Mythos Jungfernhäutchen

Frauen auf ihre Unberührtheit zu testen, ist zwar wissenschaftlicher Humbug, aber weltweit gang und gäbe.

Die Jungfräulichkeit lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen. Symbolbild: iStock

Die Jungfräulichkeit lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen. Symbolbild: iStock

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Im Nachhinein erklärte er eilig, das Ganze nicht ernst gemeint zu haben: Die Aussage, seine 18-jährige Tochter zu einem jährlichen Jungfernhäutchentest beim Gynäkologen zu begleiten, sei bloss ein Witz gewesen.

Das nahm dem amerikanischen Rapper T. I. aber niemand ab. Denn so archaisch die Prozedur im Jahr 2019 klingen mag, so häufig wird sie noch vorgenommen. Die Idee, im weiblichen Körper sei da ein Häutchen vorhanden, das sozusagen als züchtiges Einfallstor über die Reinheit wache und je nach Zustand zweifelsfrei Auskunft darüber gebe, ob die Frau Geschlechtsverkehr gehabt habe oder nicht, hält sich hartnäckig.

So hartnäckig, dass die WHO im Herbst letzten Jahres ein weltweites Verbot forderte, weil «Jungfräulichkeit kein wissenschaftlicher Begriff ist, sondern ein soziales, kulturelles und religiöses Konstrukt, das der Diskriminierung von Mädchen und Frauen dient».

Das ärztliche Jungfräulichkeitszertifikat

Tatsächlich lässt sich die Jungfräulichkeit nicht wissenschaftlich nachweisen. Oder umgekehrt: «Es ist medizinisch schlicht unmöglich, vom Zustand des Jungfernhäutchens auf das Sexualleben einer Frau zu schliessen», sagt ­Irène Dingeldein, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Und das Häutchen sei kein Häutchen, sondern eine Art Gewebering: «Manchmal ist er rund, manchmal sichelförmig, aber immer enorm elastisch. Deshalb reisst er nicht zwingend beim Geschlechtsverkehr. Die Vorstellung, Frauen seien im Innern quasi abgedichtet, ist abstrus – wo sollte denn so das Menstruationsblut hin?»

Das ändert nichts daran, dass in patriarchalischen Gesellschaften der Wert von Frauen nach wie vor an ihrer Unberührtheit bemessen wird. In Marokko etwa ist für sie ein ärztliches (!) Jungfräulichkeitszertifikat Pflicht, um heiraten zu dürfen, und in Indonesien, um für den Dienst bei Polizei und Militär zugelassen zu werden. Mehrmals jährlich werden auch in der Sprechstunde des Inselspitals Bern muslimische Väter mit ihren Töchtern vorstellig. Irène Dingel­dein lehnt deren Ansinnen stets ab und erklärt jeweils ausführlich, weshalb. Ein Verbot der Tests hält sie zumindest hierzulande für unnötig, weil «in der Schweiz keine medizinisch geschulte Person eine solch obsolete Untersuchung durchführen» würde. International aber fände sie das eine gute Idee.

In den USA etwa wurde kurz nach dem Interview von T. I. im Staat New York ein entsprechender Vorstoss im Senat eingereicht: Medizinisches Personal, das Jungfräulichkeitstests vornimmt, soll sich künftig strafbar machen, weil das Prozedere wissenschaftlich nicht haltbar sei und die körperliche Integrität der Frau verletze. Ebenfalls bestraft werden sollen Nichtfachpersonen – die entsprechende Examination eines Mädchens oder einer Frau würde automatisch als sexueller Übergriff geahndet.



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Erstellt: 08.12.2019, 21:55 Uhr

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