Mein nackter Nachbar

Was ein Mann im Bad so alles macht, beobachte ich jeden Morgen. Protokoll einer voyeuristischen Romanze.

Das Fenster zum Hof: Beim Pinkeln sitzt er. Foto: Getty Images

Das Fenster zum Hof: Beim Pinkeln sitzt er. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich habe eine heimliche Beziehung. Vielleicht ist es auch nur ein Verhältnis. Schwer zu sagen. Das Ganze ist sehr diskret. So sehr, dass nicht einmal das Objekt meiner Begierde etwas ahnt. Hoffe ich jedenfalls. Der Mann ist mein Nachbar vis-à-vis. Wir haben noch nie ein Wort gewechselt. Er weiss gar nicht, dass es mich gibt. Ich aber kenne ihn besser als die meisten seiner Freunde.

Angefangen hat unser kleines Was-auch-immer Mitte Oktober, als die Tage kürzer und die Nächte länger wurden. Ich gönne mir auf dem Balkon gerade meine Morgenzigarette – und plötzlich steht da ein nackter Mann in der Dunkel­heit. Sein Bad ist hell erleuchtet. Er steigt gerade aus der Dusche. Sein Körper ist mir schutzlos ausgeliefert. Wahrscheinlich hat er vergessen, das Rollo herunterzulassen, dachte ich amüsiert.

«Untenrum lässt er sich Zeit.»

Aber mein Nachbar hat kein Rollo. Mittlerweile kenne ich seine Morgen­rituale auswendig, sogar die ­superintimen, bei denen in der Regel nicht einmal die Partnerin zugucken darf. Ich kann ausserdem bezeugen, dass er sich nach dem Duschen jeden Morgen eincremt und einmal in der Woche seine Nasenhaare stutzt. Beim Pinkeln sitzt er. Beim Zähneputzen ist er eher nachlässig. Dafür kann er schon mal zehn Minuten an seinem Hipsterbart herumschnipseln. Witzigerweise zieht er gleich nach dem Eincremen obenrum ein weisses Shirt an. Untenrum lässt er sich Zeit.

Wobei, sein Untenrum interessiert mich tatsächlich am wenigsten. Der Reiz unserer Morgenromanze liegt anderswo. Ich verbringe mit diesem Menschen jeden Tag Zeit, obwohl ich nicht zu seinem Alltag gehöre. Ich weiss im Grossen und Ganzen nichts über ihn, aber im Detail schon. Er ist mir vertraut, auf der Strasse würde ich ihn jedoch nie erkennen. Diese sonderbare Verbindung, so einseitig sie sein mag, hat etwas Heimeliges. Wenn ich aufwache, duscht er bereits. Ich trinke Kaffee, er cremt sich ein. Er pinkelt, ich rauche. Wie ein altes Ehepaar. Mittlerweile fehlt er mir sogar, wenn wir mal nicht gemeinsam aufstehen.

Warten auf den ganz exklusiven Schlüsselloch-Moment

Da ist aber noch ein anderer Kick: Ich bin plötzlich Spionin. Im Schutz der Dunkelheit mutiere ich neuerdings zur Voyeurin – mit unverhofften Nebenwirkungen. Jeden Morgen schwanke ich auf dem Balkon zwischen Allmachtsfantasien (ich sehe etwas, was du nicht weisst) und Scham (ich sehe etwas, was ich nicht dürfte). Schlimmer noch: Ich warte versessen auf den Moment, der alles Dagewesene toppt. Zum Beispiel, dass mein Nachbar irgendwann ein imaginäres Mikro zückt und vor dem Badezimmerspiegel eine Performance hinlegt. Aber wenn ich mir die Szene dann ausmale, schreit es in mir: Mach es ja nicht! Weil es mich furchtbar beschämen würde, diesen fremden Mann in einem so selbstvergessenen Moment zu ertappen. Pinkeln tun wir am morgen alle. Singen im Bad ist persönlich. Zu persönlich.

Bin ich nun eine hinterhältige Spannerin? Sagen wir es so: Hinterhältig vielleicht ein bisschen, aber nicht kriminell. Ich bin eigentlich in relativ guter Gesellschaft. Jeder Vierte spioniert hierzulande seine Nachbarn aus – wahrscheinlich hebe ich bloss die Frauenquote an. Juristisch bin ich indes fein raus. Denn: Jeder Mensch darf beobachten, was und wen er möchte. Aber: Sollte ich ein Fernrohr zur Hand nehmen oder extra auf einen Baum klettern, um mein argloses Gspänli beim Zähneputzen zu studieren, habe ich ein Problem. Wenn ich es dann auch noch fotografiere und ins Netz stelle, mache ich mich definitiv strafbar.

«Es wäre für ihn ein Leichtes, meine von hinten beleuchtete Silhouette auf dem Balkon zu entdecken.»

Doch gemach: Ich brauche keine Trophäe. Es käme mir auch nie in den Sinn, auf dem Türschild nachzusehen, wie mein Nachbar heisst. Ich habe nicht einmal das Bedürfnis, ihn zu googlen, wie das ­andere tun. Umfragen zufolge macht sich ­nämlich jeder Fünfte im Internet über seine Nachbarn schlau. Sind die zwei über mir schwul oder eine Männer-WG? Ist die junge Frau von unten vielleicht Krankenschwester? Und wo macht sie eigentlich Ferien? Im Vergleich dazu bin ich harmlos.

Mein Nachbar sieht es vermutlich ähnlich. Jedenfalls scheint er sich nicht akut um seine Privatsphäre zu sorgen. Es wäre für ihn ein Leichtes, meine von hinten beleuchtete Silhouette auf dem Balkon zu entdecken. Aber mein Nachbar hat noch nie aus dem Fenster geschaut. Ich – und die anderen fünfzig Augenpaare auf der anderen Strassenseite – sind ihm anscheinend völlig schnuppe. Das finde ich prima. Denn sollte er mir irgendwann zuwinken, wäre dies das Ende unserer Beziehung.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 07.12.2019, 18:20 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich wollte auf keinen Fall voyeuristisch wirken»

Als erster Comic wurde «Sabrina» 2018 für den Man Booker Prize nominiert. Autor Nick Drnaso sagt, was sein Buch mit Fake News und Donald Trump zu tun hat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Brenzlige SituationEin Demonstrant springt während Protesten in Beirut über eine brennende Barrikade. (14. Januar 2020)
(Bild: Mohamed Azakir ) Mehr...