben worden, bevor Greenpeace 2018 den durch Plantagen verursachten Schaden öffentlich machte.

Besonders kritisch sind die ­Rodungen, weil sie in unmittelbarer Nähe zum Tierreservat Dja stattfinden, einem der bedeutendsten Naturschutzgebiete Afrikas. Obwohl das ­Gebiet zum Weltkulturerbe erklärt wurde, nimmt aufgrund des ­Bevölkerungsdrucks und der ­Wilderei die Zahl der Elefanten, Gorillas und Schimpansen ständig ab.

Ein neuer, im Sommer veröffentlichter Bericht der Unesco prangert nun auch die negativen Folgen der Kautschukplantagen für das Dja-Reservat an: Abgesehen von den Rodungen würden auch Tausende Arbeiter angesiedelt werden. Die Ureinwohner müssten weichen, da ihre Jagd­gebiete zerstört seien. Hinzu ­komme der Einsatz von Pestiziden ­sowie die Einfuhr invasiver Pflanzenarten.

In Zeiten des Klimanotstands und des Verlustes der Vielfalt müsse der Tropenwald unbedingt ­erhalten bleiben, fordert Greenpeace. «Was hier geschah, ist skandalös», sagt Unesco-Experte Guy ­Debonnet, der die Lage vor Ort untersuchte. Global Witness verweist auf interne Richtlinien der CS, wonach «grundsätzlich keine in den primären Tropenwäldern tätigen Forst- oder Agrarunternehmen finanziert oder beraten werden». Die Bank hätte Halcyon Agri niemals finanzieren dürfen.

Zu diesem Widerspruch befragt, sagt die Credit Suisse, dass mit ­Halcyon Agri über «die Bewirtschaftung des Waldes, den ökologischen Wert und die Rechte indigener Völker» gesprochen worden sei. Die Kredite hätten nicht direkt Aktivitäten in Kamerun unterstützt. Zudem seien sie vergeben worden, bevor Greenpeace 2018 den durch Plantagen verursachten Schaden öffentlich machte.

Kautschukkonzern will künftig Tropenwald erhalten

Tatsächlich führten die kritischen Berichte der NGO und der Unesco bereits zu Veränderungen: Der Chef und Gründer von Halcyon Agri, der Deutsche Robert Meyer, ordnete im Dezember 2018 die vollständige Einstellung der Rodungen in jenen Gebieten Kameruns an, in denen das Unternehmen Konzessionen für die Kautschukgewinnung besitzt. Die Firma spricht von «Altlasten», die mit der Arbeitsweise des früheren Eigentümers der Plantage zu tun hätten. Halcyon Agri arbeitet nun mit dem WWF zusammen, hat eine Partnerschaft mit dem Tierreservat Dja geschlossen und plant, 70 Prozent des Waldes auf seinem Konzessionsgebiet zu erhalten.

«Wir sind führend bei verantwortungsbewusster Gummiproduktion», sagt Ryan Wiener, der ­Manager einer Halcyon-Tochter. Wiener bezeichnet es als kontraproduktiv, wenn sich die Medien zu sehr auf die Vergangenheit konzentrierten: «Gehen wir, besteht die Gefahr, dass jemand anderes den Wald bekommt, der unsere Sorgen um Umwelt und regionale Entwicklung nicht teilt.»

Über den Versprechen des Unternehmens hängt jedoch ein dunkler Schatten der Politik. ­Halcyons Minderheitspartner ist die kamerunische Firma SPPH. Niemand weiss, wem sie gehört. Es gibt aber Gerüchte in Kamerun, wonach SPPH von Verwandten oder Freunden des Staatspräsidenten kontrolliert werde. In diesem Punkt, erklärt Sylvie Djacbou von Greenpeace Afrika, «werden wir Kameruns Regierung zu mehr Transparenz auffordern».



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Erstellt: 07.10.2019, 21:58 Uhr

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