Migros-Regionalfürst kann nicht sagen, wo 1,7 Millionen sind

Ein neues Parteigutachten, das die Migros Neuenburg-Freiburg in Auftrag gab, deckt schwerwiegende Versäumnisse ihres Präsidenten Damien Piller auf.

Damien Piller will nicht zurücktreten, aber auch nicht wieder als Präsident gewählt werden. Foto: Béatrice Devènes / Lunax

Damien Piller will nicht zurücktreten, aber auch nicht wieder als Präsident gewählt werden. Foto: Béatrice Devènes / Lunax

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Der Streit zwischen Damien Piller und der Migros entwickelt sich zum Krieg der Experten. Mit jedem neuen Untersuchungsbericht, den er vorlegt, versucht der Präsident der Migros-Genossenschaft Neuenburg-Freiburg zu erklären, wozu die Zahlungen über 1,7 Millionen Franken dienten, die an seine Firmen gingen.

Doch es will ihm nicht gelingen – auch nicht mit dem neusten Bericht, den Piller am Freitag vorlegte.

Die Vorgeschichte: Dem Regionalfürsten wird vorgeworfen, sich 2014 und 2015 beim Bau der Migros-Filialen in Belfaux FR und La Roche FR unrechtmässig bereichert zu haben. Der Migros-Genossenschafts-Bund und die Geschäftsleitung der Regionalgenossenschaft reichten im Juli Strafanzeige gegen Piller ein: Verdacht auf ungetreue Geschäftsführung.

In den beiden Jahren gingen zwei Zahlungen von je 864'000 Franken von der Migros-Regionalgenossenschaft an die beiden Freiburger Immobiliengesellschaften Anura und Constructor. Der heute 61-jährige Unternehmer und Immobilienentwickler war zum Zeitpunkt der ersten Zahlung Eigentümer von Anura. Ein Jahr später gehörte ihm auch die zweite Gesellschaft Constructor. Gleichzeitig dominiert Piller die Migros Neuenburg-Freiburg seit mehr als zwei Jahrzehnten. Er ist seit 23 Jahren Präsident ihrer Verwaltung – so heisst der Verwaltungsrat in der Migros. Zu wenig Kontrolle, keine Protokolle

Niemand weiss bis heute, welche Gegenleistungen die Migros-Regionalgenossenschaft für die 1,7 Millionen Franken erhielt. Dieses Rätsel belastet Damien Piller schwer. Ein Gutachten, das der Migros-Genossenschafts-Bund bei der Anwaltskanzlei Baker McKenzie in Auftrag gegeben hatte, kam zum Schluss, es lasse sich nicht nachvollziehen, welche Gegenleistungen die ­Genossenschaft Neuenburg-Freiburg für die 1,7 Millionen erhalten habe. Es mache den Anschein, dass das Geld ­Piller zugeflossen sei.

Nun konterte Piller vorgestern Freitag mit einem neuen Expertengutachten. Dieses wurde von der Verwaltung der Migros Neuenburg-Freiburg in Auftrag gegeben – also von jenem Gremium, das Piller präsidiert. Er befinde sich jedoch wegen der Anschuldigungen im Ausstand, sagt André Clerc, der Anwalt der Verwaltung.

Dieses Gegengutachten bestätige die «Unschuld» von Piller, teilte die Migros Neuenburg-Freiburg mit. Er habe sich «nicht unrechtmässig bereichert». Doch der Gutachter, der Genfer Anwalt Alan Hughes, stellt auch schwere Versäumnisse von Piller fest. Es habe zum Zeitpunkt der beiden Zahlungen ­«bedeutende Mängel in der Arbeit der Direktion» und eine «ungenügende Beaufsichtigung durch die Verwaltung» gegeben.

Der Ausgangspunkt für die Strafanzeige

Was das konkret heisst, verrät Philippe Leuba, der Anwalt von Damien Piller. Er sagt: «Mein Klient hat sich nicht persönlich bereichert.» Aber Piller habe den Verwaltungsrat und die Direktion der Regionalgenossenschaft «nach altem Stil» geführt. Sprich: Er hat die Direktion zu wenig kontrolliert. «Die Entscheide wurden nicht immer dokumentiert und protokolliert», sagt Leuba. Diese äusserst schwerwiegenden Feststellungen von Gutachter Alan Hughes seien der Beweis für dessen Unabhängigkeit, schiebt er nach. Auf die Frage, ob Piller angesichts der aufgedeckten Versäumnisse nun zurück­trete, sagt Leuba: «Nein. Er hat aber gesagt, dass er nächstes Jahr keine Wiederwahl anstrebt.»

Ist die Affäre nun beigelegt? Keineswegs. Die wichtigste Frage bleibt offen: Wozu dienten die 1,7 Millionen Franken? Wie werden die beiden Zahlungen gerechtfertigt?

Es gebe nach wie vor keine nachgewiesenen Gegenleistungen für die Zahlungen an die beiden Unternehmen von Damien Piller, sagt der Sprecher des Migros-­Genossenschafts-Bunds, Tristan Cerf. Das am Freitag vorgelegte Parteigutachten sei das dritte in Folge, das zu diesem Schluss komme. Die Migros-Zentrale halte darum ihre Strafanzeige aufrecht und fordere die Justizbehörden auf, ihre Ermittlungen fortzusetzen, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Pillers Anwalt Philippe Leuba schreibt, sein Klient anerkenne, dass es womöglich ein weiteres Gutachten brauche, um den Fall aufzuklären.

Das Gutachten des Migros-Genossenschafts-Bundes und das neue Gegengutachten des Verwaltungsrats von Piller haben einen Punkt gemeinsam: Niemand weiss, was mit den 1,7 Millionen Franken genau geschehen ist. Schon das Gutachten von Baker McKenzie kam zu diesem Schluss – das war der Ausgangspunkt für die Strafanzeige des Migros-Genossenschafts-Bundes.

Doch auch Damien Piller kann nicht sagen, wo die Summe gelandet ist und wie sie verwendet wurde. Auch das Gutachten von Alan Hughes gibt dazu keine Erklärung, wie Pillers Anwalt Philippe Leuba einräumt.

Tristan Cerf, der Sprecher der Migros-Zentrale in Zürich, sagt dazu: «Es gibt innerhalb der Migros-Gruppe klare Regeln zur guten Unternehmensführung. Es ist nach unserer Ansicht nicht tolerierbar, dass zum Nachteil der Migros Neuenburg-Freiburg Geld an Gesellschaften ihres Präsidenten floss. Der Verdacht auf ungetreue Geschäftsführung bestehe weiter.

Der Fall ist nun in der Hand der Justizbehörde

Pillers Anwalt Philippe Leuba schreibt, sein Klient anerkenne, dass es womöglich ein weiteres Gutachten brauche, um den Fall aufzuklären. Mit einem solchen soll die Buchhaltung durchforstet werden, um die Gegenleistungen für die 1,7 Millionen Franken ausfindig zu machen. Dass dies zurzeit nicht möglich sei, sei womöglich dem Umstand geschuldet, dass Pauschalbeträge von der Migros-Regionalgenossenschaft an die beiden Unternehmen von Piller flossen und nicht kleinere Einzelbeträge für konkrete Leistungen. Es habe aber in jedem Fall eine Gegenleistung für die Geldflüsse gegeben.

Der Fall ist nun in der Hand der Justizbehörden. Die Ermittlungen seien im Gang, bestätigt die Staatsanwaltschaft des Kantons Freiburg. Die Voruntersuchung wird von Staatsanwalt Fabien Gasser geführt. Sie wird zeigen, ob es genügend Anhaltspunkte gibt, um gegen Damien Piller ein Strafverfahren zu eröffnen.

Mitarbeit: Armin Müller



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Erstellt: 12.10.2019, 20:59 Uhr

Migros betreibt frühere Direktorin der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg

Ein Whistleblower deckte gegenüber dem Migros-Genossenschafts-Bund 2017 den Fall Damien Piller auf. Die Migros-Zentrale in Zürich beauftragte darauf den Zürcher Anwalt Mark Livschitz damit, die Vorfälle zu durchleuchten. Von Livschitz befragte Zeugen berichteten von äusserst heiklen Aussagen von Marcelle Junod, der damaligen Direktorin der Migros Neuenburg-Freiburg, die vor zwei Jahren pensioniert wurde. Auf Seite4 des Gutachtens von Livschitz heisst es, Junod habe während eines Gesprächs erklärt, dass die beiden Zahlungen in Höhe von 1,7 Millionen Franken, derentwegen die Staatsanwaltschaft Freiburg ermittelt, «eine Form der Anerkennung gegenüber Damien Piller» seien. Und zwar für «seinen Beitrag, um gewisse Situationen zu deblockieren, namentlich bei Baugesuchen».

Marcelle Junod dementiert auf Anfrage diese Zeugenaussagen vehement. Sie sagt: «Das ist eine Lüge.» André Clerc, der Anwalt des Verwaltungsrats der Migros Neuenburg-Freiburg, sagt: «Gewisse Worte wurden vom Zürcher Experten aus dem Französischen falsch übersetzt.» Der Migros-Genossenschafts-Bund geht jedoch nach Damien Piller auch auf Junod los. Er hat gegen sie eine Betreibung in Höhe von 1,7 Millionen Franken eingereicht. Ein Sprecher will die Zahl nicht bestätigen, sagt aber, die Betreibung sei «eine präventive Massnahme», um eine allfällige Zivilklage zu ermöglichen und eine Verjährung abzuwenden. Junod wollte dazu keine Stellung nehmen.

Dominique Botti

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