«Man kann auch erfolgreich sein, ohne andere herabzusetzen»

In Zeiten von Trump und AfD müssten wir entschieden gegen die grassierende Grobheit ankämpfen, fordert der Bestseller-Autor Axel Hacke.

«Für die tiefe innere Befriedigung, für das Glück, braucht es andere Menschen.»: Eine Kletterin hilft ihrem Kollegen beim Aufstieg. Bild: iStock

«Für die tiefe innere Befriedigung, für das Glück, braucht es andere Menschen.»: Eine Kletterin hilft ihrem Kollegen beim Aufstieg. Bild: iStock

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Mit seinem Buch «Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen» hat Axel Hacke einen Nerv getroffen. Seit Erscheinen im letzten August hält es sich in der Bestseller-Liste. Axel Hacke, 62, ist Journalist – seit 30 Jahren Kolumnist beim «Süddeutsche Zeitung Magazin» – und Autor zahlreicher Bücher. Die Grobheit, die vor allem in den sozialen Medien zunimmt, besorgt ihn. Sein Buch ist nie moralinsauer, sondern ein leichtfüssig geschriebenes Manifest für mehr Anständigkeit.

Die grosse Resonanz Ihres Buches erstaunt: Wo sind sie denn alle, die Menschen, die sich für Anstand interessieren?
Die Anständigen sind immer noch in der Mehrheit. Das Problem ist, dass die anderen so laut sind, gerade in den sozialen Medien, und dass diese wie ein Riesenver­stärker wirken. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es ganz viele davon gäbe. Das ist fatal, weil Anstand wichtig ist für eine zivilisierte ­Gesellschaft. Wenn nur noch rumgeschrien wird, bedroht das die Demokratie. Deshalb können wird das Feld nicht den Lauten überlassen, nicht hinnehmen, dass es auf Facebook und Twitter «halt so ­zugeht». Die schweigende Mehrheit muss sich wehren.

Anstand gilt aber oft als uncool. Bitte, Danke, Entschuldigung sagen oder Pünktlichkeit werden gerne belächelt. Fängt es nicht schon da an?
Selbstverständlich. Diese Umgangsformen sind für unseren Alltag von grösster Bedeutung. Bloss sollte man es nicht dabei belassen. Bei Anstand geht es um Respekt, Solidarität, Wohlwollen und Neugier anderen Menschen gegenüber. Und das geht tiefer.

Anstand ist eine Frage der Moral?
Eher der individuellen Haltung. Die dem Einzelnen übrigens auch nützlich ist. Es ist nicht so, dass nur andere davon profitieren, wenn man freundlich und wohlwollend ist. Das kommt zurück. Weil man kapiert: Wir teilen alle dasselbe Schicksal. Wir kommen klein zur Welt, müssen uns im Leben bewähren und sterben dann. Es geht also um eine grundsätzliche Solidarität.

Davon ist zwar viel die Rede – trotzdem erscheint einem die Welt immer gröber. Warum?
Diesen Zivilisationsverlust gab es im Laufe der Geschichte immer wieder. Zivilisiertheit ist nicht selbstverständlich, wir müssen sie uns immer wieder neu erarbeiten. Die neuen Medien spielen jetzt eine grosse Rolle, damit müssen wir erst umzugehen lernen.

Die 68er nannten bürgerliche Werte spiessig. Nahm es da seinen Anfang?
Ich glaube nicht. Wenn wir von ­Benimm und Manieren sprechen, kann das auch sehr oberflächlich sein, ohne wohlwollende Haltung anderen Menschen gegenüber. Das ist dann der spiessige Konformismus, gegen den sich die 68er zur Wehr gesetzt haben. Was damit ­allerdings einherging, war diese moralisierende Haltung von oben herab, die ich nicht mag. Man sollte andere zu verstehen versuchen, nicht be- und verurteilen.

«Trump ist nicht die Ursache, er ist das Symptom.»

In der politische Debatte reicht aber oft nur schon eine andere Meinung als Rechtfertigung dafür, das Gegenüber zu ­beschimpfen.
Wir müssen wieder begreifen, dass man von anderen Meinungen etwas lernen kann. Der Erfolg der AfD in Deutschland etwa könnte uns etwas lehren. So wenig ich diese Partei mag – man kann deren Wähler nicht einfach als Nazis beschimpfen, zumal es darunter ganz viele hat, die überhaupt keine ­Nazis sind. Sondern Menschen, die sich allein gelassen fühlen mit dem, was sie täglich erleben. Es wäre deshalb ganz schön, wenn man diese Leute nicht dauernd mit der eigenen Meinung beschallen, sondern ihnen auch mal zuhören und sie fragen würde, was genau sie zu ihrer Entscheidung bewogen hat. Das meine ich mit Neugier.

Es heisst, Donald Trump habe die Unanständigkeit legitimiert. Ist es nicht umgekehrt: Dass der fehlende Anstand so ­verbreitet ist, hat Trumps Wahl erst möglich gemacht?
Stimmt. Er ist nicht die Ursache, er ist das Symptom, seine Niederträchtigkeit machte ihn offenbar interessant. Das ändert aber nichts daran, dass sein Verhalten als amerikanischer Präsident inakzeptabel ist, weil er eine Vorbildwirkung hat und salonfähig macht, was nicht salonfähig sein sollte.

Die politische Korrektheit kann aber auch nicht die Antwort darauf sein.
Nein. Die hat ja Donald Trump zum Teil auch hervorgebracht. In dem Sinne, dass viele sich nicht ständig bevormunden lassen wollen. Auch mich stört daran dieses unentwegt Belehrende, dieses Massregelnde, als ob es jemandem zustehen würde, anderen das Gefühl zu geben, sie seien moralisch irgendwie falsch. Politische Korrektheit hat nichts mit Erkenntnisgewinn zu tun, sondern damit, dass man dazugehören will, und zwar zu den angeblichen Repräsentanten des Guten in der Welt. Es ist eine Methode, sich über andere zu stellen, und hat ein bisschen etwas von einer Kirche: Die politisch Korrekten sind die Vertreter der reinen Lehre, mit der richtigen Auslegung, die sich über alle Andersdenkenden stellen. Und sie produzieren immer neue Regeln, weil sie sich noch besser fühlen wollen.

Politische Korrektheit hat nichts mit Anstand zu tun?
Nein. Anstand heisst, dass man nicht auf andere herabschaut, sondern in der Verantwortung ist, andere zu verstehen. Man sollte nicht so tun wie damals in der Flüchtlingskrise, als «Welcome Refugees» als einzig richtige Haltung galt. Diesen Feel-Good-Argumenten wohnt eine Arroganz bei, die ich nicht mag. Und nicht selten ist es ja so, dass jene, die besonders laut damit hausieren, die Folgen nicht ausbaden müssen. Das dürfen dann andere.

Anstand fusst auf Freiwilligkeit, es gibt keine Busse, wenn man unanständig ist. Gleichzeitig wird beklagt, es brauche immer mehr Gesetze – die aber nur nötig sind, weil die Leute sich nicht anständig benehmen. Wieso dieser Widerspruch?
Es scheint, dass Menschen heute in vielerlei Hinsicht erwarten, dass der Staat die Dinge regelt. Die Idee, dass wir vieles selbst in der Hand haben, ist verloren gegangen. Ich frage mich oft, weshalb derart auf Politiker geschimpft wird – es geht vergessen, dass wir in einer Demokratie leben, dass jeder etwas tun kann. Aber es herrscht eine passive Konsumhaltung vor.

Das erinnert an verwöhnte, verzogene Kinder.
Absolut. Wenn es um Anstand geht, ist es von zentraler Bedeutung, bei sich selbst anzufangen. Der Einzige, den man verändern kann, ist man selbst.

Aber mitunter dünkt es einen, sich anständig zu benehmen lohne sich schlicht nicht.
Tatsächlich gerät man heute vielleicht zunächst einmal ins Hintertreffen, wenn man nicht so ellbögelt wie andere. Dennoch bedeutet Anstand keineswegs, dass man nicht sehr robust für das eintreten kann, was einem wichtig ist. Es bedeutet nur, dass man andere nicht beschimpft, anpöbelt oder niederschreit. Man kann sogar erfolgreich sein, ohne zu lügen und ohne andere herabzusetzen.

Man hört dennoch selten, dass Eltern sagen: Unsere Kinder sollen anständige Menschen werden. Man hört eher: Unsere Kinder sollen selbstbewusst werden. Und es ins Gymnasium schaffen.
Wir leben in einer Gesellschaft des Ich. Es geht nur noch um den Einzelnen, der sich durchsetzen können soll. Insbesondere die Mittelschicht hat Angst vor einem Statusverlust. Diese Angst wird auf die Kinder projiziert, man will die Voraussetzungen schaffen, dass diese in einer Welt des Egoismus bestehen können. Das ist nicht unbedingt falsch, denn so ist es nun mal. Was dabei verloren geht, ist allerdings die Erkenntnis, dass der Mensch nicht allein existieren kann. Für die tiefe innere Befriedigung, für sein Glück, braucht er andere Menschen.

Wenn wir schon bei Kindern sind: Anstand ist doch letztlich supersimpel, er funktioniert nach dem Prinzip «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu».
Das ist ja das Schöne daran! Man muss nicht Philosophie studieren, um zu verstehen, was Anstand ist, oder um sich anständig zu ver­halten. Es hat nichts mit Bildung zu tun, höchstens mit Herzens­bildung. Und vielleicht verstehen ihn Menschen mit Herzensbildung sogar besser als Intellektuelle.

Axel Hacke: «Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen», Verlag Antje Kunstmann, 190 S., 28 Franken

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.05.2018, 16:59 Uhr

«Für die tiefe innere Befriedigung, für sein Glück, braucht der Mensch andere Menschen», sagt Axel Hacke. Foto: Stefan Randlkofer

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