Label-Betriebe fallen bei Tierschutz-Kontrollen durch

Viele Ferkel leiden bei der Kastration – auch auf Naturafarm-Höfen. Der Bund prüft nun eine Gesetzesverschärfung.

Unglücklicher Glücksbringer: Bei der Kastration müssen viele männliche Ferkel leiden – trotz klarer gesetzlicher Vorschriften. Foto: Martin Rütschi/Keystone

Unglücklicher Glücksbringer: Bei der Kastration müssen viele männliche Ferkel leiden – trotz klarer gesetzlicher Vorschriften. Foto: Martin Rütschi/Keystone

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Mehr als 34'000 Tonnen Frischfleisch vom Schwein gingen im letzten Jahr über Schweizer Verkaufstheken. «Der erklärte Liebling der Nation», schreibt die Plattform Schweizer Fleisch. «Es ist zart, feinfaserig und hat eine schöne rosa Farbe.» Damit auch der Geschmack stimmt, werden männliche Schweine in der Regel kastriert. Sonst entwickeln sie ab der Geschlechtsreife einen Geruchsstoff, der den Geschmack des Fleisches erheblich beeinträchtigen kann.

Seit 2010 muss der Eingriff schmerzfrei erfolgen. Nach langen Diskussionen verpflichtete sich die Branche, Narkosegeräte wie den Pig-Sleeper oder den PorcAnest 3000 anzuschaffen. Fünf Millionen Franken investierte sie. «Das war vorbildlich», sagt Hansuli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes (STS). «Bund und Kantone überprüften in der Folge aber kaum, ob die Apparate auch korrekt genutzt werden.»

Vier von zehn Betrieben fallen durch

Drei Urteile erfolgten 2016 gegen Bauern, weil sie nicht schmerzfrei kastrierten. Bei rund 7000 Betrieben mit Schweinen eine sehr tiefe Quote. Also stellten die Tierschützer eigene Nachforschungen an. «Gemeinsam mit Coop suchten wir zehn Label-Betriebe aus, von kleinen Höfen bis zu Grossbetrieben», sagt Cesare Sciarra, Leiter Kontrolldienste STS. Er betont, dass die Auswahl risikobasiert erfolgte. Also bei Bauern, die man bereits im Verdacht hatte, nicht sauber zu arbeiten.

Die Resultate erstaunen trotzdem. Vier von zehn Betrieben ­fielen durch. «Das ist eine bedenkliche Quote», sagt Sciarra. «Umso mehr, weil wir nur Naturafarm-Betriebe untersucht haben, die hohe Anforderungen erfüllen müssten.» Es sei zu befürchten, dass die Resultate bei Anbietern ohne Label noch schlechter wären. Für ihre Analysen verglichen die Kontrolleure die Zahl der Ferkel, der Kastrationen und die Käufe von Isofluran, dem Betäubungsgas. Auf einem Betrieb wurde demnach rund jedes dritte Schwein nicht narkotisiert. Zwei andere Bauern kauften 2010 zwar ein Gerät, seither aber so gut wie nie Gas. Ein vierter Anbieter setzte bis 2016 kein einziges Mal Isofluran ein.

Bund: «Resultate nicht mit gutem Gewissen vereinbar»

Die Kontrolleure stiessen auf weitere Mängel. Einige Landwirte hatten ihre Geräte trotz Fehlfunktionen nicht gewartet. «Oder sie liessen die hochsensiblen Instrumente ohne jede Pflege im dreckigen, verstaubten Stall stehen», sagt Sciarra. Noch ist offen, ob der STS gegen die Betriebe Anzeige erstattet. Sie wurden mit den Resultaten konfrontiert und haben nun Zeit, Stellung zu beziehen.

Coop selbst verweist darauf, dass die Ergebnisse nicht auf alle Naturafarm-Betriebe übertragbar seien. «Eben weil die Kontrollen risikobasiert erfolgten», sagt Damian Santschi, Projektleiter Tierwohl. «Natürlich sind solche Resultate immer ärgerlich. Wir schauen dafür auch viel genauer hin als andere Anbieter.» Die Untersuchung des STS habe Coop in Auftrag gegeben und finanziert. Wer so genau kontrolliere, stosse verständlicherweise auch auf Mängel. «Wir wollen nicht wegschauen, sondern die Probleme angehen.»

Impfung schade dem Image des Fleisches

Das gilt auch in Bern. «Wir ­haben beschlossen, dass wir etwas unternehmen müssen, um eine ­zuverlässige Schmerzausschaltung sicherzustellen», sagt Kaspar Jörger, Leiter Tierschutz beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Die Ergebnisse der STS-Kontrollen seien «nicht mit einem guten Gewissen vereinbar». Derzeit würden Merkblätter erarbeitet für die Bauern, mit dem Branchenverband sei für dieses Jahr eine Informationskampagne geplant. Zudem sollen die Kantone bei künftigen Kontrollen spezifisch auf die verbrauchten Isofluran-Mengen achten. «Und wir prüfen, eine regelmässige Wartung der Narkosegeräte im Gesetz zu verankern», sagt Jörger.

Er erinnert daran, dass es viel einfacher gehen würde. Statt einer Kastration der Ferkel gibt es eine Impfung, welche die Entwicklung der Hoden und des Geruchsstoffs unterbindet. «Leider lehnt die Branche diese Methode ab. Aus Angst, dass eine Impfung dem Image des Fleisches schadet.» ­Zuletzt hätten sich die Anbieter 2016 für die Kastration ausgesprochen. «Dann muss man sie jetzt auch richtig durchführen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 19:16 Uhr

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