Lieber Loser

Mit seinem Zirkus hat Beat Breu die Klatschspalten gefüllt. Worin liegt der Reiz, anderen beim Scheitern zuzusehen?

Beat Breu am 7. August vor seinem Zirkuszelt: Wieder strampelte der Ex-Radprofi vergeblich. Foto: Urs Jaudas

Beat Breu am 7. August vor seinem Zirkuszelt: Wieder strampelte der Ex-Radprofi vergeblich. Foto: Urs Jaudas

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In der US-Serie «How I Met Your Mother» gibt es eine Szene, in der Lily ihre Freundin Robin, als diese ihr von einem angeblich abservierten Typen erzählt, mit hochgezogener Augenbraue fragt: «Where is the poop?» («Wo ist das Häufchen?»). Der Spruch stammt aus ihren Kindertagen, als sie ihrem Hund jeweils von weitem ansah, wenn er ins Haus gemacht hatte. Lily bohrt also bei Robin so lange nach dem Häufchen, bis diese mit der Wahrheit rausrückt.

Wo ist das Häufchen? Denselben Gedanken konnten sich viele nicht verkneifen, als der frühere Radprofi Beat Breu vor Monatsfrist verkündete, nun erfülle er sich seinen grossen Traum und werde Zirkusdirektor. Ein Zelt für 600 Personen wollte er füllen, da standen die Pferde und Kamele noch an der Grenze und durften nicht einreisen. Man sorgte sich. Nicht weil Breu nicht die Wahrheit sagen, aber: dass er scheitern würde. Es wäre ja nicht das erste Mal. Bordellbetreiber war er bereits und Komiker auch. Dass er diese Jobs überhaupt nötig hatte, lag an seinem Bruder, dem er sein Vermögen anvertraut und der alles verloren hatte. Als wäre das nicht genug, lag zwischenzeitlich auch noch Breus Ehe in Scherben.

Wie ein Krimi, von dem man die Augen nicht wegbekommt

Trotz unguter Vorahnung schauten wir hin, fragten uns, ob es diesmal, endlich, vielleicht gar kein Häufchen gab. Leider doch. Bereits nach 14 Vorstellungen waren Beat und Heidi Breu ein Ex-Zirkus­direktorenpaar. Übung abgebrochen. Vergangene Woche erklärten die beiden sich diversen Medien, unter anderem dem Regionalsender TeleZüri. «Alli wünsched ihm Erfolg», sagte der Moderator bei der Ansage mit belegter Stimme. Tatsächlich? Ist es nicht so, dass wir es ganz unterhaltsam finden, zu beobachten, an welchem Steilhang sich der frühere «Bergfloh» diesmal abstrampelt? Das Hin und Her zum «Circus Beat Breu» zu verfolgen, glich einem Krimi, von dem man die Augen nicht wegbekommt, obwohl man weiss, dass man gleich erschaudern wird. Worin liegt der Reiz, einem anderen Menschen beim Scheitern zuzuschauen?

Schadenfreude auf die ewigen Erfolgsbolzen

Dass wir gern mit Underdogs sympathisieren, weil das unseren Sinn für Gleichheit und Fairness befriedigt (und es auch einfach aufregender ist, wenn David gegen Goliath über sich hinauswächst), wissen wir aus Studien. Das geht so weit, dass Probanden in einem Experiment ein ausgeglichen verlaufenes Basketballspiel anders beurteilten, je nachdem, ob ihnen im Vorfeld gesagt wurde, welche der beiden Mannschaften der haus­hohe Favorit sei. Dem vermeintlich überle­genen Team wurde mehr Können attestiert, dem schwächeren dafür mehr Kampfgeist.

Nun schreibt Breu die Ursachen für seine ewige Misere zwar gern anderen Menschen und sonstigen unglücklichen Umständen zu, einen Goliath als Widersacher erkennen wir in seiner Situation trotzdem nicht. Wahrscheinlich ist es simpler: Verlierertypen erwärmen unser Herz, weil sie uns einfach näher sind als die ständigen Erfolgsbolzen. Wenn Helene Fischer auf dem Trapez rumturnt und dabei singt und die Haare schüttelt und gut aussieht, kann man schon mal Schadenfreude empfinden, wenn ihre Beziehung in die Brüche geht.

Kommt hinzu, dass die Misserfolge anderer von den eigenen Enttäuschungen ablenken. Oder warum sind die Fuck-up-Nights, an denen gescheiterte Unternehmer auf der Bühne ihre Pleiten zum Besten geben, ein weltweites Phänomen mit vollen Sälen? Es könnte alles viel schlimmer sein – dieses Wissen ist irgendwie ziemlich beruhigend.

Auch für Beat Breu: Der plant schon sein Comeback als Zirkusdirektor. Man mag gar nicht ans Häufchen denken.



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Erstellt: 25.08.2019, 12:14 Uhr

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