Mythos Wiedereinstieg

23 Jahre Hausfrau, Scheidung und plötzlich heisst es «nicht vermittelbar» – die Folgen eines jahrelangen Berufsaustiegs.

Illustration: Birgit Lang

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Nach 23 Jahren Ehe und drei Kindern blieb: «Nicht vermittelbar.» Für den Arbeitsmarkt nicht geeignet. Ausschussware. Priska Meier (Name geändert), die als Hausfrau zwei Jahrzehnte lang dafür gesorgt hatte, dass das Projekt Familie lief wie ein kleines, geöltes Räderwerk, und dann von einem Tag auf den anderen ausgemustert wurde, weil ihr Mann eine Jüngere fand, sagt: «Ich würde heute alles anders machen.»

Priska Meier ist 55, geschieden, und findet keinen Job. Weil die Arbeitswelt nicht auf Frauen in ihrem Alter gewartet hat. Als sie ihren Mann heiratete, verdiente sie mehr als er. Beide hatten studiert, Priska Meier war vier Jahre älter und deshalb beruflich weiter. Dann kamen die Kinder, sie steckte zurück, ihnen zuliebe, der Karriere ihres Mannes zuliebe. Der Wunsch, wieder arbeiten zu gehen, war immer da, aber immer war anderes wichtiger. Wichtiger als sie.

Mit Mitte 40 gab sie sich einen Ruck, nahm nochmals eine Ausbildung in Angriff. Dann erkrankte ihre jüngste Tochter schwer, Priska Meier brach den Lehrgang ab. Auf ihren Mann konnte sie bei der Betreuung nicht zählen, er arbeitete viel, oft bis spät, unregelmässig noch dazu. Als Priska Meier 53 war, wollte er die Scheidung.

«Ich war zu lange weg vom Fenster.»Priska Meier, 23 Jahre lang nicht erwerbstätig

«Ich bin Hausfrau», sagte sie beim Gerichtstermin, als der Richter sie nach ihrem Beruf fragte. Er fand das schön. Auch ihr Mann hatte das schön gefunden, 23 Jahre lang, weil praktisch und angenehm, aber dann plötzlich nicht mehr. Sie solle nun ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, befand er, die Kinder seien schliesslich draussen. Der Richter sah das ebenfalls so. Ihre Anwältin nicht. Die sagte: «Meine Mandantin ist 53 und war 23 Jahre lang nicht erwerbstätig. Sie hat keine Chance, einen Job zu finden. Sie ist nicht vermittelbar.»

Der Satz hat Priska Meier sehr geschmerzt, «eine bittere Bilanz». Aber sie sagt heute, zwei Jahre später, auch: «Meine Anwältin hatte recht. Ich war zu lange weg vom Fenster. Ich habe meine Fremdsprachen nicht gebraucht, am Computer kann ich nur das Nötigste. Die Jüngeren sind billiger, besser, schneller. Ich bin tatsächlich: nicht vermittelbar.» Sie findet seit zwei Jahren keinen Job.

Was zählt, ist die Lücke im Lebenslauf

Andrea Gisler, Präsidentin der Frauenzentrale Zürich und Anwältin im Fachgebiet Familienrecht, kennt viele solcher Fälle. Von Frauen, deren Männer jahrelang von der klassischen Rollenverteilung profitierten – und dann bei der Scheidung verlangen, die ehemalige Gattin solle fortan gefälligst selbst für sich aufkommen. Dass die Frauen ihren Anteil am gemeinsam beschlossenen Familienmodell geleistet haben, wird nicht anerkannt. Die Männer versuchen vielmehr oft, so wenig Unterhalt wie möglich zahlen zu müssen. Mitunter, sagt Andrea Gisler, fielen an Verhandlungen Sätze wie: «Ich habe dich jetzt 20 Jahre lang durchgefüttert, es ist an der Zeit, dass du dich selber finanzierst.»

Das ist nicht nur unfair. Es ist vor allem unrealistisch. Denn so vollmundig die weibliche Familienarbeit als wichtiger Beitrag gepriesen wird – in der Berufswelt zählt sie nichts. Was zählt, ist die Lücke im Lebenslauf. «Der Arbeitsmarkt ist ein Wettbewerb», sagt Chris­tine Jordi, Inhaberin der Beratungsfirma Jor-Di Consulting mit Schwerpunkt Diversity and Inclusion, «dessen muss man sich bewusst sein. Wenn sich die Konkurrenz laufend weiterbildet und Erfahrung sammelt, dann hat schlechte Karten, wer jahrelang pausiert hat.»

Priska Meier berichtet von befreundeten Akademikerinnen, die nach Jahren beruflicher Absenz wiedereingestiegen sind – zu einem deutlich tieferen Lohn als früher, zu einem deutlich tieferen Lohn als die jüngeren Kolleginnen und Kollegen auch. Und bei denen es trotz universitärem Abschluss nur für zweitklassige Tätigkeiten reichte: «Eine Freundin von mir ist Mathematikerin, die 15 Jahre lang nicht berufstätig war. Alles, was sie beim Wiedereinstieg bekam, war eine Stelle als Telefonistin. Vor ihrer Familienpause hätte sie in derselben Firma vermutlich zum Kader gehört.»

Es ist dann an den Frauen, beim Sozialamt vorstellig zu werden.

Wirtschaftsprofessorin Gudrun Sander von der Universität St. Gallen und dort unter anderem Direktorin des Programms «Women Back to Business», wundert das nicht: «Nach einigen Jahren raus aus dem Beruf ist es oft eine Illusion, da weitermachen zu können, wo man aufgehört hat.» Die Folgen einer länger andauernden Auszeit würden gewaltig unterschätzt, insbesondere Gutausgebildete könnten die entstandene Lücke ohne Weiterbildung kaum mehr aufholen; bei technisch-naturwissenschaftlichen Berufen werde es meist nach fünf Jahren «hochkritisch». Und Wiedereinsteigerinnen seien häufig chancenlos, wenn sie sich online auf eine Stelle bewerben würden: «Da fallen sie aufgrund ihres Lebenslaufs automatisch sofort raus.»

Anwältin Andrea Gisler, deren Klientinnen das oft genug schmerzhaft erfahren, bringt es so auf den Punkt: «Bei IV-Bezügern und Arbeitslosen gilt das Credo: ‹So schnell wie möglich zurück in den Arbeitsmarkt›. Nur den Hausfrauen sagt das niemand.» Dabei ist Hausfrau zu sein heute ein grösseres Risiko als früher, vor allem aus finanzieller Sicht – weil Ehen im Schnitt nur noch 15 Jahre lang halten. Und weil die einst üblichen, lebenslangen Renten an Ex-Gattinnen nahezu inexistent geworden sind. Priska Meier hat insofern Glück, als dass ihr Ex-Mann gut verdient; sie kommt mit den Unterhaltsbeiträgen auch ohne Job über die Runden. Zurücklehnen kann sie trotzdem nicht.

Sollte ihr Ex-Mann seine neue Partnerin heiraten und mit ihr eine Familie gründen, kann er einen Antrag auf Anpassung der Unterhaltsbeiträge stellen – mit empfindlichen Folgen für Priska Meiers Budget. Tritt dieser Fall ein, der so unrealistisch nicht ist, und hat sie bis dann keinen Job gefunden, wird es finanziell eng. Schon von Anfang an mit diesem Problem konfrontiert sehen sich all jene, die sich im Bereich des schweizerischen Durchschnittslohns von 6700 Franken bewegen: Müssen von einem Gehalt in dieser Grössenordnung zwei Haushalte finanziert werden, wird das Geld sehr schnell sehr knapp. Oft reicht es nicht. Es ist dann an den Frauen, beim Sozialamt vorstellig zu werden. Das trifft noch viel häufiger auf jene zu, die sich jung scheiden lassen, weiterhin Vollzeitmutter sind und dann mit Anfang 50, wenn die Unterhaltszahlungen eingestellt werden, bis zur Pensionierung finanziell auf sich allein gestellt sind.

Moni Suter (Name geändert) lebt von 3700 Franken im Monat. Sie ist 50, seit zwei Jahren getrennt, im Mai steht die Scheidungsverhandlung an. Beim letzten Gespräch sagte ihr Mann: «Ich zahle dir seit zwei Jahren 1600 Franken pro Monat, das sind bis jetzt 40'000 Stutz, es reicht.» Vor Gericht wird er sich nicht auf diesen Standpunkt stellen können, das weiss Moni Suter, verletzend war es trotzdem, zumal sie sich nach der Trennung weiterhin um den gemeinsamen behinderten Sohn kümmert.

Im Unterschied zu Priska Meier ist sie trotz langjähriger, klassischer Rollenteilung bereits seit ein paar Jahren Teilzeit erwerbstätig; sie arbeitet als Rotkreuzhelferin in einem Altersheim. Weil das Personal knapp ist, bot sie an, ihr Pensum aufzustocken, von 40 auf 60 Prozent. Der Arbeitgeber lehnte ab; es fehle ihr an der nötigen Qualifikation, man benötige keine Pflegehilfen, sondern Fachangestellte Gesundheit. Moni Suter erklärte sich bereit, die entsprechende Ausbildung zu absolvieren. Die Antwort ihres Chefs hallt heute noch in ihren Ohren nach: «Er sagte mir direkt ins Gesicht: ‹Wir investieren nicht in eine Frau über 50.›» Sie fragt: «Wenn man schon in einer Branche wie der Pflege, wo chronischer Personalmangel herrscht, auf mich verzichten kann, wo soll ich da sonst eine Chance haben?»

Der tiefe Lohn und die Pensionskasse

Immerhin: Kleine Pensen seien bes­ser als gar nichts, sagen Christine Jordi und Gudrun Sander. Den Anschluss nicht zu verlieren – Sander empfiehlt, nie unter 50 oder 60 Prozent erwerbstätig zu sein – sei nicht nur wegen der eigenen finanziellen Absicherung wichtig, sondern auch wegen des Selbstbewusstseins: Wer zu lange pausiere, traue sich nichts mehr zu, trete unsicher auf, verliere die Fähigkeit, sich zu verkaufen. Das erschwere den Wiedereinstieg zusätzlich.

Ein Haken bleibt allerdings auch dann: Bei einem sehr nied­rigen Pensum oder einem sehr tiefen Lohn ist die Gefahr gross, dass die einbezahlten Pensionskassenbeiträge vom gesetzlich vorgeschriebenen Koordinationsabzug weggefressen werden. Auch das rächt sich bei einer Scheidung: Die AHV alleine wird dann im Alter nicht reichen.

Priska Meier sagt deshalb: «Ich warne junge Frauen davor, sich in finanzielle Abhängigkeit zu begeben. Ich war zu oft typisch weiblich kompromissbereit, habe zu oft nachgegeben, meine Interessen hintangestellt.» Frauen sollten alarmiert sein, wenn ihre beruflichen Ambitionen vom Partner mit dem Satz ‹Das kannst du ja später machen› weggewischt würden. Dafür, dass sie sich auf «später» habe vertrösten lassen, bezahle sie jetzt, mit 55, einen hohen Preis: «Ich habe keine eigene Pensionskasse, keine Berufserfahrung, keinen Job und keine Aussicht auf einen Job. Ich habe diesbezüglich: gar nichts.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.03.2018, 18:48 Uhr

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