LKW-Chauffeure fürchten sich vor Dumpinglöhnen

Schweizer Chauffeure unter Druck: Spediteure setzen auf günstige Ausländer.

Billigkonkurrenz für Schweizer Transporteure: LKW aus der Slowakei bei der Kontrolle in Erstfeld UR.

Billigkonkurrenz für Schweizer Transporteure: LKW aus der Slowakei bei der Kontrolle in Erstfeld UR. Bild: Michele Limina

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Auf einem slowakischen Stellenportal sucht die Transportfirma Galliker einen neuen Langstrecken-Chauffeur. Erfahrung brauche es nicht. Aber den richtigen Führerausweis, um durch Europa zu fahren. 670 Euro brutto pro Monat zahlt der Schweizer Spediteur dafür, dazu 62 Euro Spesen am Tag. So steht es im Inserat, das die slowakische Tochterfirma aktuell ausschreibt.

Dieses Gehalt sei «üblich, sogar leicht über» dem gängigen Ansatz vor Ort, sagt Geschäftsführer Peter Galliker. Neben jener Firma in der Slowakei betreibt er auch Standorte in Belgien oder Italien. Und ist damit keine Ausnahme unter den Fuhrhaltern. «Fast alle grossen Anbieter haben Niederlassungen in anderen Ländern eröffnet, um ausländische Fahrzeuge einzulösen und ausländische Fahrer anzustellen, die günstig durch Europa fahren», sagt David Piras, Chef des Fahrerverbands Routiers Suisses.

670 Euro plus Spesen: Inserat von Galliker auf slowakischem Jobportal.

Planzer Transport hat Standorte in Italien, Luxemburg, Deutschland und Frankreich. Mitarbeitern zahle man dort «einen Lohn, welcher im jeweiligen Land über dem Branchendurchschnitt liegt», sagt Sprecher Jan Pfenninger. Europaweite Transporte vergebe man nur noch selten an Schweizer, «da solche Aufträge aufgrund des Lohnkostenniveaus nicht mehr rentieren».

Bei Giezendanner Transport gehen noch Langstrecken an heimische Fahrer. «Doch meistens nur noch in spezialisierten Gebieten, welche eine hohe Ausbildung und Expertise benötigen», sagt Chef Benjamin Giezendanner.

Vermittler aus Rumänien und Polen locken Fahrer an

Aber auch für Transporte in der Schweiz selbst werden immer mehr ausländische Fahrer angeheuert, wie die Suche in osteuropäischen Stellenportalen zeigt. «Wir bieten langfristigen Arbeitsvertrag mit Schweizer Arbeitgeber», so ein Vermittler aus Polen. Eine gewisse Natalia aus der Slowakei preist «Arbeit in der Schweiz als LKW-Fahrer» an. Das rumänische Portal Viajob listet Stellen in Zürich, Basel und Genf auf, «die besten Angebote mit attraktivsten Löhnen». Welche Firmen hinter den Aufträgen stehen und ob auch grosse Schweizer Spediteure dabei sind, bleibt offen.

Gut 4000 Franken brutto im Monat versprechen die Inserate. Also deutlich weniger, als Camionneure in der Schweiz erhalten. «So sind wir nicht mehr mit Chauffeuren aus dem Ausland konkurrenzfähig», sagt Gewerkschafter Piras. Das Lohnregulativ der Branche sieht etwa für Zürich ab dem ersten Jahr 4400 Franken vor. «Rechnet man Erfahrung an, kommen Schweizer Chauffeure im Durchschnitt auf 5000 Franken», so Piras. «Was kaum reicht, um vernünftig zu leben.»

3469 Ausländer holten eidgenössischen Führerschein

Schutz bietet das sogenannte Kabotageverbot. Es untersagt ausländischen Anbietern den Transport von Gütern innerhalb der Schweiz. Nur gilt es nicht für Schweizer Firmen, die Kurzaufenthalter und Grenzgänger anstellen. Wenn diese ihren ausländischen Führerschein gegen einen eidgenössischen umtauschen, sind sie legal unterwegs.

3469 Chauffeure haben dies im vergangenen Jahr gemacht – gemäss Vereinigung der Strassenverkehrsämter mehr als doppelt so viele wie 2013. «Die Zahl der Chauffeure, die ihren Fähigkeitsausweis aus dem Ausland in der Schweiz umtauschen lassen wollen, liegt weit über dem Volumen der in der Schweiz ausgebildeten Strassentransportfachleute», steht im Jahresbericht. Laut diesem haben gleichzeitig nur 210 angehende Camionneure die Lehre abgeschlossen.

«Das Transportgewerbe leidet unter Nachwuchsmangel, da offenbar akademische Berufe immer mehr Jugendliche anziehen», sagt André Kirchhofer, Vizedirektor des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbands Astag. Die Nachfrage nach Transporten aber steige so stark, «dass es unumgänglich ist, ergänzend Chauffeure aus dem Ausland beizuziehen».

Tatsächlich setzen alle grossen Fuhrhalter auf Grenzgänger und Kurzaufenthalter. Bei Galliker machen sie in der Schweiz 15 Prozent aller Fahrer aus. Planzer beschäftigt rund 400 entsprechende Fahrer. Gleichzeitig sind 600 aus der Schweiz angestellt (ohne Vertragsfahrer). Und bei Giezendanner Transport kommen rund 70 Grenzgänger und Kurzaufenthalter auf 120 einheimische Chauffeure. Die Unternehmen betonen, sich bei den Gehältern immer an das gültige Lohnregulativ zu halten, unabhängig der Herkunft der Fahrer.

Setzt sich EU durch, ist dies das Aus für Schweizer

Zumindest sind diese Chauffeure legal unterwegs. Laut Bundesrat transportieren aber auch immer mehr ausländische Firmen und Fahrer zu Unrecht innerhalb der Schweiz Güter. In der Antwort auf einen Vorstoss hiess es schon 2015: «Das Transportgewerbe gerät durch Verstösse gegen die Kabotagevorschriften unter zusätzlichen wirtschaftlichen Druck. Dies widerspiegeln die Anzeigen, Meldungen und Aufdeckungen bei den Vollzugsorganen.» Allerdings liessen sich solche Gesetzesbrüche «nur schwer nachweisen».

Verstösse gegen das Kabotageverbot sind laut Gewerkschafter Piras ärgerlich. «Richtig Angst macht uns, dass es ganz abgeschafft werden soll.» Die EU stört sich daran, dass nur inländische Firmen in der Schweiz Güter transportieren dürfen. Sie will dies offenbar im geplanten Rahmenabkommen ändern. Dann könnten auch ausländische Anbieter hierzulande Aufträge ausführen. «Das wäre wohl der Untergang der Schweizer Chauffeure», sagt Piras. Er hat Bundesrat Ignazio Cassis jetzt einen Brief geschickt, in dem er den Verlust von 80'000 Jobs in der Transportbranche voraussagt.

Auch die Astag hat sich schon an den Bundesrat gewandt. Vor einem Monat legte der Verband eine Studie vor, die immerhin 5000 Stellen in Gefahr sieht. In der Medienmitteilung steht: «Bei einer Lockerung muss mit einer massiven Zunahme von ausländischen Lastwagen gerechnet werden, die das Schweizer Transportgewerbe mittels Lohn- und Sozialdumping in den Ruin treiben.»

Benjamin Giezendanner stellt sich ebenfalls hinter das Kabotageverbot. «Wenn es fällt, fallen die Löhne auch in der Schweiz ins Bodenlose.» Es wäre das Aus der Schweizer Chauffeure, die zur Abwanderung in andere Berufe gezwungen wären. «Als Folge dieser abwärtsgerichteten Preisspirale müssten wir ausländische Fahrer für tiefe Löhne einstellen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2018, 11:50 Uhr

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