Mark Zuckerbergs Thron wackelt

Selbstzweifel kennt der mächtige Facebook-Gründer nicht. Das könnte ihm jetzt zum Verhängnis werden.

Der Widerstand aus der US-Politik wächst: Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Foto: Keystone

Der Widerstand aus der US-Politik wächst: Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Foto: Keystone

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Wann kommt der Moment, in dem die Selbstüberschätzung eines erfolgreichen Firmenchefs mit der Realität kollidiert? Bei Facebook, dem führenden sozialen Netzwerk mit weltweit zwei Milliarden Mitgliedern, rückt dieser Zeitpunkt näher. Mark Zuckerberg erfährt seitens der Politik zunehmenden Widerstand. Weil er als Chef Facebook vollständig beherrscht, droht er zum Risiko zu werden.

Mehrere Entwicklungen der letzten Wochen illustrieren den Stimmungswandel. So kommt Zuckerbergs Plan, an den Zentralbanken vorbei eine globale Währung namens Libra aufzubauen, nicht wie vorgesehen voran. Diese Woche erklärte der Online-Bezahldienst Paypal, er werde sich aus dem Konsortium von Firmen hinter dem Kryptowährungsprojekt zurückziehen. Auch die Kreditkartenriesen Visa und Mastercard sowie die Handelsplattform Ebay und der Bezahldienst Stripe haben am Freitag bekannt gegeben, aus dem Projekt auszusteigen.

Libra gibt sich unverdrossen. Es brauche «Mut und Standfestigkeit, ein so ehrgeiziges Vorhaben wie Libra anzupacken», sagt Kommunikationschef Dante Disparte. Morgen Montag wollen Firmenvertreter in Genf über die Libra-Charta beraten.

Zu viel Aufmerksamkeit ist schlecht für Libra

Die Universalwährung könnte am institutionellen Widerstand scheitern. Libra habe zu viel politische Aufmerksamkeit erfahren, glaubt der Morgan-Stanley-Analyst James Faucette. Frankreich und Deutschland forderten schon im September einen Stopp des Projekts, mit dem Facebook seine Abhängigkeit von Werbeeinnahmen verringern will. Die EU-Kommission stellt strenge Regulierungen bezüglich Stabilität und Geldwäscherei in Aussicht. «Schwere Bedenken» hinsichtlich Libra äusserte auch Jerome Powell, Vorsitzender der US-Zentralbank Federal Reserve.

Zweifellos sah Zuckerberg bei der Planung von Libra ein Gerangel mit Aufsichtsbehörden voraus. Womöglich rechnete er aber nicht mit Facebooks drastischem Vertrauensverlust bei Politikern. In den USA machten letzten Monat Kongressabgeordnete beider Parteien an Hearings klar, dass sie Libra vor allem wegen des beschädigten Rufs des Sozialnetzwerks ablehnen. «Ich traue euch Kerlen nicht», sagte die republikanische Senatorin Martha McSally aus Arizona zu Facebook-Vertretern. Der Demokrat Sherrod Brown aus Ohio summierte: «Facebook ist gefährlich.»

Bei den US-Demokraten nährt sich der Hass auf Facebook aus dem Glauben, das Sozialnetzwerk habe zur Wahl Donald Trumps ins Weisse Haus beigetragen. Führende Politiker, allen voran die Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren, fordern daher die Aufspaltung des Unternehmens. Facebook solle sich aufs Kernprodukt konzentrieren und Whatsapp sowie Instagram verkaufen, steht in Warrens Wahlprogramm.

Konzern steckt Busse in Milliardenhöhe locker weg

Zuckerberg scheint die Möglichkeit einer Präsidentin Warren schlaflose Nächte zu bereiten. Im Juli sagte er vor Mitarbeitern für einen solchen Fall voraus: «Ich wette, dass wir rechtlich herausgefordert werden, und ich wette, dass wir gewinnen. Das wäre aber trotzdem scheisse, denn ich wünsche mir keinen riesigen Rechtsstreit mit der Bundesregierung.»

Die Senatorin reagierte umgehend. Als vor zwei Wochen der Mitschnitt von Zuckerbergs Fragestunde veröffentlicht wurde, twitterte sie: «Wirklich scheisse wäre, wenn wir das korrupte System nicht flicken würden, das Riesenunternehmen wie Facebook erlaubt, sich wettbewerbsfeindlich zu verhalten, den Datenschutz zu missachten und wiederholt keine Verantwortung für den Schutz der Demokratie zu übernehmen.» Ihr Tweet erhielt fast 50'000 Likes.

Neben Zuckerbergs Widerstandswillen gegen Warren offenbarte das Transkript der Fragestunde, dass die Autorität des 35-jährigen Facebook-Bosses intern nicht mehr unbestritten ist. Trotz einer weltweiten Belegschaft von fast 40'000 Mitarbeitenden wurde bisher noch nie ein so vertrauliches Dokument den Medien zugespielt. Möglicherweise haben die vielen belegten Missbräuche persönlicher Daten die Moral im Unternehmen untergraben. Zur Strafe und Warnung belegte die Bundeshandelskommission Facebook im Frühjahr mit einer Rekordbusse von fünf Milliarden Dollar, die das Unternehmen mit einem hundertmal grösseren Börsenwert aber leicht wegstecken konnte.

Viele Kritiker machen den mit einer absoluten Stimmenmehrheit ausgestatteten Chef für die Entgleisungen und Datenlecks verantwortlich. «Unter Mark Zuckerbergs verfehlter Führung wurde Facebook eine der verhasstesten Institutionen auf dem Planeten», schrieb der Transgender-Aktivist Evan Greer im «Guardian». Greer listete nicht weniger als 25 Verfehlungen zur Begründung auf, warum der Chef abtreten müsse.

«Sein Glaube an sich droht den Untergang einzuleiten»

Daran denkt Zuckerberg indes zuletzt. Aus dem Transkript geht hervor, dass sich der Herrscher über menschliche Sozialbeziehungen im Internet für praktisch unfehlbar hält. Das lernte er 2006 im Alter von 22 Jahren, als er gegen die Empfehlung des Verwaltungsrats das Angebot ausschlug, sein damals noch kleines Netzwerk für eine Milliarde Dollar an Yahoo zu verkaufen. Eine solche Erfahrung, sagt Zuckerberg, «gibt dir das Selbstvertrauen, dass du langfristige Entscheidungen treffen kannst, die sich auszahlen». Hätte er damals keine totale Kontrolle ausüben können, sagt er, «würde es uns gar nicht geben».

Zehn Jahre danach sieht sich Zuckerberg nicht mehr nur geschäftlich, sondern gesellschaftlich und politisch angefeindet. Zuckerbergs Selbstvertrauen hindere ihn daran, diese neuen Probleme zu lösen, fürchtet die «Financial Times». Sein Ego erschwere es ihm, auf Kritik einzugehen und rasch zu reagieren. «Der ausserordentliche Glaube an sich selbst, der ihn zu einem so bemerkenswerten Unternehmer machte, droht seinen Untergang einzuleiten.»



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Erstellt: 13.10.2019, 21:34 Uhr

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