Milo Raus Film gegen Massaker

Der Filmemacher kehrt zurück in den Kongo, wo er mit seinem «Tribunal» das Unrecht bekämpfen will.

Milo Rau beim Dreh für den Film über die Massaker im Kongo.
Foto: Mirjam Knapp

Milo Rau beim Dreh für den Film über die Massaker im Kongo. Foto: Mirjam Knapp

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Als wir durch die Gates des Istanbuler Flughafens gerannt sind – über Rolltreppen und vorbei an Touristen – , haben wir die Schrecknisse vorerst hinter uns gelassen: den Rebellenführer, für den Vergewaltigungen etwas Normales waren; den kongolesischen Polizei­minister, der freimütig einräumte, dass seine Truppen nicht im Dienst waren, als in einer Nacht 35 Menschen abgeschlachtet wurden.

Erleichtert sinken wir in die Sitze des Flugzeugs, das uns von Istanbul in die Schweiz zurückbringen wird. Wir haben also den Anschlussflug trotz Verspätung doch noch erreicht, sind gesund auf dem Rückweg in die Schweiz. Selbstverständlich ist das nicht, wenn man, wie wir – die Filmcrew und der Journalist als Beobachter –, über Istanbul und Ruanda in den Kongo reist, wo Konflikte in den vergangenen zwanzig Jahren weit über sechs Millionen Opfer gefordert haben.

Eigentlich eine völlig hirnrissige Idee: in ein Bürgerkriegsgebiet zu reisen, um vor Ort mit einem Theatertribunal das Unrecht anzuklagen. Und dann nochmals zurückzukehren, um den Machthabern und der Bevölkerung den Film darüber zu zeigen, der nichts an Deutlichkeit vermissen lässt.

Aber genau das hat der Schweizer Regisseur Milo Rau gemacht, der bei uns mit seinem Theaterprozess gegen die «Weltwoche» und seinen Kolumnen für die SonntagsZeitung bekannt wurde: Unter Beteiligung von Vertretern der Regierung und der politischen Opposition, Rohstoffkonzernen und NGOs fand im ostkongolesischen Bukavu ein dreitägiges Tribunal statt, das anhand von konkreten Fällen das Unrecht im Kongo untersuchen wollte – ausgehend von zwei Rohstoffkonflikten und einem Massaker.

Die problematische Rolle der UNO

Jetzt kommt der Film zum Tribunal in die Schweizer Kinos. Und damit kehren auch die Erinnerungen zurück an die Kongo-Aufenthalte, an die Regierungsvertreter, die ihre Macht so offensichtlich missbrauchten, an das Geständnis des Vergewaltigers und an diesen einen wutschnaubenden NGO-Mann: «You totally missed the point.» Ihr habt den Punkt total verpasst, sagte er immer wieder.

Dabei scheint doch alles klar. Gerade nach den Paradise Papers, die mit Nachdruck deutlich machten, wie europäische Rohstoffkonzerne knallhart um Deals feilschen – zum Nachteil der kongolesischen Bevölkerung. «Es ist wichtig, dass es diesen Film gibt», sagt Bundesrätin Sommaruga, die sich Raus «Kongo Tribunal» am Filmfestival von Locarno angesehen hat: «Der Film macht deutlich, weshalb die Bevölkerung in rohstoffreichen Staaten oft so arm ist.»

«Die UNO hätte eingreifen sollen»

Das leistet Milo Raus «Kongo Tribunal» tatsächlich: Er zeigt auf, wie die unabhängigen Schürfer von den grossen internationalen Konzernen mit Schlägen und mit Schusswaffen von den Minen verdrängt werden, wie das Gerangel um die Rohstoffe ethnische Konflikte schürt. Und er wirft auch ein Schlaglicht auf die problematische Rolle der UNO, die im Kongo seit mehreren Jahren ihre weltgrösste Mission unterhält. 1,2 Milliarden Dollar kostete diese allein im letzten Jahr. Dennoch schritten die Blauhelme nicht ein, als 2014 nur wenige Kilometer von einer UNO-Basis entfernt das Massaker von Muta­rule verübt wurde, das Rau mit seinem Tribunal untersuchen wollte.

«Erfahrungsgemäss werden solche Massaker so rasch verübt, dass die Einsatzkräfte immer zu spät kommen», sagte Daniel Ruiz, Chef der UNO-Friedensmission im Ostkongo, nach der Kongo-Premiere des Films. Die UNO sei auch nicht dafür da, die kongolesische Polizei oder Armee zu ersetzen – dafür hätte sie kein Mandat. Die Aufgabe der UNO bestehe darin, das Land zu stabilisieren, damit solche Massaker gar nicht verübt werden können. «Im konkreten Fall von Mutarule deutet dennoch vieles darauf hin, dass die UNO hätte eingreifen sollen», so Ruiz.

Während der UNO-Chef mit den Zuschauern noch über den Film diskutierte, tickte vor dem Kinosaal der NGO-Mann komplett aus. Das «Tribunal» verzerre die Wirklichkeit, argumentierte der Amerikaner. Nicht die schmutzigen Geschäfte mit den Rohstoffen seien die Ursache des Unrechts, sondern das Versagen des Staates.

Tribunale könnten Lynchjustiz Vorschub leisten

Tatsächlich ist gerade die Abwesenheit des Staates eine der Ursachen für die Misere im Herzen Afrikas: «Die kongolesische Justiz ist wie ein Fussballspiel, bei dem sich niemand an die Regeln hält», sagt der Anwalt Sylvestre Bisimwa, der 2015 den Vorsitz von Raus Tribunal übernahm. Bisimwa hatte bereits vor einigen Jahren die Idee der «Chambres mixtes» entwickelt: Mithilfe von kongolesischen und internationalen Richtern soll das Unrecht untersucht werden, das im Kongo oft weitab der Städte verübt wird. Weshalb Opfer schon allein aus finanziellen und logistischen Gründen keine Möglichkeit haben, in den Städten oder gar am Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag Gerechtigkeit für sich zu fordern.

Der Trailer zu «Kongo Tribunal». Video: Youtube

Bisimwa will nun weitere symbolische Tribunale zu den zahlreichen Massakern im Kongo durchführen. Dafür sollen mit Raus Film Spenden in Europa und anderswo auf der Nordhalbkugel gesammelt werden. Einige sagen, solch symbolische Tribunale seien gefährlich, weil mit ihnen einer Lynchjustiz Vorschub geleistet werden könnte. Gerade in einem Land wie dem Kongo, wo aus weitaus nichtigeren Gründen Menschen umgebracht werden, als sie das «Kongo Tribunal» verhandelt hat.

Raus Film erreiche genau das Gegenteil

Kritiker sagen zudem, Raus Film erreiche genau das Gegenteil von dem, was er bezwecke: Er mache die Kongolesen zu Opfern, die sich aufgrund des Films ermutigt fühlen könnten, sich in dieser Rolle zu gefallen und in totale Abhängigkeit gegenüber den internationalen Hilfswerken zu begeben.

Als wir im Kongo waren, erlebten wir aber das Gegenteil: «Wir wollen ein richtiges Tribunal!», forderten einige Demonstranten vor dem Theatersaal. Sie hatten die Chance erkannt, wie sie Raus Tribunal und den Film als Plattform für sich nutzen können. Denn auch sie wollen nichts anderes als Gerechtigkeit für den Kongo.


Film mit Symposium am 30. 11. in der Zürcher Gessnerallee, am 1. 12. im Kino Rex in Bern. Dieser Artikel wurde finanziell vom Medienfonds «Real 21 – die Welt verstehen» mitermöglicht.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.11.2017, 08:43 Uhr

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