#MeToo zum Trotz: Flirten Sie!

Darf ein Mann einer Frau noch einen Drink spendieren? Ist ein Kompliment zum Kleid erlaubt? Und wann wird Gucken anstössig? Wir haben die Antworten.

Okay oder nicht? Beim Anbändeln gibts viele Fallstricke. Bild: Getty Images

Okay oder nicht? Beim Anbändeln gibts viele Fallstricke. Bild: Getty Images

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Sommer! Alles ist leichter als sonst, der Alltag, das Sein, und die Bekleidung auch. Aber da fangen die Probleme schon an: Wie zum Teufel guckt der männliche Pendler in der Post-#MeToo-Ära politisch korrekt ein weibliches Gegenüber in Hotpants an? Wir leben in Zeiten, in denen der Ausdruck «übergriffig» längst nicht mehr nur bei Menschen mit einem sozialen ­Beruf zum Vokabular gehört. Wir leben in Zeiten, in denen Sex ­vorgängig eine Art eidesstattliche Erklärung benötigt, in der festgehalten wird, der Coitus finde einvernehmlich statt; in Schweden ist das jedenfalls so, seit dem 1. Juli.

Es herrschen daher, man muss es sagen, erschwerte Umstände, was das Verhältnis zwischen den Geschlechtern angeht, insbesondere das Verhältnis erotischer Natur ist doch zunehmend durch eine gewisse Verkniffenheit geprägt. Trotzdem ist das kein Grund, nun in diesen Chor vorab maskulinen Gejammers einzustimmen, wonach man ja heutzutage sowieso alles nur noch falsch machen könne, jetzt so als Mann. Das ist nicht nur verkehrt, das ist auch weinerlich und deshalb unmännlich. Und noch weniger als aufdringliche Männer mögen Frauen sich selbst bemitleidende Männer.

Wir wollen daher Teil der Lösung sein und Abhilfe schaffen, ­indem wir im Folgenden Standardsituationen des Anbändelns aufzeigen und dabei insbesondere darauf hinweisen, wo für Männer die Fallstricke liegen.

Die Prämisse

Zunächst müssen wir den weit verbreiteten Irrtum klären, der letztlich auch #MeToo zugrunde liegt: Frauen ziehen ihre Hotpants nicht für Sie an. Die Miniröcke und die Stöckelschuhe auch nicht. Die ­Ansicht «Wenn die sich so kleidet, bettelt sie ja nachgerade darum, angemacht zu werden» ist daher ein so kolossaler wie fataler Fehlschluss. Sie spielen beim morgendlich-modischen Entscheidungs­findungsprozess von Frauen eine dramatisch unbedeutende Rolle. Das hören Sie nun nicht gern, denn es widerspricht den Aussagen Ihrer Mutter, gemäss der Sie der Augenstern der Damenwelt seien. Mit Verlaub: Es handelt es sich dabei um mütterliche Fake News.


Bilder: Die #MeToo-Welle


Sie verharren im Schützengraben des für Sie immer noch sich im Gange befindlichen Geschlechterkrieges und denken: «Die Weiber sind selbst daran schuld, dass man ihnen nicht mehr gentlemanlike begegnet – wer die gleichen Rechte will, kann keine Sonderbehandlung verlangen.» Von dieser pflockig anmutenden Idee müssen Sie sich lösen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Galanterie mag altmodisch klingen, könnte aber zeitgemässer nicht sein; Höflichkeit und Aufmerksamkeit sind ewige Werte, noch dazu solche mit nicht zu unterschätzender Wirkung: Wer galant ist, ist sexy. Deshalb: Halten Sie Türen auf. Helfen Sie in den Mantel oder Koffer tragen. Bieten Sie im Tram oder Bus Ihren Sitz an. Lassen Sie den Vortritt. Und sollte da eine «paternalistisch!» schreien, wissen Sie: Die können Sie getrost vergessen.

Der Charme

Wollen alle, hat kaum einer. Zur generellen Aufmunterung kann gesagt werden: Er lässt sich aneignen. Denken Sie an James Bond, aber ohne die Schleimspur, also erst ab Daniel Craig. Seien Sie amüsant und schlagfertig, und wenn Ihnen partout nichts Derartiges zum ­Sagen einfällt, lächeln Sie einfach. Allerdings nicht endlos, irgendwann müssen Sie das wieder einstellen, sonst wirkt es gruselig und hat exakt das Gegenteil dessen zur Folge, worauf Sie hinarbeiten.

Das Pfeifen

Aus gendertheoretischer Sicht würde man das herabwürdigendes Verhalten nennen, aber wir wollen nicht schmallippig-akademisch werden und erklären es hiermit einfach als uninspiriert und einfallslos, was viel verheerender ist als das Vorgestrig-Abwertende, das der Geste inhärent ist. Anders gesagt: Sie sollten mehr draufhaben als das. Es sei denn, Sie gefallen sich darin, als Fossil zu gelten. Das wiederum tun Sie auf eigenes Risiko, denn «Fossil» assoziiert das weibliche Hirn mit «faltig», nicht mit «fesch».

Das Schnalzen

Denken Sie besser nicht einmal ­daran.

Der Drink

Sie lassen einer Frau, die Ihnen gefällt, in der Bar ein Glas Champag­ner bringen – das haut nicht mehr hin. Sie wirken damit ungut klebrig.

Das Kompliment

Damit erweichen Sie das härteste aller harten Frauenherzen, deshalb: Flattieren Sie! Aber machen Sie es klug. Sagen Sie also: «Ihr Kleid ist schön», aber nicht: «Ihre Schienen sehen verdammt heiss aus in diesem Kleid». Sagen Sie auch nicht Dinge wie: «Sie machen mich ganz wuschig», das ist, sagen wir es so, zu viel an offensiv-intimer Information. Und stehen Sie nicht da und gaffen mit offenem Mund, auch das hat einen offen­siven Charakter. Was uns zum nächsten Punkt bringt:

Sie mögen den Ausdruck «intensiver Blick», weil Sie dabei an ­lodernde Leidenschaft denken, und Sie möchten sich dieses feurige Flair auch gerne verleihen, weshalb Sie eben intensiv blicken. Allerdings: Der Grat zum Starren ist schmal. Grausam schmal. Frauen denken schlecht von Ihnen, wenn Sie starren; es besteht die überaus realistische Gefahr, dass sie des­wegen 117 wählen. Da haben Sie dann den Salat. Gucken Sie deshalb nur kurz und lächeln Sie. Sie können auch zwinkern. Oder, noch besser: eine Augenbraue hochziehen. Üben Sie das. Die andere Variante: Sie machen auf unbeteiligt. Funktioniert aber nur, wenn Sie derart gut aussehen, dass die Frauen diese Ihre Unbeteiligtheit grausam fuchst.

Legen Sie das Handy weg. Stellen Sie Fragen. Hören Sie zu. Reden Sie nicht nur von sich, und unterlassen Sie es, mit Ihren beruflichen Schrägstrich sportlichen Schrägstrich finanziellen Erfolgen oder Ihren Drogenerfahrungen anzugeben. Die detaillierte Beschreibung Ihrer Diskushernie ist ebenfalls von geringem Interesse. Sie sollten Ihre Ex-Frau zudem nicht «diese verdammte Schlampe» nennen. Und unerwähnt lassen, dass Sie bis heute sowohl in monetärer wie emotionaler Hinsicht unter einem krass männerfeindlichen Scheidungsurteil leiden, wenn auch dank einer intensiven Psychotherapie Fortschritte zu verzeichnen sind. Seien Sie statt­dessen geistreich und unterhaltsam. Halten Sie das Gespräch in Schwung. Merken Sie es sich so: Es ist wie beim Fussball – der Ball muss immer schön rollen.

Die Rechnung

Ganz heikel. Also eigentlich fast schon unlösbar heikel. Sie zücken nach einem gemeinsamen Abend die Kreditkarte, einfach, weil Sie nett sein wollen, und dann beginnt Ihr Gegenüber zu schreien, das sei beleidigend, und zwischen erstickten Schluchzern können Sie die Begriffe «Macho» und «Feministin» ausmachen. Haken Sie umgehend ein: Frauen verdienten doch immer noch weniger! Da haben Sie argumentativ einen Punkt und ­wirken zudem gendermässig engagiert. Eindeutig abzuraten ist ­dagegen von der Idee, den auf­geworfenen Betrag nachträglich zurückzufordern, wenn aus dem Date nichts geworden ist. Flirten ist ein Spiel. Ein Spiel erfordert einen Einsatz. Diesen Einsatz kann man verlieren. Wer das Risiko scheut, darf nicht spielen.

Wenn Sie nun trotz allem eine Abfuhr erteilt bekommen, weil Sie an eine Frau von der humorbefreiten Sorte und ohne Sinn für Galanterie geraten sind, dann seien Sie nicht beleidigt. Und werden Sie schon gar nicht ausfällig, es gibt kein männliches Anrecht darauf, dass das mit dem anderen Geschlecht genau so läuft, wie Sie sich das vorstellen. Sagen Sie sich: neues Spiel, neues Glück. Womöglich ist die Nächste sowieso viel schöner.

Jetzt noch zu den Frauen.

Die Sache mit dem Flirt basiert ­aller Emanzipation zum Trotz in erster Linie auf der männlichen Aktion, auf die dann die weibliche Reaktion folgt. Bedenken Sie diesen Aspekt und honorieren Sie die maskuline Beherztheit, die braucht in diesen Zeiten noch mehr Mut, und ohne diesen wäre da noch mehr Schweigen zwischen den Geschlechtern. Machen Sie es ihnen daher nicht zu schwer. Lächeln Sie! Lachen Sie! Werfen Sie Kuss­hände! Und, immer dran denken: Galanterie ist unisex.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.07.2018, 17:45 Uhr

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