Nach Schock-Videos: Anzeige gegen Schlachthöfe

Die Stiftung für das Tier im Recht geht gegen zwei Betriebe im Waadtland vor. Die Vorwürfe: ­Misshandlung, unsachgemässer Einsatz von Betäubungsgeräten und qualvolle Tötung.

Panik im Schlachthof: Die Tiere werden direkt vor den Augen ihrer Artgenossen getötet.

Panik im Schlachthof: Die Tiere werden direkt vor den Augen ihrer Artgenossen getötet.

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Der Boden färbt sich rot. Grob trennt der Schlachter dem Rind mit einem Messer den Kopf ab. Daneben liegt ein Kälbchen auf dem Boden, es will aufstehen, rutscht aber auf dem Blut immer wieder aus. Nächste Aufnahme. Der Schlachter setzt den Bolzenschuss nicht richtig. Während er den Schnitt zur Öffnung der Halsschlagader ansetzt, versucht ein Kälbchen aufzustehen – es ist nicht richtig betäubt.

In einem anderen Raum drängen sich Schafe völlig verängstigt in eine Ecke. Der Schlachter packt ein Tier nach dem andern, betäubt sie und setzt zum tödlichen Schnitt an, bis alle, teils noch zuckend, am Boden liegen. Dann ist eine Ziege zu sehen, die völlig panisch ist, sie sieht, wie Tiere leblos an Haken von der Decke baumeln. Sie schreit, schlägt aus, wird mit Gewalt gepackt und getötet.

Diese verstörenden Videos stammen aus zwei Waadtländer Schlachthöfen in Avenches und Moudon. Sie wurden, offenbar heimlich, von März bis Oktober 2017 gefilmt und anonym der Tierschutzorganisation Pour l’Égalité Animale zugespielt. Die Aufnahmen zeigen, wie Tiere unfassbarem und unnötigem Stress ausgesetzt sind. Und offenbar noch mehr: «Wir haben die Aufnahmen im Juni und Juli ausgewertet und strafbare Handlungen festgestellt», sagt Christine Künzli, stellvertretende Geschäftsführerin und Rechtsanwältin bei der Stiftung für das Tier im Recht (TIR). Es handle sich um «gravierende Verstösse gegen des Schweizer Tierschutzgesetz, begangen durch Mitarbeiter der Schlachthöfe Avenches und Moudon».


Warnung der Redaktion: Die Szenen in diesem Video können verstörend wirken

Video: Vimeo/Association PEA


Diese Woche hat die Stiftung Strafanzeige gegen die beiden Schlachthöfe eingereicht. Mehrfach sei ein äusserst grober Umgang mit den Tieren zu sehen, heisst es darin. Die Tierschützer werfen den Betrieben ausserdem den «unsachgemässen Einsatz von Betäubungsgeräten» vor. Beides führe «zu erheblichen und unverhältnismässigen Schmerzen, Leiden und Schäden». Das erfülle den Tatbestand der Misshandlung. Dem Schlachthof Moudon wirft TIR überdies «qualvolle Tötung» vor.

Auch Kanton eröffnet Verfahren und verschärft die Kontrollen

Unter anderem ist zu sehen, wie Mitarbeiter des Schlachthofs mit der Betäubungszange hinter den Tieren her rennen, die völlig verängstigt zu flüchten versuchen und wieder in den Schlachtbereich gezerrt werden.

Bei einem Schaf muss der Mitarbeiter viermal ansetzen, bevor die Betäubung gelingt. Auf einer anderen Aufnahme zeigt ein wohl nicht ausreichend betäubtes Kalb mehr als nur unkontrollierte Zuckungen beim Ausbluten.

Die Videos haben auch den Kanton Waadt auf den Plan gerufen. Wie jetzt publik wird, hat das kantonale Veterinäramt die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet: «Wir haben Administrativmassnahmen ergriffen und Strafverfahren in die Wege geleitet», sagt Kantonstierarzt Gionvanni Paduto. «Dies erfolgte schon vor Monaten und unabhängig von der Strafanzeige der TIR.»


Warnung der Redaktion: Die Szenen in diesem Video können verstörend wirken

Video: Vimeo/Association PEA


Zudem wurden die Kontrollen verschärft. Die beiden Schlachthöfe seien jeweils einmal pro Jahr kontrolliert worden, wie es die Vorschriften der entsprechenden Bundesverordnung vorsehen würden, sagt Paduto. «Nun wurde die Häufigkeit der Kontrollen in diesen Betrieben erhöht.»

Die Verantwortlichen des Schlachthofs Avenches liessen eine Anfrage unbeantwortet. Laut Georges Louis Berchtold, Verwaltungsratspräsident des Betriebs in Moudon, würden die Videos eine Mischung von technischen Vorfällen» wiedergeben mit der «Absicht, den Eindruck von Grausamkeit» zu vermitteln. «Es handelt sich aber einzig um Funktionsstörungen bei den Betäubungsgeräten», sagt Berchtold. Inzwischen habe man in Absprache mit dem Veterinäramt verschiedene Massnahmen ergriffen. Unter anderen sei die Stelle eines Verantwortlichen für Tiersicherheit geschaffen und die Kadenz der Schlachtungen reduziert worden. Auch sei ein Tierarzt «ante et post mortem» anwesend, also vor und nach der Tötung des Tieres.

Zum Kundenkreis des Schlachthofs gehörte die Metzgerei Happy Meat in Renens. Man habe nur zwei bis drei Lämmer pro Jahr bezogen, heisst es dort. «Wir waren sicher einer der kleinsten Kunden», sagt Gesellschafter Kim Chiquet. Happy Meat setze sich für eine tierfreundliche Produktion ein. Den Anbieter habe man nach den Schock-Videos sofort gewechselt.

Erstellt: 13.10.2018, 22:58 Uhr

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