Mit Paracetamol zum Zappelphilipp

Schlucken Schwangere das Schmerzmittel häufig, haben die Kinder ein erhöhtes Risiko, später ADHS ­zu entwickeln. Panik ist jedoch nicht angebracht.

Beim Umgang mit Medika­menten ist in der Schwangerschaft generell Vorsicht geboten. Foto: Getty Images

Beim Umgang mit Medika­menten ist in der Schwangerschaft generell Vorsicht geboten. Foto: Getty Images

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Der Verdacht bestand schon eine Weile: Frauen, die während der Schwangerschaft regelmässig das Schmerzmittel Paracetamol schlucken, riskieren möglicherweise, dass ihr Kind später an einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leidet. Diesen Schluss legten mehrere Studien aus den letzten Jahren nahe. Allerdings waren deren Daten nicht über alle Zweifel erhaben. Schweizer Experten befanden daher vor zwei Jahren, dass man an der gängigen Praxis – Paracetamol gilt als das einzige unbedenkliche Schmerz- und Fiebermittel in der Schwangerschaft – nichts ändern müsse.

Nun erhärtet eine aktuelle norwegische Studie aber die Befürchtungen, zumindest teilweise. Gemäss der Ende Oktober im Fachblatt «Pediatrics» publizierten Studie kann sich das ADHS-Risiko für das Kind bei sehr häufiger Paracetamol-Einnahme während der Schwangerschaft verdoppeln. «Paare mit Kinderwunsch sollten vor Paracetamol gewarnt werden», schreibt der medizinische Informationsdienst Medscape.

Kausalität nicht abschliessend erwiesen

Nur: Einen klaren Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Paracetamol und dem Auftreten von ADHS bei den Kindern kann auch die neue Studie nicht liefern. Viele der berechneten Zusammen­hänge bewegen sich in einer Grauzone, die keine zuverlässigen Schlüsse zulässt: Die Daten deuten zwar einen Trend an, sind aber statistisch nur knapp gesichert oder gar ungenügend. Mit anderen Worten: Auch die aktuelle Studie steht auf eher wackligen Füssen.

«Wir sind beim Kommentieren neuer Studien sehr vorsichtig.» Brigitte Holzgreve, Swissmom.ch

Deshalb reagiert Brigitte Holzgreve von der Informationsplattform Swissmom zurückhaltend. Durch solche Meldungen würden viele Frauen unnötig verunsichert, sagt die Ärztin und Swissmom-Redaktionsleiterin. «Wir sind daher beim Kommentieren neuer Studien sehr vorsichtig.»

Für ihre Studie stützten sich die Forscher auf Daten der «Norwe­gian Mother and Child Cohort Study». Diese umfasst rund 115'000 Kinder, 95'000 Mütter und 75'000 Väter aus ganz Norwegen. Väter und Mütter mussten etwa in der 18. Schwangerschaftswoche einen Fragebogen ­ausfüllen, die Mütter zusätzlich nochmals später in der Schwangerschaft und nach der Geburt. Etwa vier Prozent der Kinder entwickelten später ein ADHS – das entspricht auch etwa der Häufigkeit des Zappelphilipp-Syndroms in der Schweiz.

Viele Wirkstoffe passieren die Plazentaschranke

Bei der Auswertung der Daten zeigte sich: Frauen, die während der Schwangerschaft nur gelegentlich oder selten ein Paracetamol schluckten, liefen keine Gefahr, dass ihr Baby später ein ADHS-Kind wird. Nur wer sehr häufig ein Paracetamol einnahm – insgesamt 29 Tage oder länger –, verdoppelte das ADHS-Risiko für das Kind in etwa. Allerdings schluckte weniger als jede hundertste Schwangere der Kohorte so häufig eine ­Tablette des Schmerz- und Fiebermittels.

«Eine Behandlung mit Paracetamol über 29 Tage ist sehr ungewöhnlich», kommentiert die Apothekerin Ursula Winterfeld vom Swiss Teratogen Information Service am Universitätsspital Lausanne. Man könne nicht ausschliessen, dass es sich dabei um Patienten mit einer besonders schweren Erkrankung handle.

Bilder: Leben mit ADHS

Auch ein anderes Resultat der Studie kommentiert Winterfeld eher skeptisch. Demnach erhöhen auch Väter das ADHS-Risiko ihrer Kinder, wenn sie in den sechs Monaten vor der Schwangerschaft häufig Paracetamol schlucken. «Das scheint mir wenig plausibel.»

Generell ist der Medikamenten­gebrauch während der Schwangerschaft ein heikles Thema. Viele Wirkstoffe passieren problemlos die Plazentaschranke und wirken daher auch auf den Fötus. «Deshalb sollten sich schwangere Frauen unbedingt ärztlich beraten lassen, bevor sie ein Medikament einnehmen», sagt Winterfeld. Das gelte auch für nicht rezeptpflichtige Arzneien wie Aspirin, Paracetamol oder Ibuprofen.

Gegen Migräne wirkt der Fiebersenker nur schwach

Zudem gibt es Zweifel an der Wirksamkeit von Paracetamol (Handels­namen: Dafalgan, Panadol, Ben-U-Ron usw.). Die Cochrane Collaboration, ein Netzwerk für evidenzbasierte Medizin, kam jedenfalls zum Schluss, Paracetamol sei «viel benutzt und grossteils unwirksam». Es wirke weder bei ­Rückenschmerzen, neuropathischen Schmerzen noch bei Krebsschmerzen und höchstens schwach bei Migräne, Osteoarthritis und Operationsschmerzen. Seine Rolle als effektiver Fiebersenker ist indes unbestritten.

Zur Panikmache taugt die neue Studie also nicht, sehr wohl aber als Aufruf zu einem vorsichtigen Umgang mit Paracetamol. Denn mittlerweile sind etwa fünf Studien jeweils zu einem ähnlichen Schluss gekommen – nämlich, dass die häufige Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft das Risiko für ADHS beim Kind möglicherweise erhöhen kann.

«Wir mahnen sowieso zur Vorsicht», sagt Winterfeld. «Generell sollte man Medikamente in der Schwangerschaft nur entsprechend ihrer Indikation und in minimal wirksamer Dosierung ­einnehmen.» Es gebe keinen Grund, diese Praxis zu ändern, befanden Winterfeld und Kollegen schon vor zwei Jahren in der «Schweizerischen Ärztezeitung». «Daran ändert auch die neue Studie nichts.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.12.2017, 20:24 Uhr

Das hilft bei Schmerzen in der Schwangerschaft

Eine Schwangerschaft kann mit verschiedensten Beschwerden und Schmerzen einhergehen. Bei der Behandlung ist indes Vorsicht angezeigt – viele Medikamente können das Ungeborene potenziell schädigen. Bei Schmerzen und Fieber gilt nach wie vor Paracetamol als Mittel der Wahl, bei gelegentlicher Einnahme gilt der Wirkstoff als unbedenklich.

Für eine Behandlung von Rücken- und Kopfschmerzen gibt es aber auch nicht medikamentöse Alternativen. Bei Rückenschmerzen kann zum Beispiel ein warmes Vollbad helfen, eine heisse Bettflasche oder eine Seiten­lage mit stützenden Kissen zwischen den Knien und unter dem Bauch. Bei Kopfschmerzen können eine kalte Dusche, ein Eisbeutel auf der Stirn, ein Spaziergang oder eine Schultermassage Linderung bringen. (nw)
Quelle und mehr Infos: www.swissmom.ch

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