Lesen, schaudern, staunen, lächeln

Die Wissen-Redaktion empfiehlt Sachbücher über astronomische Geheimnisse, skurrile Krankheiten, chemische Vorgänge in der Küche oder über ­Fragen zu Gott, zur Welt und zum Fortschritt.

Eine Alchisme-Buckelzikade beschützt ihren Nachwuchs: Im Fotoband «Wildlife» meint man sie selbst zu beobachten. Bild: Javier Aznar González de Rueda

Eine Alchisme-Buckelzikade beschützt ihren Nachwuchs: Im Fotoband «Wildlife» meint man sie selbst zu beobachten. Bild: Javier Aznar González de Rueda

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Fragen, auf die man selbst nicht kommtGábor Paál: «Warum fallen Wolken nicht vom Himmel?» Hirzel-Verlag, ca. 30 Fr.

Warum fliessen Flüsse wie der Rhein sogar in der Ebene schnell, obwohl es kaum Gefälle gibt? Gibt es Bäume ohne Jahresringe? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? Der deutsche Radiojournalist Gábor Paál beantwortet sehr unterhaltsam Fragen, die man sich selbst noch nicht gestellt hat. Die Antworten sind lehrreich: So fliessen Wassermoleküle wegen des geringen Widerstands untereinander fix gen Meer. Tropenbäume haben kaum sichtbare Jahresringe. Doch auch sie wachsen mal stärker und mal schwächer, was bei unseren Bäumen im Winter dunkle Ringe und im Sommer helle erzeugt. Und Wolken fallen nicht vom Himmel, weil sie aus winzigen Tropfen bestehen. Schliessen sich diese aber zu grösseren zusammen, fallen sie – als Regen.

Geschichten, auf die man selbst nicht kommtYuval Noah Harari: «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert» Verlag C. H. Beck, ca. 37 Fr.

Der israelische Starautor Yuval Noah Harari ist Historiker. Vor allem ist er ein grossartiger Erzähler. Nach «Eine kurze Geschichte der Menschheit» und «Homo Deus» schreibt Harari in seinem dritten Bestseller, die Menschheit hätte vor 80 Jahren aus drei grossen Narrativen auswählen können: Faschismus, Kommunismus und Liberalismus. Alle drei hätten sich als Irrtümer entpuppt. Das nächste Narrativ, so Harari, müsse sitzen, sonst werde es bald keinen Platz mehr für die Menschheit geben. Der Schlüssel dazu, so Harari, sei die Klärung der Frage, wie sich Mensch und Computer unterscheiden. Für einige – darunter auch Autoren dieser Zeitung – ist der Israeli deshalb ein Klugscheisser. Wir denken, es lohnt sich, Zeit mit seinen Überlegungen zu verbringen.

Sammelsurium von WissenshäppchenMathieu Vidard: «Science to go – Merkwürdiges aus der Wissenschaft», DTV-Verlag, ca. 28 Fr.

Der französische Radiojournalist Mathieu Vidard hat seine Notizen aus Gesprächen mit Wissenschaftlern zu einem bunten Sammelsurium an wissenswerten, überraschenden oder skurrilen Fakten in einem kleinen Buch zusammengefasst. So erfährt der eifrig blätternde Leser, dass die Klitoris das einzige Organ ist, das keine andere Funktion hat als das Lustempfinden. Roechlingia hitleri schliesslich ist ein nach Hitler und seinem Wehrwirtschaftsführer Röchling benanntes Insekt – vor Urzeiten ausgestorben.

Eine vergessene HochkulturHarald Meller, Kai Michel: «Die Himmelsscheibe von Nebra», Propyläen-Verlag, ca. 40 Fr.

Die Himmelsscheibe von Nebra lag Jahrtausende im Boden, bis Raubgräber sie im Jahr 1999 nahe der Stadt Nebra im Osten Deutschlands fanden. In einer abenteuerlichen Aktion gelang es dem Archäologen Harald Meller, die Scheibe 2002 an sich zu bringen. Seither erforscht er das rätselhafte Objekt und präsentiert seine Ergebnisse jetzt in einem gut zu lesenden Buch, das sich an ein breites Publikum wendet. Die Himmelsscheibe ist rund 3800 Jahre alt und stammt von einer kaum bekannten Kultur: Die Menschen der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer-Kultur lebten in Mitteldeutschland und beschäftigten sich, wie die Scheibe aus Bronze und Gold zeigt, bereits mit Astronomie. Meller und der Journalist Kai Michel fassen im Buch nicht nur die Interpretationen zur Bedeutung der Scheibe zusammen, sondern machen die Leser mit einer Epoche der mitteleuropäischen Geschichte vertraut, die, weil schriftliche Quellen fehlen, bisher wenig Beachtung fand. Im ersten Teil erzählt das Duo von der spektakulären Rettung der Himmelsscheibe. Interessanter noch ist der zweite Teil, in dem die Autoren einen Blick in das dritte Jahrtausend vor Christus werfen. Einiges ist dabei Spekulation, weil die Datenlage dünn ist, spannend zu lesen ist es trotzdem.

Backen wie eine BiochemikerinNikola Schwarzer: «Was uns schmeckt und was dahinter steckt», Hirzel-Verlag, ca. 50 Fr.

Wohl kaum jemand denkt beim Guetslibacken an Chemie. Doch die Prozesse, die wir nur schon beim Teigkneten auslösen, sind genau das. Wir vernetzen dabei Glutenproteine aus dem Weizen zu einem dreidimensionalen Netzwerk. Diese Abläufe und vieles mehr erklärt die Biochemikerin Nikola Schwarzer auf anschauliche Weise in einem Buch, das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Dank der Erklärungen wird endlich auch klar, warum man Mürbeteig nicht allzu sehr kneten darf (damit sich weniger Netzwerke ausbilden) und warum manch ein Teig im Kühlschrank ruhen muss (damit sich das Fett verfestigt und die Flüssigkeit gleichmässig verteilt). Nach der Lektüre wissen Hobbyköche zudem, dass sie beim Eiweissschlagen Proteine denaturieren, welche die Luftblasen einschliessen. Beim Schlagen von Rahm sind es hingegen die Fettmoleküle, welche sich durch Scherkräfte verändert um die Luftblasen legen. Schwarzer gibt auch praktische Tipps, etwa, dass man übrig gebliebenes Eiweiss einfrieren kann. Und wer nun sofort mit chemischen Küchenexperimenten loslegen will, findet Anleitungen im Buch, etwa wie man mit Zucker und Salz Eigelb haltbar macht. Klassische Rezepte gibt es auf der Internetseite der Autorin: www.studieinsuess.de.

Operationssäle des GrauensLindsey Fitzharris: «Der Horror der frühen Medizin» Suhrkamp-Verlag, ca. 24 Fr.

Vor der Einführung der Äthernarkose war eine Operation eine temporeiche Angelegenheit. Weniger als 30 Sekunden soll der schnellste Chirurg Londons Mitte des 19. Jahrhunderts für eine Amputation eines Beins gebraucht haben. Damit er während des Eingriffs beide Hände frei hatte, klemmte er sich zwischendurch das blutige Messer mit Vorliebe zwischen die Zähne. Das Buch von Lindsey Fitzharris über den britischen Mediziner Joseph Lister, der ab den 1860er-Jahren die Asepsis in Operationssäle gebracht hat, ist nichts für zarte Gemüter. Zu dieser Zeit waren Operationssäle so etwas wie das Tor zum Tod – nicht nur für die Patienten, auch für die Chirurgen. Grund waren meistens Infektionen. Aus heutiger Sicht keine Überraschung: Die Operationsinstrumente wurden nicht gereinigt, die Chirurgen wuschen kaum ihre Hände, und die Kittel waren mit Blutkrusten aus früheren Operationen übersät. Mit der Äthernarkose schnellte die Zahl der postoperativen Infektionen weiter nach oben, weil die Chirurgen sich häufiger zu operieren trauten. Fitzharris schildert kenntnis- und detailreich den eindrücklichen Kampf von Pionier Joseph Lister, der gegen alle Widerstände die Keime aus den Spitälern zu verbannen versuchte.

Leiden, die man nicht haben willMartina Frei: «Die Frau mit den 48½ Krankheiten – Neue unglaubliche Fallgeschichten aus der Medizin», Eichborn-Verlag, ca. 19 Fr.

«Nach der Lektüre werden Sie Krankheiten kennen, die Ihrem Arzt (noch) völlig fremd sind», macht die Wissenschaftsjournalistin Martina Frei, die auch für die SonntagsZeitung schreibt, gleich im Vorwort klar. Das Markenzeichen der Medizinerin ist es, besonders skurrile Krankheitsfälle aufzuspüren. Sie schreibt witzig und vermittelt dennoch Wissen über Leiden, die man nicht nur nicht kennt, sondern auch um keinen Preis haben möchte. Etwa die Beule unter der Haut, die sich als Fliegenlarve entpuppt – mitgebracht aus den Afrikaferien –, oder die «Erdbeerpflücker-Lähmung», die Menschen befallen kann, die lange hocken oder zu enge Hosen tragen. Sie quetschen sich den Wadenbeinnerv ab, der sich aber nach einigen Wochen wieder erholt. Erschreckend sind Beschreibungen von einer unentdeckten Zöliakie, einer Glutenunverträglichkeit, die in sehr seltenen Fällen zu epileptischen Anfällen führen kann. Und wie erleichtert müssen sich Patienten gefühlt haben, denen die Ärzte bescheinigt haben, nicht schwer übergewichtig zu sein, sondern eine Zyste im Bauch zu tragen. So wurde der eine oder die andere um bis zu 49, 70 oder gar 149 Kilo leichter, als die gutartige Wucherung entfernt wurde. Und was hat es mit dem schrägen Titel des Buches «Die Frau mit den 48½ Krankheiten» auf sich? So viel sei verraten: Schuld waren nicht verschiedene Leiden, sondern verschiedene Ärzte. Hypochonder und sehr mitfühlende Zeitgenossen sollten das Buch ohnehin nicht in einem Rutsch lesen – damit sie nicht im nächsten Band als einer der skurrilen Fälle auftauchen.

Kurz, witzig, lehrreichMike Fairbrass und David Tanguy: «Das Mass aller Dinge – Oder wie man die Welt vergleichsweise einfach betrachtet», Dumont, ca. 29 Fr.

«Bill Gates verdient so viel Geld, dass es für ihn in finanzieller Hinsicht Zeitverschwendung ist, sich nach einem 100-Dollar-Schein zu bücken.» «Alle Menschen auf der Welt hätten in einem Zuckerwürfel Platz, würde man den leeren Raum aus ihren Atomen entfernen.» Derartige geradezu geniale Vergleiche aus Bereichen wie Wirtschaft, Technik, Mensch, illustriert durch einfache Zeichnungen, lassen den Leser schmunzeln und nachdenken.

Der unverwüstliche OptimistSteven Pinker: «Aufklärung jetzt – Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt», S.-Fischer-Verlag, ca. 33 Fr.

Steven Pinker, dieser lockenköpfige Rockstar der Wissenschaft, hat schon in seinem letzten, kontrovers besprochenen Buch («Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit») aufgezeigt, dass die Gewalt im Laufe der Menschheitsgeschichte ständig abgenommen hat. Nun setzt der Psychologieprofessor der Harvard University in seinem neuen Buch «Aufklärung jetzt» noch einen drauf. Noch nie sei es uns so gut gegangen wie heute – in Bezug auf Gesundheit, soziale Ungleichheit, Demokratie und vielem mehr –, und dies sei vor allem der Aufklärung zu verdanken. Diese Errungenschaften seien nun aber in Gefahr, durch Populismus, Nationalismus oder Religionen, aber auch durch intellektuelle Schwarzmaler und radikale Umweltschützer. Pinker hält ihnen allen mit unverwüstlichem Optimismus und mit vielen Zahlen und Fakten dagegen. Lesenswert.

Hawking erklärt uns die Welt, wie er sie sahStephen Hawking: «Kurze Antworten auf grosse Fragen», Klett-Cotta-Verlag, ca. 26 Fr.

Der im März verstorbene Physiker Stephen Hawking wurde von Wissenschaftlern, Geschäftsleuten, Politikern und der Öffentlichkeit oft nach seinen Gedanken zu diversen Themen befragt. Gibt es einen Gott? Wird uns die künstliche Intelligenz überflügeln? Werden wir auf der Erde überleben? Hawking unterhielt ein Archiv mit seinen Antworten. Daraus entstand dieses postum veröffentlichte Buch. Zu Recht teilt der US-amerikanische Astrophysiker und Nobelpreisträger Kip Thorne in seinem Vorwort die zehn «grossen Fragen der Menschheit» ein in solche, die tief in Hawkings Wissenschaft verwurzelt sind, und in jene, die er, wenn auch «voller Weisheit und Kreativität», als Laie beantwortet – und wo der Leser Hawkings Sichtweise durchaus hinterfragen sollte.

Fürsorgliche und träumende TiereNatural History Museum: «Wildlife Fotografien des Jahres – Portfolio 28», Knesebeck, ca. 52 Fr.

Die Bilder von Javier Aznar González de Rueda zeigen die kleineren, unbekannten Lebewesen, beispielsweise die in Ecuador heimische Alchisme-Buckelzikade. Die Insekten sind besonders fürsorglich. Die Mütter beschützen ihren Nachwuchs bis zum Erwachsensein – sogar mit Dornen auf ihrem Rücken. Fotografien können einen wichtigen Beitrag zu Bildung und Umweltschutz liefern, ist der spanische Fotograf überzeugt. Er ist einer der Preisträger, die beim Wettbewerb «Wildlife Fotografien des Jahres» ausgezeichnet wurden. Die ästhetischen und spannungsreichen Gewinnerbilder sind in einem prächtigen Bildband zusammengefasst. Sie zeigen Szenen, die nur ausdauernde Beobachter ablichten können: etwa eine Erdmännchen-Mannschaft, die in Namibia eine Kobra in die Flucht schlägt, oder ein Jaguarweibchen, das in Brasilien einen Brillenkaiman überwältigt. Als Nachwuchsfotograf gewann der 15-jährige Skye Meaker. Der Südafrikaner hat einen auf der Pfote dösenden Leopard fotografiert.

Dem Eis verfallenPhilippe Bourseiller: «Eis – Das weltweite Porträt eines bedrohten Naturparadieses von der Arktis zur Antarktis», Knesebeck, ca. 69 Fr.

Ende der 1950er-Jahre versuchte die Eispatrouille der USA, Eisberge zu sprengen. Keine gute Idee. So entstanden viele kleine, nicht kontrollierbare Eismassen, die Schiffe schädigen könnten. Ein Glazionaut ist jemand, der sich in lebensbedrohliches Terrain vorwagt, um zum Beispiel im Inneren von Gletschern sogenannte Mühlen zu ergründen, die durch fliessendes Wasser herausgewaschen wurden. Glaziologen dient das Eis auch als Naturarchiv mit eingelagerten uralten Pollen, Vulkanasche oder Salzen. Im Bildband «Eis» sind nicht nur fantastische Fotos zu sehen, die schon beim Anschauen Hühnerhaut machen. Es kommen zudem interessante Persönlichkeiten zu Wort. Ob Abenteurer, Forscher oder Umweltschützer, allen ist gemein: Sie sind dem Eis verfallen. Aber selbst der Kapitän eines Eisbrechers im Norden Kanadas merkt: Das Eis schmilzt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.12.2018, 18:36 Uhr

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