Lehrer, Bauern und Katholiken gegen 5G

Anwohner in der ganzen Schweiz wehren sich gegen geplante Antennen – derzeit sind über 300 Einsprachen hängig.

Antennen, bei denen die Sendeleistung erhöht wird, brauchen eine Baubewilligung. Foto: Keystone

Antennen, bei denen die Sendeleistung erhöht wird, brauchen eine Baubewilligung. Foto: Keystone

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Noch dieses Jahr sollte das Mobilfunknetz der neusten Generation bereitstehen. Doch vielerorts verzögert sich der Ausbau auf 5G. «Die Bevölkerung hat quasi selbst ein Moratorium herbeigeführt», sagt Rebekka Meier vom Verein «Schutz vor Strahlung».

Dieser stellt sich entschieden gegen die neue Technik. In einer Mitteilung von dieser Woche steht: «Befindet man sich in einem Antennenstrahl, können leichte bis schwere Gesundheitsschäden entstehen.» Besonders gefährdet seien Kleinkinder und Menschen mit Herzschrittmachern. «Ebenso kann es bei Tankstellen oder Wasserstofftanks zu Funkenbildung und damit zu Bränden kommen.»

Solche Warnungen treffen offenbar einen Nerv. «Täglich melden sich Leute, die wissen wollen, was sie gegen 5G unternehmen können», sagt Meier. Den klassischen Gegner gebe es nicht. «Im Kanton Bern sorgte sich eine Klavierlehrerin um die Gesundheit der Schüler. In Luzern wehrt sich eine Gruppe von Katholiken, weil sie Schäden an der Natur und somit Gottes Schöpfung befürchten.» Anwälte hätten sich gemeldet, aber auch Bauern. «Das politische Spektrum reicht von konservativ bis zu grün», sagt Meier.

Eine Anruferin war 17 Jahre alt. Zu jung, um selbst Rekurs einzulegen. «Sie wollte wissen, wie sie dennoch gegen eine geplante Antenne vorgehen kann.» Nur die wenigsten Gegner sind laut Meier esoterisch angehaucht. «Stattdessen melden sich auch immer häufiger direkt Gemeindemitarbeiter, die sich im Namen der Bevölkerung wehren möchten.»

Laut Sunrise brauchtes über 15'000 Standorte

Wichtigstes Werkzeug im Kampf gegen 5G ist ein Rekurs bei der Gemeinde. Denn Antennen, bei denen die Sendeleistung erhöht wird, brauchen eine Baubewilligung. Nun hat der Verein 326 Gesuche unter die Lupe genommen, welche die Mobilfunkanbieter zwischen Juni und September für Antennen eingegeben hatten. Gegen 320 wurde gemäss Erhebung Einsprache erhoben. Häufig nicht durch Einzelpersonen, sondern durch eigens gebildete Gemeinschaften. So wurde diese Woche bekannt, dass sich in Thun BE 353 Bürger gemeinsam wehren, in Stans­stad NW sind es rund 200. Und in Arbon TG wollen 370 Einwohner keine 5G-Antenne in der Badi.

Als Reaktion auf die Rekurse haben viele Gemeinden den Ausbau sistiert. Meist bleiben die Projekte solange auf Eis gelegt, bis Klarheit besteht. Diese will das Bundesamt für Umwelt schaffen: Eine Arbeitsgruppe evaluiert derzeit die Risiken und Bedürfnisse von 5G. Noch im laufenden Jahr soll der Bericht vorliegen.

Sunrise gibt an, bereits 262 Orte abzudecken in der Schweiz. Es könnten aber deutlich mehr sein. «Aktuell befinden sich über 50 Prozent der baubewilligungspflichtigen Aus- und Neubauten unter Opposition», sagt Mediensprecher Rolf Ziebold. Mit der Folge, dass es vielerorts noch kein 5G gibt. «Wirtschaft und Konsumenten können entsprechend nicht von den Vorteilen profitieren.» Laut Ziebold werden in der Schweiz für die drei Mobilnetzbetreiber konservativ berechnet über 15 000 neue 5G-Standorte nötig sein für eine durchgehende Abdeckung. «Eben weil die vorgeschriebenen Grenzwerte der Strahlung im Vergleich zum Ausland bis zu zehnmal tiefer sind.»

Swisscom wiederum könne die Daten von «Schutz vor Strahlung» nicht bestätigen, sagt Mediensprecherin Sabrina Hubacher. «Bei rund einem Drittel aller Baugesuche gehen Einsprachen ein.» Zum heutigen Zeitpunkt habe Swisscom rund 200 Mobilfunkantennen in 120 Orten mit 5G aufgeschaltet. Man plane nach wie vor, bis Ende Jahr 90 Prozent der Bevölkerung zu versorgen.



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Erstellt: 15.09.2019, 14:24 Uhr

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